von Kirsten Kumschlies 

Maupassant – ein exzessives Leben zwischen Literatur und Bordellbesuchen im Frankreich des Fin de Siecle, ein aufregendes und packendes Spektakel, das sich biografischer Roman nennt und sich an Jugendliche wendet: Arne Ulbricht weckt Interesse an der Lebensgeschichte von Guy de Maupassant.

Ulbricht, Arne: Maupassant. Biografischer Roman.
Klak Verlag, Berlin 2017.
243 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-943767-79-7
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

Arne Ulbricht schildert in seinem biografischen Roman Maupassant, den er als "Fiktion mit biografischem Anspruch" (S. 3) bezeichnet, das wilde, kurze und intensive Leben des französischen Literaten Guy de Maupassant (1850-1893). Ulbricht rollt die Lebensgeschichte des Schriftstellers analeptisch von hinten auf: Die Handlung setzt mit einem 1891 in Cannes spielenden Prolog ein: Der geistig verwirrte, von den Folgen der einer Syphilis und ausschweifendem Drogenkonsum gezeichnete Guy de Maupassant wird in eine Pariser Klinik gebracht. Auf das Ende folgt der Anfang: "Wild und frei" heißt das erste Kapitel und erzählt kontrastiv zum Prolog von der Kindheit Guy de Maupassants, im Roman meist schlicht beim Vornamen Guy genannt, in der Normandie. Guy wächst mit seinem jüngeren Bruder Hervé bei seiner Mutter in Fécamp auf. Vom Vater, der die Mutter mit mehreren Seitensprüngen enttäuscht hat, leben sie getrennt. Er arbeitet als Bankangestellter in Paris. Schon sehr früh entfachte die Mutter durch regelmäßiges Vorlesen von Shakespeare, Hugo oder Baudelaire Guys Liebe zur Literatur. Doch die Schulzeit, von der in der Folge erzählt wird, ist für den jungen Maupassant belastend. Sie engt ihn ein, insbesondere die strenge, reglementierende katholische Erziehung im Internat in Yvetot. Im Rahmen erster literarischer Versuche und Dichtungen, die Guy in dieser Zeit vornimmt, wird er schließlich wegen eines als blasphemisch empfundenen Gedichts von der Schule verwiesen. Liebevoll steht die Mutter zu ihrem Sohn und sucht für ihn eine neue Schule, das Lycée Impérial in Rouen. Kurz vor diesem Schulwechsel initiiert die Mutter ein Treffen zwischen Guy und Flaubert, den Maupassant sein ganzes Leben lang verehrte und dem die Rolle eines väterlichen Freundes zugeschrieben wird. Die Beziehung zu Flaubert nimmt tragenden Raum in der hier erzählten Lebensgeschichte ein. Ihm eifert der junge Mann nach, ihm verdankt er schließlich Kontakte zu Literaturkreisen, in denen literarische Größen wie Émile Zola verkehren. Doch bis dahin war es ein langer Weg, den der Roman nachzeichnet. 1869 zieht der junge Guy nach Paris, wo er ein Jura-Studium beginnt und bei seinem Vater lebt. Den Einzug in die französische Armee zu Beginn des deutsch-französischen Krieges erlebt er als einschneidenden und traumatisierenden Bruch. Der "Neuanfang" (S. 102) fällt ihm schwer. Dank der Vermittlungen Flauberts arbeitet Guy nun als Angestellter im Marineministerium, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Aber eigentlich interessiert der junge Guy sich nur für das Schreiben – und für die Sexualität. Der Besuch von Huren und Bordellen steht für ihn an der Tagesordnung, hinzu kommen mehrere, wechselnde Geliebte, mit denen er ausschweifende, sexuelle Abenteuer erlebt, die innerhalb der Diegese großen Raum einnehmen. Der Konsum von Suchtmitteln prägt nahezu alle zwischenmenschlichen Begegnungen, wobei Guy das Rauchen aufgrund einer ärztlichen Empfehlung schließlich einstellt. Um die Schreibprozesse und die ersten Veröffentlichungen ringt er fieberhaft, bis ihm schlussendlich mit der Novelle Boule de suif ("Fettklösschen") der literarische Durchbruch gelingt. Am Ende steht neben dem Erfolg als Schriftsteller Trauer wegen des Todes von Flaubert, Einsamkeit und die tödlichen Folgen der Syphilis-Erkrankung. Die Handlung schaltet sich wieder auf Anfang, läuft mit dem Prolog zusammen - das Ende eines intensiven, kurzen Lebens.

Kritik

Zweifelsohne hat der Autor und engagierte Französisch- und Geschichtslehrer Arne Ulbricht, der durch Romane und kritische Essays zum Lehrerberuf schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat (vgl. www.arneulbricht.de) für seinen biografischen Roman exzellent und umfassend recherchiert. Davon zeugt nicht zuletzt das umfangreiche Quellenverzeichnis im Anhang. Eingeschrieben ist dem Roman durchweg die Liebe und Begeisterung für die französische Literatur im allgemeinen, für die von Maupassant im speziellen. Die exzessive Lebensgeschichte Maupassants ist packend erzählt und liest sich überaus spannend, und dies, obwohl der Stil eher als sachlich und nüchtern zu bezeichnen ist, allein deshalb, weil der Autor viele historische Fakten in die Erzählung einfließen lässt: "Alle erwähnten Orte und alle namentlich erwähnten Personen haben tatsächlich existiert und in Guy de Maupassants Leben eine Rolle gespielt," so heißt es im Vorwort (S. 3). Hier legt Arne Ulbricht seine persönliche Begeisterung für Maupassant offen, mit der er einen durch den vorgelegten Roman durchaus anzustecken weiß. Jedoch räumt er hier auch ein, dass es sich um eine biografische Fiktion handelt, und ob die so durchweg gelungen ist, sei dahingestellt. Ohne Frage weckt Ulbrichts Roman Interesse an der Biografie Maupassants, aber gerade die ausschweifenden detaillierten Sex-Szenen vermögen sicherlich zu polarisieren. Einerseits tragen sie massiv zur Spannung der Handlungsstruktur bei, denn, was hier erzählt wird, kann durchaus eine gewisse Faszination auf den Leser ausüben, auf einen jugendlichen sicher im besonderen Maße. Doch auf der anderen Seite fragt man sich, ob die Fokussierung auf dieses Thema das historische Bild nicht arg verzerrt, da der Roman sich vorrangig um Maupassants sexuelle Gelüste zu drehen scheint, fast mehr als um Literatur. Seine ausschweifenden Sex-Abenteuer münden in einen Bordell-Besuch, bei dem er vor seinen zuschauenden Freunden "sechsmal zum Abschluss kommen möchte" (S. 179):

"Guy, der es kaum mehr erwarten konnte, zog sich aus, warf Flaubert seine Klamotten auf den Schoß und legte sofort los. Er fing auf der einen Seite an, vögelte sich durch bis zur anderen Seite und begann dann wieder von vorn mit den Damen fünf und sechs. Schon nach einer halben Stunde war das Spektakel zu Ende, was auch daran gelegen hatte, dass Guy lediglich eine fünfminütige Pause nach der fünften Hure eingelegt hatte, die die sechste genutzt hatte, um seinen Schwanz wieder aufzurichten. Die Huren boten an, dass die anderen Herren dergleichen auch mal versuchen könnten und betonten, dass sie immer willkommen seien." (ebd.)

Durch diese Darstellungsform mutet der Roman stellenweise wie ein pornographischer Roman an, durch den überproportionalen Gebrauch des Verbs "Vögeln" scheint die historische Perspektive aus dem Blick zu geraten.

Die Handlung ist personal erzählt und stets an den Wahrnehmungshorizont des Protagonisten Maupassant gebunden. Und so geht es hier um: 1. Sex, 2. Französische Literatur und das Paris im 19. Jahrhundert, 3. das persönliche Ringen eines jungen Mannes um literarischen Ruhm und die Höhen und Tiefen der Schaffensprozesse – und zwar in dieser Reihenfolge. Aber spannend und unterhaltsam ist diese Mischung. Manch ein Leser wünscht sich nach der Lektüre vielleicht eine seriöse Biografie, die weniger mit fiktionalen Elementen arbeitet- aber: das Interesse an Maupassant ist geweckt!

Fazit

Ein packender, spannender Roman mit hohem Unterhaltungswert über Maupassant, in dessen Zentrum die sexuellen Abenteuer des Protagonisten stehen. Keine Biografie, die sich streng an der Historie orientiert, sondern in Teilen eine literarische Fiktion, die Lust macht, sich vertieft mit Guy de Maupassants Leben auseinanderzusetzen. Der Roman ist frühestens für Jugendliche ab 16 Jahren zu empfehlen, die das Spiel mit Fiktionen schon richtig einordnen können.

 

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