Von

Wer braucht schon Freunde, wenn man sich in der selbstgewählten Isolation des Elternhauses bequem eingerichtet hat? Wen kümmert es, wenn man einen Freund hintergeht, solange man ihm damit hilft? In Hochgradig unlogisches Verhalten beantwortet John Corey Whaley diese Fragen auf überzeugende und äußerst humorvolle Weise.

Whaley, John Corey: Hochgradig unlogisches Verhalten.
Carl Hanser Verlag, München 2017.
240 Seiten. 16,00 €
ISBN 9783446257054.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Solomon Reed und das Leben vor seiner Haustür passen nicht gut zusammen. Der Gang zur Schule, die sozialen Kontakte mit Mitschülern, die schiere Flut an Eindrücken und Anforderungen des täglichen Lebens lösen bei ihm schwere Panikattacken aus. Nach einem spektakulären Zusammenbruch vor drei Jahren hat Solomon daher beschlossen, das Haus seiner Eltern nicht mehr zu verlassen und weder die Überredungsversuche seiner Eltern noch diverse Therapiegespräche konnten ihn vom Gegenteil überzeugen. Subjektiv fühlt sich Solomon recht wohl in seiner Situation. Die Überschaubarkeit des Lebens im Haus gibt ihm Sicherheit und die Freiheit, weder Schuhe tragen noch anderen Konventionen entsprechen zu müssen. Dieses Arrangement wird erst mit dem Auftauchen von Lisa Praytor gestört. Lisa hatte vor drei Jahren Solomons Zusammenbruch miterlebt. Nun hat sie den Jungen, der danach spurlos aus ihrer Schule verschwand, aufgespürt und versucht, mit ihm in Kontakt zu treten. Ihre Motive sind allerdings alles andere als selbstlos: Lisa möchte unbedingt "rauskommen" aus ihrer kleinstädtischen Heimat und der Weg dahin scheint das Stipendium für ein Psychologiestudium an der renommierten Woodlawn University zu sein. Dafür muss sie einen Aufsatz zum Thema "Meine persönliche Erfahrung mit psychischen Erkrankungen" schreiben und was könnte eindrucksvoller sein als einen Mitschüler von seiner Agoraphobie zu heilen? Also lässt sie Solomon über seine Mutter einen Brief zukommen, in dem sie ihm ihre Freundschaft anbietet. Zu ihrer beiderseitigen Überraschung stellen Lisa und Solomon fest, dass das Zusammensein nicht nur überraschend unkompliziert ist, sondern auch tatsächlich Spaß macht. Als Lisa auch noch ihren Freund Clark mitbringt, entwickelt sich rasch eine Dreierfreundschaft zwischen den Jugendlichen. Mit der Unterstützung seiner neugewonnenen Freunde sieht sich Solomon sogar in der Lage, einen ersten Schritt aus seiner Isolation heraus zu wagen: Er möchte draußen im Garten seiner Eltern in dem Pool schwimmen, den seine äußerst vitale und finanzkräftige Großmutter für ihn anlegen lässt. Kompliziert wird die Situation jedoch, als sich Solomon in Clark verliebt und Lisas Lügengebäude zusammenzustürzen droht. 

Kritik

Außenseiterfiguren tauchen häufig in Jugendromanen auf, verkörpern sie doch so anschaulich die widersprüchlichen Gefühle von Isolation und Grandiosität, die oft mit der Adoleszenz einhergehen. Der psychisch kranke Außenseiter ist hierbei eine Sonderform dieser Figur, die in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur etwa in den Romanen von Andreas Steinhöfel, Mark Haddon oder Teresa Toten im Fokus der Handlung steht. Bei diesen Protagonisten verschärft sich die im Außenseiter bereits angelegte Problematik von individueller Abweichung von der Norm und gesellschaftlicher Akzeptanz noch zusätzlich und diesen Konflikt thematisiert auch Whaley. Hierfür wählt er keine autodiegetische Erzählweise. Stattdessen wechselt die Sichtweise kapitelweise zwischen Solomon und Lisa, die als jeweilige Fokalisatoren dienen, während die Erzählstimme in der dritten Person gehalten ist. Diese erzählerische Distanz erlaubt es, auf subtile Weise die begrenzte Sichtweise der Figuren darzustellen und in einigen Passagen, die in den Bereich der erlebten Rede fallen, zu unterwandern.

Bei den Protagonisten Lisa und Solomon handelt es sich um keine reinen Identifikationsfiguren. Sie sind vielschichtige Figuren, ihre Handlungsweise ist oft fragwürdig, wird aber dennoch nachvollziehbar geschildert. Lisas Therapiemaßnahmen etwa schwanken irgendwo zwischen Selbstsüchtigkeit, Selbstüberschätzung und echter Sympathie für Solomon. Dieser hingegen erscheint zwar durchaus bemitleidenswert, aber der Egoismus seines radikalen Rückzugs aus der Welt bleibt weder dem Leser noch ihm selbst verborgen.

Eine weitere Stärke der Passagen aus Solomons Perspektive ist sein Hang zur Selbstironie und sein Humor, mit dem er auch eigentlich dramatische Situationen zum Teil entschärfen kann. Als Solomon, nachdem er sich für ein erstes Treffen mit Lisa verabredet hat, gleich darauf von einer Panikattacke heimgesucht wird, schließt er trocken daraus: "Sich selbst im Toilettenwasser zu beobachten war vielleicht kein Anzeichen dafür, dass er sich wirklich auf den Besuch von Lisa freute. Aber was konnte er jetzt noch daran ändern?" (49)

Whaleys Erzählstil ist weitgehend zurückgenommen, in den Passagen erlebter Rede oft sanft ironisch ohne dabei seine Figuren vorzuführen. Das "hochgradig unlogische Verhalten" seiner Figuren ist es gerade, das sie interessant und trotz allem sympathisch macht. Lange bevor ihre Freunde ihr dies vor Augen halten, hat beispielsweise der Leser Gelegenheit zu bemerken, dass Lisas Fixierung auf die psychischen Probleme anderer auch eine Ablenkungsmaßnahme von der gestörten Beziehung zu ihrer Mutter und deren ständig scheiternden Beziehungen ist. Die erzählerische Zurückhaltung erweist sich gerade in den Passsagen, die emotionale Höhepunkte darstellen, als großer Gewinn. So ist die Schilderung von Solomons erstem Sprung in den Pool schon fast nüchtern, aber gerade dadurch wirkungsvoll:

"Als er das erste Mal unter dem gebannten Blick seiner Eltern und Freunde in den Pool stieg, war ihm zum Weinen zumute. Und er weinte tatsächlich, aber nur ein klein wenig, und um keine große Sache daraus zu machen, ließ er sich kopfüber ins Wasser fallen und tauchte mit einem Lächeln wieder auf. Danach schwamm er so lange immer weiter und weiter, bis die Umstehenden und mittlerweile Mitbadenden fragten, ob bei ihm alles okay sei. Natürlich war es das. Nichts half so gut wie Wasser." (164)

Der Autor präsentiert seinen Lesern am Ende keine Auflösung des Konflikts, aber dennoch die ermutigende Gewissheit, dass es möglich ist, auch als Außenseiter seinen Platz im Leben zu finden – und die Erkenntnis, wie wichtig dabei gute Freunde sind.

Fazit

Whaley erzählt auf sensible und komische Weise die Geschichte einer ungewöhnlichen Dreierfreundschaft und stellt die schwierige Frage, was echte Freundschaft eigentlich ausmacht – und wieviel sie aushalten kann. Ein Roman für Leser ab 13 Jahren, die Figuren mit Tiefgang, Ecken und Kanten und einem abseitigen Humor zu schätzen wissen.

Diesen Roman können Sie im Rahmen unserer Adventskalender-Aktion bei einer Verlosung gewinnen. Schreiben Sie uns hierzu eine eMail mit Ihrem Namen, Ihrer Adresse und dem Titel des Buches am 07.12. an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Dezember 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31