von Jana Mikota

Eine Roadnovel der besonderen Art erwartet die Leserinnen und Leser, denn Jutta Wilke erschafft in ihrem (Ferien-)Roman Stechmückensommer nicht nur eine spannende Handlung, sondern auch drei Figuren, die den Debatten um Inklusion eine neue Perspektive geben…

Wilke, Jutta: Stechmückensommer.
Knesebeck, München 2018.
240 Seiten. 15,00 €.
ISBN 978-3-95728-105-0.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

"Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick." (S. 7) Mit dieser knappen Feststellung setzt der Roman ein, um in nachfolgenden Satz die Ich-Erzählerin Madeleine einzuführen, die von den Mitgliedern der Reisegruppe Made genannt wird. Aber es ist nicht nur der Spitzname, der Madeleine im Feriencamp in Schweden zur Außenseiterin macht. Sie muss, da sie erst "fast vierzehn" (S. 7) ist, das Zimmer mit Zwölf- und Dreizehnjährigen teilen, die kindisch sind und Barbiepuppen besitzen. Doch auch die älteren Mädchen der Gruppe wollen mit Madeleine keinen Kontakt, da sie einfach nicht cool ist. Madeleine leidet, vermisst ihre Eltern, die zum ersten Mal Urlaub ohne sie machen, und auch ihre Oma. Sie möchte nicht im Ferienlager bleiben, schottet sich ab und versteckt sich während eines Ausflugs im VW-Bulli. Dabei schläft sie ein und bemerkt beim Aufwachen, dass der Bulli gestohlen wurde und sie sich mit dem fünfzehnjährigen Punk Juli auf dem Weg zum Nordkap befindet. Nach anfänglichen Wirrungen und Irrungen gesellt sich noch Vincent dazu, der ein Down-Syndrom hat und ein T-Shirt mit dem Spruch "Keep calm!. It’s only an extra Chromosome" (S. 114) trägt. Das Trio reist weiter und muss sich immer wieder neuen Problemen stellen, die das Ziel der Reise fast unmöglich machen …

Kritik

Inklusion ist eines der wichtigsten Themen der letzten Jahre und auch die Kinder- und Jugendliteratur blickt zurück auf eine lange Tradition der Darstellung kindlicher Akteure mit Beeinträchtigung. Dabei dürften die Rico-Tetralogie (2008-2017) von Andreas Steinhöfel sowie der Jugendroman Simpel (dt. 2007) von Marie-Aude Murail einen Paradigmenwechsel innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur einläuten, die nachfolgende kinder- und jugendliterarische Texte maßgeblich beeinflussen und mit Blick auf Inklusion neue Akzente setzen. Der aktuelle Roman Stechmückensommer orientiert sich an dem neuen Erzählen, führt mit Vincent einen sechzehnjährigen Jugendlichen ein, der mit einem wachen Blick seine Umwelt beobachtet und somit Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur Simpel im gleichnamigen Roman hat. Der zweite Prätext ist Tschick, denn dieser Roman wird nicht nur als "absolutes Lieblingsbuch" (S. 12) der Ich-Erzählerin eingeführt, sondern die Reise mit den zahlreichen Turbulenzen erinnert auch an Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman. Mit Madeleine, die sich während der Reise ein neues Ich zulegen möchte und den Namen Lore wählt, Juli und Vincent werden drei Außenseiter eingeführt: Juli leidet unter dem Tod seines geliebten Großvaters, reagiert immer wieder mürrisch. Madeleine, die in ihre neue Rolle als "Lore […] [schlüpft], die vor nichts Angst hat" (S. 114), kämpft in der Welt außerhalb des Bullis mit ihrem Äußeren und Vincent lebt in einem Heim, da seine Eltern nur den Urlaub mit ihm verbringen. Das, was sich nach einem problemorientierten Jugendroman anhört, entpuppt sich als ein leicht erzählter Jugendroman, der konsequent den Umgang der Menschen miteinander hinterfragt. Denn Wilke erschafft in den humorvollen und mitunter ironischen Dialogen einen eigenen Ton und es ist vor allem Vincent, der im wahrsten Sinne des Wortes Schwung in die Gruppe bringt. Juli, der qua seines punkigen Äußeren schon am Rande der Gesellschaft steht, begegnet Vincent zunächst mit Vorurteilen, nennt ihn "Riesenbaby" (S. 112) und "Mongo" (S. 111) und das, obwohl ihm Vincent "niemand d-d-darf M-Mongo zu mir sagen" (S. 111) entgegenwirft. Madeleine ergreift immer wieder Vincents Partei, denn sie ahnt, wie er sich fühlt und dennoch kann auch sie sich nicht von bestimmten Vorurteilen befreien. Vincent selbst kann sich aber wehren, ist klug und leidet darunter, dass er als jemand wahrgenommen wird, der "keine Ahnung" hätte und "dumm" sei (S. 140). Auf Madeleines Frage, ob es ihm etwas ausmache, dass er Down-Syndrom habe, antwortet er mit einem schlichten "Nein" (S. 143):

"Die Leute sind immer überrascht. Aber es macht mir wirklich nix aus", erklärt er mir. "Mich stört nur das Aussehen von Down-Syndrom […] Weil mich jeder anstarrt, sieht man nicht, was in mir ist. Wenn man mich anstarrt, sieht man nicht, dass ich super beim Rechnen bin und weiß, wie die Tankstelle funktioniert und dass ich Landkarten lesen kann. Die Leute starren mich an und denken, dass ich doof bin." (S. 143f.)

Damit verbalisiert Vincent ein Problem, dass auch Madeleine kennt. Sie wird auf ihre Äußerlichkeiten reduziert, von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern gehänselt und kaum jemand fragt, wer sie ist. Und dennoch, und das bemerkt Vincent klug, denkt auch Madeleine, dass Vincent anders ist als die Norm. Doch was ist die Norm? Diese Frage schwingt in den Dialogen immer wieder mit, ohne dass Antworten gegeben werden.

Fazit

Tatsächlich fehlen in der Kinder- und Jugendliteratur, die Inklusion thematisieren, Jugendliche in der Adoleszenzphase. Mit Vincent wirft der Roman einen Blick auf Jugendliche mit Beeinträchtigung und stattet sie mit Fragen und Gefühlen aus, vernachlässigt jedoch klassische Themenfelder der Adoleszenz wie Verliebtsein oder die eigene Sexualität. Vielmehr stehen Fragen nach dem eigenen Äußeren und der Identität im Vordergrund. In der Figurenzeichnung sowie den zum Teil humorvollen, zum Teil nachdenklichen Dialogen liegt die Stärke des Jugendromans. Aufgrund der spannenden Handlung, der Frage, ob sie es zum Nordpol schaffen und den zahlreichen Dialogen, eignet sich der Roman für Leserinnen und Leser zwölf Jahren.


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