von Sindy Hildebrand

Müsste sich Odd für eine Superkraft entscheiden, würde er das Fliegen wählen. Dabei bräuchte er nicht unbedingt ein Superheld zu sein. Supermutig schon. Das muss und will Odd. Entschlossen schnappt er sich Zack. Sechzig Zentimeter lang. Scharfe nadelspitze Zähne. Genial. Gemeinsam könnten sie anderen zeigen, was es, heißt Biss zu haben.

Bjørnstad, Taran: Der Krokodildieb.

Aus dem Norwegischen von Maike Dörreis.
Beltz & Gelberg, Weinheim 2017.
128 Seiten. 6,95 €
ISBN 978-3-407-74905-5
Empfohlen ab 8 Jahren. 

Inhalt

Odd – das weichgekochte Birnenkompott. Heulsuse. Ein richtiger Schisser. Jungen und Mädchen seiner Klasse lachen laut ab. Vor Wut bekritzelt Odd die Wand in der Schultoilette, wofür er vom Direktor einen Brief an seine Eltern erhält. Auf dem Heimweg schlittert er der nächsten Katastrophe entgegen, dem Nachbarshund Hektor mit dem wilden Raubtierblick. 

In den folgenden zwei Tagen wird seine Klasse das Aquarium der Stadt besuchen und auch davor gruselt sich Odd. Kine meint, dass dort die Piranhas am liebsten behämmerte kleine Brüder fressen würden. Mama rät Odd, sich Gemeinheiten nicht gefallen zu lassen. Den Elternbrief will sie später lesen, da sie mit Papa das Spiel des großen Bruders – Fußballchampion und Mannschaftskapitän – ansehen möchte. 

Odds Angst vor dem Zoobesuch nimmt ihm ein wenig seine Mitschülerin Mette, die Kanarienvögel in Bauch und Ohren schwirren lässt, auch Rolf, der Tierpfleger im Aquarium, der von seinen Fischen, Schlangen und Krokodilen schwärmt. So ist Odd selbst überrascht, dass er sich wagt, Rolfs Lieblingskaiman Zack zu streicheln. Und das als einziger der Klasse. Mette findet Odd mutig, auch andere Schüler staunen. Zuhause lacht man über seine Geschichten und schenkt Odd wenig Glauben. 

"Wäre ich doch bloß als Erwachsener geboren worden. Mit Tätowierungen und Ringen in den Ohren, denkt Odd. Dann wäre er Krokodilzähmer und Schlangenbeschwörer, Pinguinfütterer und Seehundtrainer. Wie Rolf, cool und mutig. Einer, mit dem alle zusammen sein wollen. Einer, neben dem man sich im Unterwassertunnel mit Haien um sich herum sicher fühlt. […] Er will nicht Odd sein. Sonderbar und feige und dick." (S. 41, Kursivierung im Original) 

Weinend liegt Odd im Bett und überlegt: Gefährlich wäre das Krokodil nicht, aber Zack sähe so aus und das sei obergenial. Wenn man mit einem Reptil befreundet ist, wäre man supermutig und cool. Odds Plan wächst. Am zweiten Tag im Aquarium setzt er sich von seiner Klasse ab, lockt Zack mit einem Schinkenbrot an und verfrachtet ihn in seinen Rucksack. Zuhause hat das Krokodil sofort den Fußboden im Kinderzimmer zu seinem Reich erkoren, während Odd sich vom Stuhl zum Bett über den Schreibtisch auf die Kommode hangeln muss. Erst, wenn Zack ein Nickerchen macht, kann Odd zur Tür hinausflitzen. Inzwischen hat das Reptil sein Lieblingskuscheltier, eine stinkende Socke und Kines Handy verschluckt. Vielleicht auch ihren Hamster. Noch ist es zu gefährlich, Zack in die Schule mitzunehmen, um Schülern Angst zu machen. Außerdem berichten Zeitungen und TV von einem verschwundenen Keilkopf-Glattstirnkaiman und zeigen das Bild eines sehr traurigen Tierpflegers. Odd holt schnell Rucksack und Arbeitshandschuhe, während Zack seinen Kopf hin und her schleudert, seine Kiefer hart aufeinander schlagen, so dass es von den Wänden widerhallt …   

 

Kritik

In 21 Kapiteln entwickelt die norwegische Schriftstellerin Taran Bjørnstad eine spannende Geschichte für Kinder, die von vielen authentischen, witzigen Dialogen durchzogen ist und durch ausgefallene Illustrationen ihres Landsmannes Christoffer Grav begleitet wird. Der heterodiegetische Erzähler zeigt, wie der Grundschüler Odd – klein, dick, Brillenträger – aufgrund seiner Erscheinung und seiner Art von seinen Mitschülern geärgert und verpetzt wird. Nicht nur seine Klasse macht ihn so zum Außenseiter, Lehrer, selbst seine Eltern, die scheinbar immer in Eile sind, und erst recht seine Schwester, hören Odd kaum zu und nehmen ihn wenig ernst, auch weil sie wissen, dass er sich gern kuriose Geschichten ausdenkt. Bei einigen Schülern wird das sogar als verlogen ausgelegt. Hinzu kommt noch, dass Odd sehr ängstlich ist. Auch dann, als die Nachbarin beteuert, dass ihr Hund friedlich sei und nur ab und zu belle, um den Chef zu markieren. Doch Odd scheint das nicht zu glauben bzw. zu diesem Zeitpunkt nicht glauben zu wollen. Wie er sein Umfeld empfindet, bringt er zeichnerisch zum Ausdruck: Seine Schwester Kine malt er als Monster und Hektor als Mörderhund, der zähnefletschend seine mobbenden Mitschüler bewacht. Seine Bilder sind Zeichen für den allmählich wachsenden Gedanken, allen zu zeigen, was er kann, um für immer die Rolle abschütteln zu können, derer er sich bewusst ist – nämlich dick, feige und sonderbar zu sein, wie schon sein Name zu implizieren scheint (engl. odd: eigenartig). Doch er will nicht nur mutig, sondern, wie so viele, auch cool sein. Aussehen und Auftreten des Tierpflegers Rolf bestärken ihn erst recht darin. Um die Fremdzuschreibungen aufzubrechen, aber auch die Selbstwahrnehmung zu verändern, erwählt Odd das Krokodil Zack zum Objekt seines Persönlichkeitswandels. Denn Reptilien gelten als stark, gefährlich, respekteinflößend. Doch das Streicheln des Kaimans und das Staunen seiner Mitschüler darüber werden nicht reichen, um das Bild zu wandeln, das andere von Odd zeichnen bzw. er selbst von sich hat. Er muss mehr riskieren. Also entwendet er Zack. Mit diesem bricht zuhause Chaos aus, noch bevor er ihn in der Schule zeigen kann. Letztlich nimmt Odd das Tier überhaupt nicht mit und kann durch dieses bei seinen Klassenkameraden auch keine Anerkennung für seinen Mut erlangen. Zack fungiert vielmehr als Auslöser für Odds neues Selbstbewusstsein: Im Unterricht malt er ihn in allen erdenklichen Situationen und wird für seine Zeichenkünste nicht nur von Mette, sondern vor allem von jenen bewundert, die ihn sonst mobben. Im Sport kann er erreichen, unterstützt durch einige Mitschüler, dass die Fußballmannschaften nicht nur durch die Sportasse gewählt werden. Als diese ihn verbal ärgern, denkt Odd an Zack und kontert mit einem knackigen "Krokodilspruch". Vor Mette und ihrer Freundin, die mit Odd zusammen nach Hause gehen und Hektor innig umarmen, gibt er betreten zu, dass er Angst vor Hunden habe, was Mette nicht schlimm findet. Dass er nicht so feige ist, wie ihn alle einschätzen, zeigt sich dem Leser nicht nur in der Entführung des Krokodils an sich, sondern auch in Odds bestimmtem Handeln, als er merkt, dass es Zack nicht gut geht und bereits nach ihm gesucht wird. Zum Ende des Krokodilabenteuers erkennt Odd die Schwere seiner Tat und die Konsequenzen, die sich daraus für ihn ergeben – wobei ihm zumindest eine, zu seinem Glück, bei seiner Familie und Mette Bewunderung einbringt.  

Mut, so vermittelt die kleine Erzählung Der Krokodildieb, hat also nichts mit gefährlichen Aktionen oder Heldentaten zu tun, niemandem muss man zeigen, dass man in allen Lebenslagen furchtlos ist. Vielmehr beweist er sich, wenn man für eine Sache einsteht bzw. für sein eigenes Handeln Verantwortung übernimmt. Ebenso erkennen die Leser, dass man sich in seinem eigenen Selbstverständnis nicht durch gemeine Zuschreibungen oder Verurteilungen anderer beirren lassen sollte, sondern seinen Stärken vertrauen, zu seinen Ideen und Vorlieben stehen und sich behaupten sollte, wenn einem Unrecht geschieht. Dieses Vertrauen in sich selbst wird durch den kleinen Kaiman Zack und die freundliche Mette ausgelöst und gestärkt.           

Zack findet sich gleich zweifach auf dem Coverbild wieder und suggeriert zusammen mit dem Titel (norwegisches Original Krokodilletyven, 2014) sowie der Gestaltung des Prologs – ein Zeitungsausschnitt über sein Verschwinden –, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignen wird. Kinder, die vor dem Lesen gern auch das Ende des Buches aufschlagen, können durch den Epilog – eine Abbildung aus einer Zeitung, die Zack mit Tierpfleger Rolf und den Assistenten Odd und Mette zeigt – ebenso den Plot erahnen. Zum Lesen regen an der flüssige, verständliche Erzählstil, der auch der gelungenen Übersetzung durch Maike Dörries zu verdanken ist, sowie die im Textfluss dynamisch integrierten Schwarzweißbilder, die die Befindlichkeiten Odds durch zeichnerische Übertreibung genial darstellen. Während die abgebildeten Menschen, außer Mette, eher furchteinflößend erscheinen – gemäß Odds Empfindungen –, erweist sich das kleine Krokodil Zack als ganz possierlich, sogar niedlich. Neben witzigen bildlichen Details, die zum Teil auch das künstlerische Können Odds vermitteln sollen, laden die sehr realistisch gezeichneten Tiere sowie die anatomische Darstellung des Keilkopf-Glattstirnkaimans Zack auch den reptilienunkundigen Leser zum Entdecken des Buches ein. Kleines Manko: Die Schrift, auch in den Zeitungsausschnitten, erscheint für das empfohlene Startlesealter etwas schwach gedruckt und klein. 

Fazit

Der Krokodildieb, der 2017 in der Sparte Kinderbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, dürfte Grundschulkinder ab acht Jahren schon allein wegen des Protagonisten Zack und der reichen Bebilderung zum Lesen einladen. Die kleine ungewöhnliche Geschichte, die durch angemessene Spannung und authentischen Witz überzeugt, regt an, über die Themen Mobbing, Mut und Selbstvertrauen auf altersgerechtem Niveau zu sprechen. Didaktisch aufbereitete Materialien zur Arbeit mit dem Buch im schulischen Kontext bietet der BELTZ-Verlag bereits an. 

 


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