rezensiert von Philipp Schmerheim

Die Voyager-Sonden sind nun bereits seit über 40 Jahren auf ihrem Weg durch das All, zusammen mit den goldenen Schallplatten, die in Alien-kompatibler Form die wichtigsten Basisinformationen über die Menschen und ihren Planeten enthalten. Seitdem hat sich die Welt stark verändert. Die Gemeinschaftsproduktion Liebe Aliens greift diesen Umstand auf und lässt die Protagonistin Lucy in Form eines literarisierten Webtagebuchs eine aktuelle Geschichte vom Zustand der Menschheit erzählen. Besonders ist der liebevoll gestaltete Hardcover-Band, weil er Illustrationen von 18 verschiedenen Nachwuchsillustratoren und -illustratorinnen enthält.

Inhalt

An Bord der beiden Voyager-Sonden, die seit 1977 durch das Weltall reisen, befindet sich jeweils eine Goldene Schallplatte, auf der die wichtigsten Informationen über die Menschheit und ihre kulturellen Errungenschaften gespeichert sind. Als das elfjährige Mädchen Lucy von dem Projekt erfährt, setzt sie sich an ihren Computer, um ein Webcam-Tagebuch aufzunehmen: Schließlich hat sich in den 40 Jahren seit Start der Sonden so einiges verändert auf der Erde, außerdem findet Lucy, dass die Wissenschaftler auf den Schallplatten nur die halbe Wahrheit gesagt und einige Problem der Erdenbewohner unterschlagen haben. Deshalb will Lucy den Aliens mit dem Webtagebuch eine Art Update hinterherschicken. 

Und so unternimmt Lucy eine Rundreise durch das Leben auf dem blauen Planeten: Sie stellt verschiedene Erdregionen und Tierarten vor, zeigt die vielen Formen des familiären Zusammenlebens und kommt vor allem immer wieder auf die vielen Probleme zurück, die die Lebensweise der Menschen verursacht: Klimawandel, Müllberge, Zerstörung des Lebensraums, kriegerische Konflikte – aber auch Lösungsansätze, mit denen die Menschen auf umweltbewusste, nachhaltige Weise ihr Leben einrichten können.

Begleitet wird Lucys monologische Rundreise von überwiegend in Pastellfarben umgesetzten Illustrationen aus der Feder verschiedener Nachwuchsillustratorinnen und -illustratoren wie Anna Grimal, Pia Wieland, Andrei Damian Daniela Spoto oder Ira Chet.

Kritik

Liebe Aliens ist zuallererst ein haptisches Erlebnis: Die liebevoll in matten Farben gestaltete Hardcover-Ausgabe lädt geradezu zum Blättern und in-die-Hand-nehmen ein. Das Titelbild zeigt einen gezeichneten Sternenhimmel, der Buchtitel setzt sich aus Sternpunkten zusammen. 

Der Band ist erkennbar ein Gemeinschaftsprojekt: Während der Text von dem jungen Autoren und Filmregisseurs Philipp Dettmer geschrieben wurde, stammen die Illustrationen aus der Feder von insgesamt 18 jungen Illustratorinnen und Illustratoren; für die Gesamtgestaltung ist Sophie Schillo vom gleichnamigen Verlag verantwortlich.

Dementsprechend komplex sind die Rezeptionsangebote, die Liebe Aliens macht: Vordergründig handelt es sich um einen Versuch, in Webtagebuchform ein Bewusstsein für die Herausforderungen und Probleme des Lebens auf der Erde im 21. Jahrhundert zu vermitteln, erzählerisch clever motiviert durch den Rückbezug auf die Voyager-Schallplatten, die es zu ergänzen und aktualisieren gilt. Zugleich lässt sich Liebe Aliens als bunter Rundgang durch die verschiedenen Illustrationsstile junger Nachwuchskünstlerinnen und -künstler rezipieren, was vor allem für kunstinteressierte Erwachsene interessant sein dürfte. (Einen Überblick über die Künstlerinnen und Künstler bietet der ebenso liebevoll gestaltete wie informative Webauftritt des Buchs unter http://liebealiens.de/)

Die Illustrationen neigen zu abstrakten Darstellungsformen und begleiten dadurch Lucys Einträge eher allgemein. Gerade im Überblick wirken die Illustrationen abwechslungsreich, was auch an der unterschiedlichen Farbgebung liegt. Weitgehend abwesend sind allerdings realistische Zeichenstile; so betrachten recht häufig seltsame Wurm- und Gliederwesen inmitten zerklüfteter, abstrakter Landschaften Fotografien oder Zeichnungen aus dem 20. Jahrhundert, die in den Bildkontext eingefügt wurden. Hier hätte der ein oder andere dem Realismus verpflichtete Beitrag für noch mehr Differenzierung gesorgt. Die teils fehlende Anbindung an den Schrifttext erklärt sich allerdings auch aus der Konzeption des Bands: Die Illustratorinnen und Illustratoren bekamen den Auftrag, unabhängig vom Text für jedes Kapitel eine eigene Galaxie bzw. einen Planeten mit seinen ausserirdischen Bewohnern zu gestalten – schließlich können Lucys Einträge an verschiedenen Orten im Weltall empfangen werden (vgl. ausführlicher auf der Webpräsenz).

Illustration von Domingos Octaviano
aus Philipp Dettmer: Liebe Aliens (Schillo Verlag, 2017)

Der Designimperativ geht leider teils zu Lasten der Lesbarkeit. Beispielsweise ist der auf manchen Seiten abwechselnd in schwarzen oder weißen Lettern gedruckte Schrifttext oft schwer zu lesen, was auch daran liegt, dass der Text in vergleichsweise kleiner Schriftgröße, linksbündig und ohne Absatzeinteilung gleichsam auf die Illustrationen gedruckt ist. Zudem ist der Hintergrund transparent, der Text also gleichsam auf die Illustrationen gedruckt. Hier wäre – auch angesichts der vom Verlagsmarketing explizit anvisierten Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen – eine Optimierung der Typographie für die Leserschaft empfehlenswert gewesen.

Die Grundidee, mittels eines Webtagebuchs an Aliens eine Bestandsaufnahme des Lebens auf dem Planeten Erde zu machen, ist charmant – und wird grundsätzlich sehr gelungen umgesetzt. Wer Liebe Aliens liest, erfährt in Grundzügen nicht nur von den Problemen auf dieser Erde, sondern auch von ihrer Artenvielfalt, von ihrer landschaftlichen Schönheit und auch von den schönen Dingen, die Menschen sich im Laufe ihrer Geschichte haben einfallen lassen. Hilfreich wäre es eventuell gewesen, das Buch durch Zwischen- oder Kapitelüberschriften zu gliedern, um einen schnellen Zugriff auf spezifische Themen zu ermöglichen. Zudem ist die Protagonistin Lucy vergleichsweise gesprächig, was einerseits authentisch wirkt, weil eine Jugendliche ihres Alters entsprechend schreiben dürfte; dem Band hätte es trotzdem gut getan, den monologisch angelegten und dadurch manchmal ermüdenden Text zu straffen.

Illustration von Andrei Damian
aus Philipp Dettmer: Liebe Aliens (Schillo Verlag, 2017)

Fazit

Ungeachtet der Kritik am Layout und am Textumfang: Liebe Aliens ist eine liebevoll gestaltete Abwechslung auf einem oft doch sehr den angeblichen Konsumentenbedürfnissen angepassten Buchmarkt. Gerade Liebhaber opulent gestalteter, reichhaltig illustrierter Bände für Kinder und/oder Jugendliche ab etwa elf Jahren sollten einen genaueren Blick auf das Buch werfen.


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