Von Marie-Helene Mittmann

Poetisch verpackte Zeitgeschichte 

In Der Geruch von Häusern anderer Leute verpackt Bonnie-Sue Hitchcock ein Stück Zeitgeschichte in einen coming of age-Roman. Sie erzählt von Jugendlichen im Alaska der 1960er Jahre, die durch ein Netz schicksalhafter Begegnungen miteinander verbunden sind. Einfühlsam und authentisch beschreibt sie die Lebensumstände ihrer Hauptfiguren, auch wenn die von Zufällen geprägte Handlung eher poetisch konstruiert denn realistisch wirkt. 

Hitchcock, Bonnie-Sue: Der Geruch von Häusern anderer Leute.

Aus dem Englischen von Sonja Finck.
Königskinder, Hamburg 2016.

314 Seiten. 17,99 €
ISBN 978-3-551-56021-6.
Empfohlen ab 12 Jahren.

 

Inhalt

"Wenn du etwas beobachtest, was nicht für deine Augen bestimmt ist, gerätst du in das Leben eines anderen Menschen hinein", so heißt es an einer Stelle des 314-seitigen Jugendromans, der 2016 im Königskinder Verlag erschien. Dieser Gedanke spiegelt sich wieder und wieder im Verlauf der Geschichte – oder eher: der Geschichten. Denn: Es sind vier verschiedene Erzählungen, die am Ende durch Beobachtungen und Begegnungen miteinander verflochten sind.

Die meiste Aufmerksamkeit liegt dabei auf der Erzählung der 16-jährigen Ruth, die bei ihrer streng religiösen Großmutter in einer Kleinstadt in Alaska aufwächst. Als sie ungeplant schwanger wird, schickt die Großmutter sie in ein Kloster, um dort das Kind zu bekommen. Der abgelegene Ort spielt eine große Rolle in der Vergangenheit ihrer Familie, wie Ruth nach und nach herausfindet. 

In derselben Stadt wie Ruth lebt auch die gleichaltrige Ureinwohnerin Dora. Sie stammt aus einer zerrütteten Familie, und als sie in einer Lotterie den Hauptpreis gewinnt, verlangt ihr Vater das Geld für sich, und auch die Mutter ist ihr keine Hilfe. Im zweiten Erzählstrang neben dem, der Ruth betrifft, muss sich Dora entscheiden, wie die Beziehung zu ihren Eltern in Zukunft aussehen soll. 

Die dritte Erzählung unterdessen ist Alyce gewidmet, die etwas älter ist als die anderen Mädchen und kurz vor dem Schulabschluss steht. Ihr Traum ist es, Balletttänzerin zu werden, doch statt für die Aufnahmeprüfung der Tanzschule zu üben, hilft sie ihrem Vater an der weit entfernten Küste beim Fischfang. Dabei beobachtet sie, wie ein Junge ins Wasser fällt und rettet ihn. Gemeinsam reisen die beiden zurück zu Alyce' Heimatort – derselben Kleinstadt, in der auch Dora und Ruth leben – damit Alyce doch noch an der Ballettprüfung teilnehmen kann. 

Der Junge ist der jüngere Bruder der vierten Hauptfigur, Hank. Die Geschwister sind vor dem neuen Mann ihrer Mutter davongelaufen. Nachdem sie auf der Reise getrennt wurden, begegnet Hank, auf der Suche nach seinem Bruder, der inzwischen hochschwangeren Ruth. Zwischen den beiden keimt sofort eine zarte Verliebtheit auf, auch wenn es scheint, als würden sie sich nie wiedersehen. Letztendlich treffen sich jedoch alle Figuren in der Heimatstadt von Ruth, Dora und Alyce wieder. 

 

Kritik

Jede der vier Hauptfiguren führt als homodiegetischer Ich-Erzähler und im Präsens durch ihre jeweiligen Erlebnisse. Dies vermittelt einerseits einen Eindruck von Unmittelbarkeit und Nähe zu den Figuren, wirft an einigen Stellen jedoch auch Fragen auf, die sich bei einer distanzierteren Erzählperspektive nicht stellen würden. Dafür, wie eng die Erzählung den Gedanken und Wahrnehmungen der Figuren folgt, wird vieles nicht oder sehr umständlich erklärt. Dies fängt bei einfachen Begriffen wie "Kondom" oder "Nonne" an, die durch Umschreibungen ersetzt werden, obwohl der Erzähler sie sehr wohl kennt, und endet damit, dass sich Beweggründe und Emotionen der Hauptpersonen nicht ganz erschließen. 

So erfährt der Leser zum Beispiel nicht, wie Ruth anfangs über ihre Schwangerschaft denkt und fühlt, obwohl aus ihrer Sicht beobachtet wird, wie andere über ihr Schicksal und das ihres ungeborenen Kindes entscheiden. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass dies gezielt eine Art Selbstschutzreflex von Ruth darstellen soll, wirkt es dennoch seltsam – zumal bei der Erzählung aus Doras Perspektive sehr schnell klar wird, dass sie traumatische Erinnerungen an ihren Vater verdrängt oder zu verdrängen versucht. Auch bleibt schwer nachvollziehbar, was genau Hank und seine Brüder dazu bewegt hat, von Zuhause wegzulaufen, obwohl dies Hank gedanklich beschäftigt. Die Jungen vermissen ihren auf See verschollenen Vater und der neue Lebensgefährte der Mutter wird von Hank als "Widerling" (S. 85) beschrieben, der Hanks jüngeren Bruder "aus irgendeinem Grund nicht ausstehen" (S. 85) kann. Doch allein die Entfremdung von der Mutter und die vagen Andeutungen über den Lebensgefährten machen nicht ganz plausibel, warum die Jungen sich auf diese potentiell gefährliche Reise begeben. Stattdessegen geben für Hank ein mit dem verschwundenen Vater assoziierter Geruch und die Aussage des jüngeren Bruders, er würde abhauen, wenn er, wie Dora, das nötige Geld in der Lotterie gewinnen würde, den Ausschlag (S. 90). Es wird der Eindruck erweckt, dies sei eine schicksalhafte Fügung, aber es bleibt dennoch die Frage, was in Hanks Kopf vorgeht: Er fühlt sich für seine Brüder verantwortlich und sorgt sich um sie – und dennoch bringt er sie in Gefahr und gibt jede Sicherheit auf, ohne dass ihre bisherige Lebenssituation unerträglich zu sein scheint. 

Neben den Motiven Familie und Elternferne spielt vor allem das Thema Schicksal beziehungsweise Zufall eine große Rolle: Die Anzahl der Zufälle ist so groß, dass sie sich eigentlich nur durch Schicksal erklären ließe. Zufällig sieht Alyce, wie Hanks Bruder ins Wasser fällt; zufällig treffen sich Hank und Ruth; und zufällig wohnen Ruth und Alyce im selben Ort, sodass sich am Ende alle wiedertreffen können – um nur einige der schicksalhaften Zufälle zu nennen. Dies funktioniert als narrative Grundstruktur, da sie konsequent durchgehalten wird, erfordert aber zweifellos etwas suspension of disbelief bzw. 'Aussetzung der Ungläubigkeit'. Zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass Teile der Handlung gerade zu Anfang recht vorhersehbar sind: Es ist wenig überraschend, dass Ruths ungeschützter Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft zur Folge hat und es ist ebenso schnell klar, dass Dora die Lotterie gewinnen wird. 

Positiv hervorzuheben ist jedoch, wie realistisch und authentisch die Autorin den Alltag in Alaska beschreibt. Bonnie-Sue Hitchcock schreibt über den Ort, den sie nach eigener Aussage selbst am besten kennt, und das zeigt sich deutlich in den lebendigen Schilderungen der Handlungsorte. Ganz nebenbei vermittelt sie dabei Wissen über die harte Arbeit auf einem Fischkutter oder darüber, dass Ureinwohner und Indianer in Alaska unterschiedliche Volksgruppen sind. Ihre Figuren verkörpern das, was in den 1960er Jahren die Gesellschaft des jüngsten US-Bundesstaats prägte. Ruth und ihre Großmutter stehen für die Problematik von zu streng gelebter Religiosität; Dora vermittelt einen Eindruck von den prekären Lebensumständen vieler Ureinwohner; und Alyce repräsentiert die Kluft zwischen der Arbeits- und Lebenswelt einer älteren und den Träumen und Ambitionen einer jüngeren Generation. 

Fazit

Der Geruch von Häusern anderer Leute besticht durch eine poetische, aber dennoch leicht verständliche Sprache und die persönliche Beziehung der Autorin zum Stoff, die dem Buch deutlich anzumerken ist. Dabei scheint der Roman, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert ist, tatsächlich eher ein Kandidat für Buchpreise als für die großen Bestsellerlisten zu sein. Es ist ein Buch der leisen Töne, das schwierige gesellschaftliche Themen und Zeitgeschichte in literarischer Form aufgreift. Die fiktionale Handlung dient dabei als Rahmen, um verschiedene Aspekte von erster Liebe bis hin zu Sozialkritik und Zeitgeschichte auf relativ wenigen Seiten zu bündeln. 

Empfehlenswert ist Der Geruch von Häusern anderer Leute vor allem als Schullektüre, um ein spezielles Kapitel der jüngeren Geschichte Alaskas zu beleuchten. Aber auch Lesern und Leserinnen ab 12 Jahren, die allgemein historisch interessiert sind, sei das Buch durchaus ans Herz gelegt. Es bietet viel Stoff zum Analysieren und Diskutieren. 

 

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