von Michael Fassel

Die 16-jährige Starr führt ein Leben in zwei Welten: Auf der einen Seite wohnt sie mit ihren Eltern und zwei Brüdern in Heights Garden, einem sozialen Problemviertel in einer US-amerikanischen Großstadt, auf der anderen Seite besucht sie mit ihren Geschwistern eine Privatschule, in der sie zu den wenigen dunkelhäutigen Schülerinnen gehören. Als in einer Nacht Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie in die Öffentlichkeit der Medien. Mit The Hate You Give greift die in Mississippi geborene Angie Thomas in ihrem Debüt ein nach wie vor in den USA hochbrisantes Thema auf. Der gesellschaftskritische Roman stand bereits kurz nach seinem Erscheinen auf der New York-Times Bestsellerliste. 

Thomas, Angie: The Hate U Give.

Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner
cbt, München 2017.
512 Seiten. 17,99 €
ISBN 978-3-570-16482-2
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Starr und ihr bester Freund Khalil sind nach einer Party nachts mit dem Auto unterwegs. Als Khalil von der Polizei angehalten wird, wird er nach seinen Papieren befragt und aufgefordert, auszusteigen. Als er sich Starr zuwendet, wird er vor ihren Augen erschossen. 

Der Vorfall wird landesweit medial ausgeschlachtet. Starr ist die einzige Zeugin, die weiß, was tatsächlich passiert ist. Damit steht sie nicht nur wegen der Protestwellen unter enormen Druck, sondern sie möchte auch, dass Khalil nicht als Drogendealer und Krimineller von den Medien und der Umwelt betrachtet wird. Zugleich ist sie sich im Klaren darüber, dass er in der Nacht des Vorfalls nicht bewaffnet gewesen ist. Die Polizei und Radio- sowie TV-Nachrichten wollen dies der Öffentlichkeit jedoch suggerieren.

Starr findet den größten Halt in ihrer Familie. Vor allem ihr Vater, der selbst wegen Drogendelikten bereits im Gefängnis gesessen hat, legt ihr nahe, wie sie sich in Gegenwart der Polizei zu verhalten habe. Auch ihr Onkel Carlos, der selbst als Polizist arbeitet, ist ihr eine Stütze. Keine große Hilfe ist hingegen ihr weißer Freund Chris. Als einer ihrer engsten Vertrauten, der die gleiche Privatschule besucht, weiß er sehr wenig über ihr Leben im Viertel, das von den Mitschülern als "Ghetto" bezeichnet wird, weil sie ihm nichts erzählt.

Während Starr versucht, für Khalil und dessen Familie die Stimme zu erheben, distanziert sie sich von Gangs wie beispielsweise den sogenannten "King Lords", die eine schwarze nationalistische Bewegung in den USA darstellen und sich durch Khalils Tod besonders provoziert fühlen. Nach ihrer Aussage vor dem Geschworenengericht muss Starr, wie die Öffentlichkeit, wochenlang gespannt auf das Urteil warten. Die Zeit überbrückt sie, indem sie mit ihrer Familie ein neues Haus fernab des schwarzen Problemviertels bezieht. Nachdem das Gericht entschieden hat, den Officer Brian Cruise Junior für das Verbrechen nicht zu verurteilen, eskaliert die Protestwelle in Heights Garden. Noch einmal nutzt die wütende und traurige Starr ihre Stimme, um die Ungerechtigkeit und den offenbar immer noch schwelenden Rassismus in den USA beim Namen zu nennen. 

 

Kritik

Dass in den USA ein schwarzer Mensch von einem weißen Polizisten erschossen wird, ist leider kein Einzelfall. Angie Thomas nimmt sich mit ihrem Debütroman The Hate U Give dieses Themas an, indem sie eine Ich-Erzählerin anlegt, die dabei zusehen muss, wie ihr bester Freund Khalil von einem Officer hinterrücks erschossen wird. Diese emotionale und nachhaltige Szene geschieht bereits im zweiten Kapitel des Jugendromans und stellt damit die Ausgangssituation für die weitere Handlung dar.

Dadurch, dass die Handlung an die Perspektive der Hauptfigur und Ich-Erzählerin Starr gebunden und intern fokalisiert ist, sind die LeserInnen unmittelbar am Geschehen beteiligt und gemeinsam mit Starr die einzigen Zeugen des Vorfalls. Sie steht unter Druck, das Geschehen aus jener Nacht der Polizei und den Medien aus ihrer Sicht zu erzählen. Khalil wird dabei nicht ausschließlich als Opfer betrachtet, sondern ist als mehrdimensionale Figur angelegt. So erwähnt Starr beispielsweise, dass er mit Drogen gehandelt habe, was zwar der Wahrheit entspricht, von der Polizei und Medien allerdings als Rechtfertigung für den Schuss des Officers Brian Cruise Junior betrachtet wird. Starr muss sich einer teilweise sehr herabwürdigenden und von Misstrauen geprägten Befragung unterziehen. So wird sie beispielsweise gefragt, ob sie an jenem Abend Alkohol getrunken habe, um ihre Aussage zu relativieren. Doch die Autorin Angie Thomas thematisiert nicht nur den institutionellen, sondern auch den alltäglichen Rassismus, der beispielsweise über Hailey zum Ausdruck kommt: Als langjährig vertraute und angeblich gute Freundin hat sie jahrelang Starrs Tumblr-Blog verfolgt und macht plötzlich rassistische Witze, ohne sich vollends darüber im Klaren zu sein und rechtfertigt darüber hinaus sogar die Tat des Officers. Starr ist über diesen offensichtlichen Rassismus einer vertrauten Mitschülerin entsetzt. 

Der Roman enthält aber noch mehr Konfliktpotenzial: Angesichts der Tatsache, dass Starr, wie sie selbst behauptet, in einer anderen Welt als die weißen Schüler der Privatschule lebt, kann sie noch nicht einmal von ihrem Freund Chris verlangen, all ihre Handlungen zu verstehen. Die Ambivalenz, unter der sie leidet, wird wie im folgenden Zitat sehr treffend deutlich: "Zweierlei Menschen zu sein, ist so anstrengend. Ich habe mir angewöhnt, mit zwei verschiedenen Stimmen zu sprechen und unter bestimmten Leuten nur bestimmte Dinge zu sagen." (S. 341). Die häufigen Verweise auf die Sitcom Der Prinz von Bel-Air dient beiden als Plattform gemeinsamer Kommunikation: "Chris kapiert den Der Prinz von Bel-Air einfach, deswegen kapiert er auch mich." (S. 99). Fraglich aber ist, ob diese popkulturellen Verweise auf die US-amerikanische Sitcom auch hierzulande die LeserInnen erreichen, handelt es sich doch um eine Serie, die in den 1990er Jahren in Deutschland ausgestrahlt worden ist. Ohnehin gestaltet sich das Eintauchen in das komplexe Milieu der Hauptfigur als anspruchsvoll: Es sind insbesondere die Rivalitäten der verschiedenen kleinkriminellen Gangs, wie beispielsweise die King Lords oder die Garden Disciples, die für Starr zum Alltag im Viertel dazu gehören, während die Gruppierungen hierzulande womöglich schwer nachvollziehbar sind. Gleichwohl ist es lobenswert, dass Angie Thomas dem Leser eine Welt nahebringt, die uns bislang kaum vertraut gewesen ist. Insofern ist auch das Glossar nach dem Ende des Romans mit den wichtigsten evtl. nicht bekannten Begriffen eine sinnvolle Ergänzung.

Besonders bemerkenswert ist die differenzierte Kritik am rassistischen US-amerikanischen Kapitalismus, die vor allem unter der aktuellen Präsidentschaft Donald Trumps eine brisante Wirkung hat. Starrs Vater spricht die offenbar tief verwurzelte Gesellschaftsproblematik ausführlich an, als er ihr erklären will, warum so viele Menschen im Viertel mit Drogen handeln:

"Die großen Unternehmen Amerikas bringen keine Jobs in unsere Communitys, und sie reißen sich verdammt noch mal auch nicht darum, uns einzustellen. Und dann kommt noch der Mist dazu, dass du sogar mit einem Highschool-Abschluss von den Schulen in unseren Vierteln nicht besonders gut dastehst. […]." (S. 196)

Dieses Missverhältnis stellt sich wie ein Teufelskreis dar, dem sich auch Khalil, der mit Drogen gehandelt hat, nicht entziehen konnte:

"Wenn die Khalils eingelocht werden, weil sie Drogen verkaufen, verbringen sie entweder einen Großteil ihres Lebens im Knast, einer anderen milliardenschweren Branche, oder sie haben Probleme, einen richtigen Job zu finden und fangen dann wahrscheinlich wieder an zu dealen. Das ist der Hass, den sie uns geben, Baby, ein gegen uns gerichtetes System. Das bedeutet Thug Life." (S. 196f.)

Hinter dem Begriff Thug Life verbirgt sich 'The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody' und verweist damit nicht nur auf den Titel des Romans, sondern auch auf eine Aussage des Rappers Tupac bzw. 2pac. Damit bekommt der Titel zumindest für die US-amerikanischen LeserInnen eine intermediale Bedeutung. Khalil hat Starr zuvor die Bedeutung erklärt: „’[…] was die Gesellschaft uns als Kinder antut, das kriegt sie später zurück, wenn wir raus ins Leben ziehen.'" (S. 26) Angie Thomas gelingt es auf der literarischen Ebene, ohne den pädagogischen Zeigefinger zu erheben, eine fundierte Kritik an den Mechanismen der US-Politik und an der systematischen Diskriminierung von schwarzen Menschen zu üben. 

Fazit

The Hate U Give ist ein Buch, das einem auch nach der Lektüre noch lange beschäftigt. Angie Thomas ermöglicht mit ihrem Jugendroman eine wichtige und bedeutsame Perspektive auf das Leben in einem schwarzen Problemviertel. Aus der Sicht der jungen Hauptfigur bekommen die LeserInnen Einblick in den Alltag eines Viertels, das von sozialen Missständen geprägt ist. Zugleich deckt Angie Thomas den in der US-Gesellschaft verwurzelten Rassismus auf verschiedenen Ebenen auf, sei es von der Polizei, den Medien oder von angeblichen Freundinnen ausgehender Rassismus. Aufgrund der komplexen Welt, in der die Hauptfigur lebt, empfiehlt sich eine Lektüre für Jugendliche ab 14 Jahren.

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.


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