von Sindy Hildebrand

"Im Jahr davor hatte ich Asien und drei Viertel des Pazifiks neben der Badezimmertür beendet. […] Südamerika. Ich versuchte konzentriert zu bleiben. […] Aber Céleste geisterte mir durch den Kopf. […] Ich war unfähig mich aus dieser Starre zu lösen, verzaubert, gelähmt, und der Pinsel schwebte in der Luft über Feuerland." (S. 21) Die Erde, ein Mädchen, eine Liebesgeschichte – in einer möglichen Zukunft, in der Wunden der Vergangenheit und Gegenwart weiter aufgerissen und vielleicht nie heilen werden.

Fombelle, Timothée de: Céleste oder die Welt der gläsernen Türme.
Illustrationen: Julie Ricossé.
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing.
Gerstenberg, Hildesheim 2010.
96 Seiten. 9,90 €.
ISBN 978-3-8369-5291-0.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Er malt gern Landkarten und spielt Klavier. Um sein leibliches Wohlergehen sorgt sich rundum seine Mutter, eine vielbeschäftigte Managerin des Unternehmens !ndustry. Persönlich bekommt er sie selten zu Gesicht. Den Online-Kühlschrank und seine Computerspielsammlung lässt sie wöchentlich mit astronomischen Mengen auffüllen, von denen eher sein Freund Briss profitiert und dabei jeden Abend Kubikmeter an leerer Plasteverpackung produziert. Mit vierzehn verliebt der Junge sich in Céleste, im Fahrstuhl auf dem Weg zur Schule. Sie schafft einen halben Schultag, dann verschwindet sie. Auf dem Dach eines Parkhausturmes findet er sie, inmitten schwarzer Qualmwolken stinkender Auspuffgase. In einem spärlich beleuchteten Zimmer liegt Céleste auf blankem Boden ausgestreckt, frierend, hustend, mit Flecken übersät. Ihr Vater, Lüftungsreparateur des Turms, hat Angst, dass seine Familie den Unterschlupf räumen muss, wenn man die Krankheit entdeckt. Doch das Mädchen muss dringend ins Krankenhaus. Mit Hilfe der einflussreichen Manager-Mutter wird sie auf die Etage der globalen Krankheiten des !ndustry-Turms verlegt, dann in Vorzugsbehandlung genommen. Davon darf jedoch keiner wissen. Der braune Fleck auf Célestes Stirn gibt dem Jungen Rätsel auf. Erst an einem Zeitungskiosk kommt ihm die Erleuchtung. Ein Magazintitelblatt zeigt den Amazonas-Regenwald. Wie ein angefressenes Herz. Geschrumpft. Nur noch ein Wäldchen, mit Stacheldraht umzäunt. Ein Passant gibt zu verstehen: "Unsere Erde. Wenn sie ein Mensch wäre, würde man alles tun, um sie zu retten." (S. 60) Der Junge erkennt auch, dass der Ausschlag auf ihrem Rücken der Form der schmelzenden Arktis ähnelt. Er beginnt zu begreifen:

"Die Wüstenausbreitung in Afrika, die Überflutung der indischen Küsten, alle ökologischen Katastrophen der Welt erschienen auf dem Körper von Céleste. Céleste litt an nichts anderem als an der Krankheit unseres Planeten. Langsam und qualvoll würde sie daran sterben. Ihr Blut musste verschmutzt sein wie die Meere und Flüsse, und ihre Lungen wie die Qualmglocke über unseren Städten." (S. 62)

Waghalsig versucht er Céleste aus dem hochüberwachten Krankenzimmer zu befreien und mit Hilfe Briss' die Welt über Célestes Schicksal zu informieren …

Kritik

In Céleste oder die Welt der gläsernen Türme gewährt Timothée de Fombelle Einblick in das Leben, die Gedanken und Gefühle eines namenlosen Ich-Erzählers, der die Erzählung als Rückblick auf seine Begegnung mit Céleste ausweist. Beschreibungen zu seiner abwesenden Mutter und der räumlichen Umgebung eröffnen, dass er in einem Stadtviertel der gläsernen Wolkenkratzer wohnte, das von dem Megakonzern !ndustry dominiert wird. Das Leben der Bewohner zeichnet sich durch materiellen Überfluss aus, der u. a. ein immenses Anwachsen an Verpackungsmaterial mit sich bringt oder, wie der Erzähler lakonisch formuliert: "Die Leute lieben Tüten." (S. 24) Symbol des exzessiven Konsums und der Verschwendungssucht ist das Hochhaus !ntencity, das aus hunderten Etagen Einkaufspassagen besteht, deren Fußböden mit Werbebildschirmen bedeckt sind. Zugleich wird erkennbar, dass die Türme aus Glas – das Material der Supermoderne – permanent von dichtem Rauch eingehüllt sind, die Außenwelt von einem komplex verschlungenen, allein für Autos vorgesehenen Straßensystem durchzogen wird. Dass Warentransport und Mobilität für das Leben in der Wolkenkratzermetropole höchst bedeutend sind, suggerieren die kilometerhohen Parktürme. Ein völlig anderes Viertel am Stadtrand durchquert der Junge auf der Flucht mit Céleste, in dem Menschen, wie auch Briss und sein Vater, in hohen Ziegelhäusern wohnen und Tag und Nacht arbeiten. Diese Türme sind durch einfache Holzbretter verbunden, die Untergeschosse werden meist vom Flusswasser überschwemmt und vor den Fenstern hängen Netze, um Ratten vor dem Eindringen abzuhalten. Schon diese Raumbeschreibungen, die an keiner Stelle bewertet werden, verdeutlichen, dass sich die erzählte Welt durch starke ökonomische Gegensätze und ökologische Extremsituationen auszeichnet. Zwar werden diese nicht zeitlich eingeordnet, doch ist zu vermuten, dass diese Welt ein Abbild unserer außerfiktionalen in der Gegenwart bzw. nahen Zukunft sein könnte. Wie der Erzähler konstatiert, wohnen in ihr neun Milliarden Menschen; zum jetzigen Zeitpunkt (2018) zählt man auf unserem Planeten schätzungsweise siebeneinhalb Milliarden, laut UN könnten es bis zum Jahrtausendende bis zu zwölf Milliarden Bewohner sein. [1]

In dieser Welt der Glasmetropole und Ziegelslums ist alles zu intensiv und zu extrem, wie die fiktiven Eigennamen sprachlich und interpunktorisch betonen (!mmencity = immensity [Unermesslichkeit], !ntencity = intensity [Heftigkeit]), während die Begegnung der beiden Protagonisten kurz und wortlos abläuft, aber beim Erzähler Eindruck hinterlässt. Bereits seine Leidenschaft für die Topographie der Erde sowie der erdige Duft, den das Mädchen ausstrahlt, deuten voraus, dass zwischen diesem und dem Planeten eine enge Verbindung besteht. Mehr gibt hier der poetische französische Originaltitel Céleste, ma planète [Céleste, mein Planet] preis: Céleste ist die menschliche Inkarnation der Erde, der die Bevölkerungs- und Konsumbombe sowie alle damit verbundenen Entwicklungen und Auswirkungen schwer zugesetzt haben. Die vom Menschen verursachten Angriffe auf ihre Lebenserhaltungssysteme sieht der Ich-Erzähler symbolisiert durch das Großunternehmen !ndustry, das die ganze Welt verschmutzt und Céleste bewusst in seinem Krankenhaus isoliert 'behandeln' lässt: Die eigene Verantwortung für ihr Leiden, das die Schädigung des terrestrischen Biosystems konkret sichtbar widerspiegelt, muss um jeden Preis verschwiegen werden, um das Agieren des Konzerns nicht zu gefährden. Auch wenn Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen nicht erhellt werden, wird klar: Profit und ständiges wirtschaftliches Wachstum sind den (meisten) Menschen wichtiger als die Grundlage, die sie erst möglich machen, nämlich die Lebenserhaltungssysteme und die begrenzten bzw. sehr langsam regenerierbaren Ressourcen der Erde. Das Paradox, das daraus resultiert – anhaltende Wachstumsgier bei zunehmender Ressourcenknappheit –, hat unsere außerfiktionale Welt in eine Situation der globalen Ökokrise gebracht. Das Mädchen stellt dabei die Metapher für die negative Entwicklung des Systems dar, das der britische Gelehrte James Lovelock unter dem Begriff Gaia beschrieben hat. Die Erde denkt er als einen großen lebenden Organismus, der sein Klima und seine Zusammensetzung (Lebewesen und deren Umwelt) so selbstreguliert, das Leben auf ihr möglich wird. [2] Jedoch hat der im 18. Jahrhundert in Gang gebrachte industriell-technisch-technologische Fortschritt des Menschen dieses System stark beeinflusst, so dass der Mensch sein eigenes und das (Über-)Leben anderer Lebewesen hochgradig gefährdet. Céleste leidet an all diesen ökologischen Störungen.

Wie der Junge gesteht, hat er vor der Begegnung mit ihr die Welt so hingenommen wie sie war, nicht über ihr Sein und Funktionieren nachgedacht. Erst Célestes Schicksal und dessen Verbindung zur Erde machen ihm bewusst, dass die gesamte Menschheit konsequent im großen Maßstab handeln muss. Daher bitter er seinen Freund Briss, Fotos der Kranken über das Internet zu verbreiten. Zwar zeigt sich hier die für die Umwelt positiv angewendete Technologie, jedoch erscheint es utopisch, dass auf diese Weise ein Großteil der Menschen zum Umdenken animiert wird und seine alltäglichen Handlungen auf ökologische Verträglichkeit überprüft. Noch zweifelhafter wirkt die relativ schnell einsetzende Gesundung des Mädchens innerhalb von zwei Jahren, die der Erzähler im letzten Kapitel seiner Erzählung andeutet und die durch eine auktorial vermittelte Schlusspassage unterstrichen wird. Ökologische Schäden, die der Mensch in sehr kurzer Zeit angerichtet hat, können laut Gaia-Hypothese durch die Erde erst über Jahrtausende behoben werden. Dieser Schluss der Geschichte mag daher als Hoffnung zu verstehen sein, dass der Mensch sein destruktives Verhalten ändern kann. Mit Blick auf sein Leserpublikum positioniert sich de Fombelle damit gegen eine Angst provozierende Apokalypsevision, die Jugendbüchern mit ähnlicher Ökokrisen-Thematik teilweise inhärent ist, wie z.B. Die Wolke von Gudrun Pausewang oder Die Welt, wie wir sie kannten von Susan Beth Pfeffer.

Céleste oder die Welt der gläsernen Türme bietet keine Anleitung zu einem ökologisch nachhaltigen Leben oder Lösungswege aus der beschriebenen multidimensionalen Umweltkrise. Das Buch ist als emotionaler Appell zu verstehen: Die Menschheit muss sich ihrer Verantwortung für den Planeten Erde bewusst werden: "We need to love and respect the Earth with the same intensity that we give to our families and our tribe. […] our contract with the Earth is fundamental, for we are a part of it and cannot survive without a healthy planet as our home." [3]

Letztlich kann das Jugendbuch, das sich sehr flüssig liest, als Liebeserklärung an unseren Lebensursprung und unsere Heimstätte betrachtet werden, wie schon die Widmung andeutet (Für Céleste). Mehr offenbart der Originaltitel: Nicht nur erinnert Céleste, ma planète an Céleste, mon amour [Céleste, meine Liebe], auch ist der Mädchenname gezielt gewählt, er stammt von dem lateinischen Nomen caeleste ab, das auf das Himmlische und damit Göttliche verweist. Die Erde und das Leben, das sie unterhält, lassen sich als ein einzigartiges göttliches Wunder verstehen. Allegorisiert wird dieses durch die Erdgöttin Gaia, die Namenspatin des Lovelockschen sich selbstregulierenden Makroorganismus.

Die Liebesgeschichte, die sich ganz deutlich unter dieser ökokritischen Perspektive lesen lässt, wird von Zeichnungen der französischen Illustratorin Julie Ricossé begleitet. Aus einigen dieser Bilder ist das Cover der deutschen Ausgabe zusammengestellt, das in Violett, Blau und Grün gehalten ist. Motivisch wie farblich passt jedoch das französische Cover besser zur Geschichte: Vor dicht stehenden Baumstämmen, die in Wolkenkratzer übergehen und deren Baumkronen sich in violett-gelbem Rauch auflösen, eilt ein Junge mit einem Mädchen in den Armen durch tiefen Schnee.

Fazit

Der französische Dramatiker, Kinder- und Jugendbuchautor Timothée de Fombelle ist im deutschen Raum durch das zweibändige Heldenepos Tobie Lolness (dt. Ersterscheinung 2008) bekannt, an dessen ökokritische Thematik Céleste oder die Welt der gläsernen Türme anknüpft. Den zerstörerischen Umgang der Menschen mit ihrem Heimatplaneten macht er hautnah auf dem menschlichen Körper sichtbar. Damit wird auch offenbar, dass der Mensch Täter wie Opfer zugleich ist. Durch die Metapher werden Leser sensibilisiert, stärker über das eigene ökologische Verhalten nachzudenken und selbst schon im Kleinen aktiv zu werden, um ein ökologisch vertretbares und zukunftsfähiges Dasein für alles Leben auf der Erde zu erhalten. Empfohlen wird das Buch für Leser ab zwölf Jahren.

[1] Vgl. Pearce, Fred: "Zwei Zeitbomben. Bevölkerung und Konsum", in: Lovelock, James u. a.: Die Erde und Ich, Illustrationen von Jack Hudson, Köln (TASCHEN) 2016, S. 122.

[2] Vgl. Lovelock, James: Gaia. A New Look at Life on Earth, Oxford (Oxford University Press) 42000.

[3] Ebd., S. VIII.


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