von Philipp Schmerheim

Timeless präsentiert eine visuell opulent gestaltete, erzählerisch aber konventionell umgesetzte Abenteuergeschichte, die vor allem durch ihr Setting besticht: Diego Ribera, der 13jährige Held der Geschichte, erlebt seine Abenteuer in einer Welt, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschachtelt haben.

Baltazar, Armand: Timeless. Retter der verlorenen Zeit.
cbj, München 2017.
624 Seiten. 19,99 €
ISBN 978-3-570-17447-0.
Empfohlen ab 10 Jahren.
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Interaktive Leseprobe

Inhalt

Infolge einer katastrophalen Zeitkollision hat sich das Raum-Zeit-Kontinuum verschoben, sodass in einer postapokalyptischen Welt verschiedene Epochen auf der Erdoberfläche koexistieren: Dinosaurier grasen neben gigantischen Robotern, Piratenschiffe aus der frühen Neuzeit patrouillieren neben Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg über die angeschwollenen Weltmeere. Nur wenige Hundert Millionen Menschen haben die Katastrophe überlebt und sich nach den langen Chronos-Kriegen auf einen fragilen Frieden geeinigt.

In dieser Welt lebt auch der 13-Jährige Diego Ribera mit seinen Eltern: Sein Vater Santiago ist einer der brillantesten Ingenieure seiner Zeit, seine Mutter Siobhan eine der legendärsten Pilotinnen der Chronos-Kriege. Diego hat offenbar das Talent seines Vaters geerbt; teils scheint er mit Maschinen mental kommunizieren zu können.

Eines Tages wird New Chicago von mysteriösen antiken Piraten um den römischen Feldherrn Magnus angegriffen, die Diegos Vater entführen, weil dieser eine geheime Maschine reaktivieren soll, die den Effekt der Zeitkollision zwar rückgängig machen kann, im Gegenzug aber die Welt, wie sie jetzt existiert, zerstören wird - und mit ihr alle Kinder, die nach der Zeitkollision geboren worden sind.

Diego schleicht sich heimlich mit seinen Freunden Petey, Lucy und Paige an Bord des Piratenschiffs des russischen Kapitäns Boleslavich, das die Verfolgung der Entführer aufnehmen soll. Nachdem die blinden Passagiere auf hoher See entdeckt werden, müssen sie das harte Seemannshandwerk erlernen, um sich den Respekt der Piratencrew zu erarbeiten. Zugleich verstärken sich Diegos Fähigkeiten im Umgang mit technischen Geräten. Schließlich finden sie Diegos Vater und müssen sich in einer finalen Konfrontation Magnus und seinen Truppen stellen.

Kritik

Steampunk trifft Weltkriegs- und Piratenfilme auf Zeitreise: So in etwa ließe sich das Genre-Mashup beschreiben, das in Armand Baltazars graphischem Roman Timeless inszeniert wird. Die kurzweiligen 600 Seiten sind schnell durchgelesen, auch weil ein gutes Viertel des Buchs aus teils doppelseitigen, aufwändigen Farbillustrationen besteht, deren photorealistische Anmutung in dem ästhetisch ansprechend gestalteten Hardcover-Band gut zur Geltung kommt.

Dabei handelt es sich eigentlich weniger um Illustrationen, sondern um Storyboards, die sich ohne Weiteres als Gestaltungsvorlagen für Dreharbeiten nutzen ließen. Und in der Tat - über weite Strecken liest sich Timeless wie ein durch hunderte Storyboard-Illustrationen erweitertes Treatment für eine teure Blockbusterfilmproduktion: Die Illustrationen lassen nicht bloß erahnen, wie sich die Geschichte auf der großen Leinwand ausnehmen würde, ihr Vorlagencharakter für eine Verfilmung ist geradezu offensichtlich.

Dementsprechend gestaltet sich auch das Verhältnis zwischen Bild- und Schrifttext: Die Storyboards sind teils Veranschaulichungen der Welt, durch die Diego und seine Freunde manövrieren, teils fungieren sie als eigenständige Handlungsträger, die Handlungsstränge des Schrifttexts aufgreifen. Diese Bild-Text-Verschränkungen sind jedoch nicht immer gelungen, bisweilen entstehen so extreme Leerstellen, die zumindest junge Leserinnen und Leser auf die Probe stellen könnten.

Sprachlich ist Timeless, dessen englischsprachiger Originaltitel inhaltlich treffender, aber für deutsche Augen komplexer, "Collidescape" lautet, vergleichsweise schmucklos (aber auf gelungene Weise von Tanja Ohlsen ins Deutsche übersetzt): Die personale Erzählinstanz vermittelt die Welt von Timeless an Diegos Erlebnishorizont gebunden und intern fokalisierend. So erfahren wir vergleichsweise viel über Diegos Gedanken und inneren Zweifel, die Welt um ihn herum wird jedoch fast ausschließlich lediglich benannt, nicht aber beschrieben: Wie genau seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter aussehen, wie seine Umgebung eingerichtet ist, all das vermitteln nur die Storyboards, die dafür im Gegenzug ein sehr plastisches Bild dieser Welt vermitteln.

Die Geschichte, die Timeless zugrunde liegt, ist vertraut: ein Junge entdeckt seine besonderen Fähigkeiten und begibt sich zusammen mit guten Freunden auf eine Abenteuerreise im Schatzinsel-Stil, in deren Verlauf er die Welt retten muss. Die kindlichen Heldinnen und Helden sind ethnisch bunt gemischt und allesamt sportlich-durchtrainiert - hier zeigt sich der Ursprung der Geschichte in der südkalifornischen Popkultur.

Dass das alles etwas generisch ist, sei aber geschenkt: der eigentliche Charme von Baltazars Geschichte besteht in der Welt, die sie entfaltet: die Grundidee einer Koexistenz von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft birgt nahezu unbegrenzte Erzählmöglichkeiten, weshalb es (den entsprechenden Erfolg des Romans vorausgesetzt) nicht lange dauern dürfte, bis es weitere Geschichten, Spiele und Filme geben wird.

Diese zeitverschobene Welt ist nicht einfach nur spektakuläre Kulisse - es gelingt Baltazar, den Reiz einer solchen Welt ebenso zu skizzieren wie die Konflikte, die aus ihr entstehen. So resultiert der Kernkonflikt, der die Handlung von Timeless vorantreibt, aus dem Widerstreit zwischen Zeitnostalgikern, die in die Welt vor der Zeitkollision zurückkehren wollen (und damit auch zu den Menschen und der Lebensweise, die sie verloren haben) und denjenigen, die sich ein neues Leben aufgebaut haben, das sie nun beschützen wollen. Diese neue Welt bringt auch besondere gesellschaftliche Probleme hervor: es prallen nicht nur unterschiedliche Gesellschaftsordnungen mit den ihnen eigenen Klassen- und Genderkonflikten und Rassismen aufeinander, ebenso unterscheiden sich die Bewohner der zeitverschobenen Welt in der Art und Weise, auf die ihre Lebensweise mit Technologie verwachsen ist. Daraus resultieren wiederum einige der eindrücklichsten und filmreifsten Storyboards des Romans.

Die Filmaffinität des Buchs ist nicht verwunderlich: Baltazar ist ein Veteran der Filmbranche, der als der als Designer für Pixar, Disney und DreamWorks gearbeitet hat und - allerdings nicht in leitender Position - an animierten Filmen wie The Prince of Egypt, Spirit, The Bee MoviePrincess and the Frog und Cars 2 beteiligt war. (Vgl. http://www.armandbaltazar.com/)

Baltazar verarbeitet in Timeless nicht nur seine Kompetenzen aus der Filmbranche - die Geschichte hat auch biographische Elemente, beruht sie doch eigenen Angaben zufolge in geradezu Lindgren'scher Manier auf Grundideen seines Sohns. Wenig überraschend deshalb, dass Diego nach dem Vorbild von Baltazars Sohn gestaltet ist.

Fazit

Abenteuerlustige Mädchen und Jungs ab etwa zehn Jahren werden Timeless wahrscheinlich verschlingen, schließlich bietet die Geschichte sympathische kindliche Hauptfiguren, eine Welt, die zwar visuell plastisch und opulent präsentiert wird, aber zugleich viel Freiraum für eigene Phantasien lässt. Gerahmt wird das alles von einem narrativ routiniert inszenierten Wettlauf gegen die Zeit, der den Spannungsbogen auf der Entdeckungsreise durch die verschachtelten Zeiträume aufrechterhält.

 

Erstveröffentlichung: 13.02.2018


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