von Pauline Reinhardt

Familie, Freunde, Schule, Liebe, Selbstfindung – Eins könnte ein typischer Roman für 14-jährige Jugendliche sein. Wäre die Ich-Erzählerin Grace nicht von der Hüfte abwärts nahezu untrennbar mit ihrer Zwillingsschwester Tippi verbunden und erzählte sie ihre Geschichte nicht in Form von Gedichten. In Sarah Crossans Roman, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert wurde, treffen zwei ungewöhnlich starke Mädchen auf eine ungewöhnliche starke Art des Erzählens.

Crossan, Sarah: Eins.
mixtvision Verlag, München 2016.
424 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-95854-057-6.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, wie es wäre, eine Zwillingsschwester oder einen Zwillingsbruder zu haben? Doch die Verbundenheit von siamesischen Zwillingen dürften die meisten Leserinnen und Leser nur sprichwörtlich erlebt haben. Somit ist Sarah Crossans Roman Eins schon eine Besonderheit, bevor man ihn überhaupt aufgeschlagen hat. Und es geht besonders weiter: Mit einem Gedicht. Und noch einem. Und noch einem. Beim Durchblättern stellt man fest, einen ganzen Gedichtband erworben zu haben, eingeteilt in die Monate August bis März. Autorin: Grace. Alter: 16,5 Jahre.

Der Gedichtband erzählt eine vollständige Geschichte, beginnend damit, dass Grace und ihre Zwillingsschwester Tippi aus finanziellen Gründen von nun an nicht mehr zu Hause, sondern an einer Schule unterrichtet werden sollen. Der September und damit der Schulanfang bringen viele neue Eindrücke und Menschen in ihre Leben. In den folgenden Monaten machen Tippi und Grace gemeinsam mit ihren neuen Freunden typische Teenagererfahrungen vom ersten Kater bis zum Schule Schwänzen. Typisch ist auch, dass sich die Beziehung zur kleinen Schwester und zum arbeitslosen Vater verkompliziert. Gracies und Tippis Leben könnten fast normal sein, wären da nicht die Gespräche mit der Psychotherapeutin, bei denen jeweils ein Zwilling Kopfhörer aufsetzen muss oder das Fernsehteam, von dem die beiden schließlich begleitet werden.

Grace schildert verschiedene Alltagssituationen und schreibt auch mal ein Gedicht über den Winter, während sich in der Familie die Ereignisse überstürzen und zu alledem der Gesundheitszustand der Zwillinge besorgniserregend schlecht wird. Früherer November, Mitte November, Ende November – die Ereignisse verdichten sich und lassen sich nicht mehr in einzelne Monate pressen. Schließlich muss eine Entscheidung gefällt werden, die nicht nur die Leben von Grace und Tippi verändern wird.

Kritik

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Buch von Sarah Crossan auf der Liste für den Deutschen Jugendliteraturpreis steht; bereits 2014 wurde ihr Roman Die Sprache des Wassers in der Kategorie Jugendbuch nominiert. Dieses Jahr hat sich auch die Jugendjury für eine Nominierung entschieden, denn – so in der Nominierungsbegründung – "[s]chon als einzelner Mensch ist es schwer, seine eigene Persönlichkeit zu finden. Den Zwillingen gelingt es trotz ihrer Beeinträchtigungen, sich zu entfalten."

Gemeinsam ist den beiden nominierten Romanen Crossans die lyrische Form. Im Blankvers verfasst, begleitet ein regelmäßiger Jambus ohne Reime die Geschichte. Die Autorin nennt im Interview viele Gründe für das Verwenden dieser ungewöhnlichen Form. Es sei ihr wichtig, dass die Leserinnen und Leser durch den Text fliegen könnten und gleichzeitig härter arbeiteten, indem sie die vielen Lücken selbst füllten. Außerdem habe sie als Autorin somit mehr Freiheit, mit Sprache zu spielen.

Es ist sehr schön, dass Sarah Crossan eine leicht verständliche und schnell zu lesende Form verwenden möchte, um das Thema siamesische Zwillinge möglichst vielen Leserinnen und Lesern nahezubringen. Gedichte sind etwas Wundervolles; sie lassen einen treiben oder fliegen. Aber in dieser Masse geht ihr eigentlicher Effekt verloren. Die Autorin nutzt gerade nicht die von ihr angesprochene Freiheit, mit Sprache zu spielen, sondern reißt einzelne Satzteile auseinander, wenn sie Alltagsbanalitäten wie folgt wiedergibt: "Ich wasche mir die Haare und/lasse für ein paar Minuten/Conditioner in die trockenen Spitzen einwirken,/während Tippi sich mit einem Schwamm/und Lavendelduschgel/abschrubbt."

An einigen Stellen ist die Gedichtform sehr passend, aber spärlicher eingesetzt käme diese besser zur Geltung. Wenn Grace über den Tod nachdenkt, zeigt sich eine für ihr Alter ungewöhnlich vielschichtige Betrachtungsweise. Die vielen, teils doppelt gesetzten Absätze symbolisieren ihre Denkpausen, die Gedankenstriche stehen für Ohnmacht und Unwissen.

"Tod/Wie fühlt sich der Tod an?/Wie Schlafen?/Wie in einem dunklen und lautlosen Traum zu sein?//Vielleicht wäre das okay -/wenn er nicht mehr als das/Nichts wäre.//Aber ich mache mir etwas vor.//Es muss schlimmer sein als das, ansonsten würden die Leute/ihn doch nicht so/sehr/scheuen.//Vielleicht ist der Tod weiß und//Blendend.//Vielleicht ist er ein Mangel an Schlaf,//ein reines Erwachen –//eine ohrenbetäubende Wirklichkeit,//die wahrhaft/unerträglich ist.//Aber niemand wird je wissen,/wie er sich anfühlt,/bis er dort ankommt.//Alles, was ich jetzt weiß, ist, dass er/aussieht wie/ein messingbeschlagener Sarg, der/in die Erde/hinabgelassen wird,//und/ich habe absolut kein Interesse/in/so ein Ding/zu kommen." (368 f.)

Bevor solch tiefsinnige Fragen über Leben und Tod gestellt werden, lernen die Leserinnen und Leser Tippi und Grace zunächst gut kennen. Tippi ist (vor)laut und stark, trinkt gerne Kaffee und raucht, Grace ist empfindsamer, belesener und eine Gemüseliebhaberin. Sie macht im Laufe des Romans ganz andere Erfahrungen als ihre Zwillingsschwester. Der Titel Eins verdeutlicht nicht nur, was die beiden Mädchen eint (Familie, Bett und einige lebenswichtige Organe), sondern auch was sie voneinander unterscheidet. Es gibt eine Grace und eine Tippi, zwei Individuen, wobei es bei der Ich-Perspektive der ersten bleibt.

Neue Freunde finden die beiden aber zusammen, und die Worte, die Sarah Crossan dafür wählt, könnten aus dem Mund jedes beliebigen Jugendlichen stammen: "Unsere Gespräche sind absolut schwachsinnig/und als es schließlich klingelt,/beginne ich mich zu fragen:/Haben wir da etwa/zwei Freunde/gefunden?" (69) Immer wieder kommt es zu Situationen, die den Leserinnen und Lesern bekannt vorkommen dürften: finanzielle Probleme, ein wütender, trinkender Vater und eine kleine Schwester, um die man sich Sorgen machen muss. Auch der Schulalltag gehört dazu. In Großbritannien, wo die irische Schriftstellerin unterrichtet hat, ist inklusiver Unterricht weiter verbreitet als in Deutschland. In ihrer Wahlheimat USA, in der auch Eins spielt, besuchen rund 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit Behinderung reguläre Schulen.

Die Geschichte kommt jedoch schnell zu einem Punkt, an dem es den Leserinnen und Lesern schwer fällt, sich mit Grace und Tippi zu identifizieren. Eine der beiden Schwestern sehnt sich zum ersten Mal danach allein zu sein, denn sie verliebt sich in einen Jungen, dessen Hände "sind übersät mit winzigen Tattoos -/Sternchen, die zu funkeln scheinen, wann immer er mit/seinen Fingern/den Ton knetet." (61). Wie Zweisamkeit möglich sein kann, wenn man eigentlich zu dritt ist, fragt man sich unweigerlich, sobald man von siamesischen Zwillingen hört und das fragen sich auch die Schwestern, die immer sagten "Wir können alles machen,/okay? […] Aber wir dürfen uns nie,/niemals/verlieben" (189).

Schon bald tritt die Liebe wieder in den Hintergrund; wenn es darum geht, lebensbedrohliche Entscheidungen zu treffen, wird die Beziehung zwischen den beiden Schwestern enger als alles andere jemals Dagewesene. Der Roman baut auf den letzten 100 Seiten eine fast unerträgliche Spannung auf, und dass sich diese Passagen durch die unmittelbaren und kurzen Gedichte so schnell lesen lassen, erfüllt einen mit großer Dankbarkeit.

Fazit

Sarah Crossan hat sich an eine ungewöhnliche Ich-Erzählerin gewagt und beschreibt deren von Absätzen durchzogene (Gedanken-)welt mit viel Empathie. Die unmittelbare Wortwahl für dieses sehr schwere Thema macht Eins zu einem Roman, der auch ungeübte Leserinnen und Leser schnell in seinen Bann ziehen kann. Er ist für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet.

Im kostenlosen Unterrichtsmaterial, das auf der Website des Verlages erhältlich ist, heißt es "dieser Roman ist nichts für sensible Naturen unter ihren Schülern und Schülerinnen". Es stimmt, dass einige explizite Stellen Fragen beantworten, die man nicht unbedingt im Deutschunterricht stellen würde. Das macht den Roman aber noch lange nicht unsensibel, sondern ehrlich. Und Ehrlichkeit sollten alle Jugendlichen verkraften können.

 

Überblick über die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017


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