von Philipp Schmerheim

Verpackt in einen nächtlichen Dialog zwischen einem sterbenskranken Mädchen und ihrer Ärztin, ist Lara ein philosophisches Buch über die Mysterien des Lebens – und gleichsam nebenbei eine verständliche tour de force durch die Grundlagen der Lebenswissenschaften.

Bueno, Dacid / Macip, Salvador / Martorell, Eduard: Lara oder der Kreislauf des Lebens.
Carl Hanser Verlag, München 2017.
240 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-446-25477-0.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Die junge Lara leidet an der Autoimmunerkrankung Lupus und verbringt aufgrund eines Anfalls wieder eine Nacht auf der Intensivstation des Krankenhauses. Die Ärzte befürchten, dass sie die Nacht nicht überleben wird. Lara selbst hat sich nach jahrelangem Kampf gegen ihre Krankheit fast aufgegeben und sich von ihren Freunden und ihrer Familie zurückgezogen. Als sie spät in der Nacht nicht einschlafen kann, bekommt Lara Besuch von einer jungen Ärztin namens Carmen, die den Rest der Nacht bei ihr verbringt. Die beiden Frauen beginnen ein Gespräch über das Leben und die verschiedenen Formen, die es annehmen kann. Sie diskutieren über die Rolle von Mikroben und Bakterien, über die Ursprünge des Lebens im Universum und auf der Erde, über die Erfolge der Medizin, Krankheiten zu besiegen und das menschliche Leben zu verlängern, aber auch über ethische Aspekte des wissenschaftlichen Strebens nach Unsterblichkeit. Im Laufe der Nacht kommt Carmen, die Lara seltsam vertraut vorkommt, immer wieder auf das junge Mädchen selbst zu sprechen – dass sie sich im Kampf gegen den Lupus noch nicht aufgeben und ihre Freunde nicht zurückweisen soll, zu denen auch der junge Gerardo zählt, mit dem Lara offenbar eine besondere Beziehung verbindet.

Kritik

Sachbücher wie Jean Paul Schuttens Evolution: oder das Wunder von allem, was lebt (2014) versuchen, die komplexen Zusammenhänge der Biologie und Medizin einem jungen Lesepublikum verständlich und unterhaltsam zu vermitteln. Mit Lara wählen die katalanischen Biologen und Mediziner David Bueno, Salvador Macip und Eduard Martorell einen anderen Ansatz: Sie verpacken eine Abhandlung über verschiedene Aspekte des Lebens in einen Dialog zwischen einem todkranken Mädchen und ihrer Ärztin – und geben dem, was faktisch ein Sachbuch ist, dadurch den Anstrich einer Erzählung. Damit gehen sie einen Schritt weiter als zum Beispiel der berühmte Astrophysiker Hubert Reeves, der in Wo ist das Weltall zu Ende? Das Universum meinen Enkeln erklärt einen Dialog zwischen sich und seinen Enkeln inszeniert, faktisch aber schlicht nach Themen sortierte Antworten auf verschiedene Fragen gibt, die diese ihm im Laufe der Zeit gestellt haben. Parallelen finden sich zwischen Lara und Jostein Gaarders Sofies Welt, in dem dieser philosophiegeschichtliche Abhandlungen in Briefform mit einer Rahmenhandlung kombiniert.

Die narrativ-fiktionale Rahmung funktioniert in Lara nur teilweise: Die Lebenssituation der lebensbedrohlich an Lupus erkrankten Protagonistin Lara bietet eigentlich reichhaltig Material für eine ebenso spannende wie lehrreiche Reise durch die Mysterien und Unwägbarkeiten des Lebens aus biologischer Sicht, zählt doch Lupus zu den heimtückischsten Autoimmunerkrankungen. Auch skizziert das Buch eine existenzielle Grundsituation: Laras Zustand ist so ernst, dass nicht klar ist, ob sie die Nacht überleben wird.

Dieses narrative Setting ist für das Autorentrio jedoch letztendlich nur ein Vehikel, um eine plausible Ausgangssituation für ein stundenlanges Gespräch über die existenziellen und biologischen Grundlagen des Lebens zu schaffen, das sich von Mikrobiologie über Evolutionsbiologie bis hin zu den Überschneidungsbereichen zur Astrophysik, Medizin und Medizinethik fortbewegt. Erzählt wird der Dialog konsequent in personaler Erzählsituation, zugleich aber intern fokalisiert: Wir verfolgen das Gespräch zwischen Lara und Carmen ausschließlich aus der Perspektive des Mädchens, ergänzt durch zahlreiche Lebenserinnerungen, die Lara mit den Gesprächsthemen und ihrer eigenen Situation verknüpft, sowie durch einen Liebesplot: Lara ignoriert eine Reihe von SMS, die ihr Gerardo via Mobiltelefon schickt, denn sie glaubt nicht, dass sie es mit ihrer Krankheit verdient, glücklich zu sein. Auch Carmen lernen wir ausschließlich aus Laras Perspektive kennen – eine konsequente Verengung des erzählerischen Rahmens auf die Gesprächssituation, zugleich aber auch eine narrative Vorausdeutung des finalen Twists der Erzählung.

Als Erzählung kann Lara insgesamt nicht wirklich überzeugen – als narrativ gerahmtes Sachbuch über die wissenschaftlichen Geheimnisse des Lebens jedoch sehr wohl: Die in jeweils zwei Abschnitte unterteilten zehn Kapitel sind nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam, was auch an der stilsicheren und sprachlich eleganten Übersetzung von Kristin Lohmann liegt. Erstaunlich ist dabei, wie verständlich und zugleich präzise die komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge erläutert und auf menschliche Lebenserfahrungen heruntergebrochen werden. Zusätzlich lesemotivierend ist die ästhetisch ansprechende Gestaltung der Hardcover-Ausgabe, die neben floralen Ornamenten zwischen den Kapiteln auf eine der Lesbarkeit entgegenkommende blaue Schriftfarbe zurückgreift.

Fazit

Wenngleich das narrative Setting lediglich als Vorwand für den Erkläranspruch der Autoren dient, ist dem Trio mit Lara ein verständlich und unterhaltsam geschriebener Dialog in Romanform über die Grundlagen des Lebens gelungen. Leser*innen ab zwölf Jahren, die sich für Biologie und Medizin interessieren, werden an diesem elegant und unterhaltsam geschriebenen Buch ihre Freude haben.


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