von Kirsten Kumschlies

Ein unpassender Kuss an einem dafür gänzlich unpassenden Ort. Davon erzählt Alex, die immer schwarze Klamotten trägt, mit der Begründung, sie möge eben kein Lila, literarisch kunstvoll und einmalig inszeniert. Ein dichter Text voller Symbolkraft, Intertextualität und sprachlicher Kraft und dadurch ein ganz besonders Jugendbuch von Lena Gorelik, die zu den (jungen) Stimmen einer deutsch-jüdischen Literatur gehört.

Gorelik,Lena: Mehr Schwarz als Lila.
Berlin, Rowohlt 2017.
251 Seiten. 19,95 €
ISBN 978-3-87134-1755.
Empfohlen ab 16 Jahren. 

Inhalt

Alex, Paul und Ratte, die eigentlich Nina heißt, sind ein unzertrennliches Dreiergespann, das der schulischen Langeweile mit der Erfindung tabubrechender Spiele trotzt: Stell dir mal vor, du müsstest morgen nackt zur Schule gehen oder du würdest dich doch trauen, dass... Ich-Erzählerin des Romans ist die 17jährige Alex, die im Alter von sieben Jahren durch einen plötzlich auftretenden Hirnschlag ihre Mutter verloren hat. Seither lebt sie allein mit ihrem nahezu sprachlosen, ebenfalls durch den Verlust traumatisierten Vater und einem Papageien namens Astrid, den ihr der Vater nach dem Tod der Mutter geschenkt hat. Halt findet Alex in ihrer engen Freundschaft mit Paul und Ratte, wobei ihr komplett entgeht, dass der literarisch interessierte, Seneca lesende und feinsinnige Paul in sie verliebt ist, dies erst recht, als die Klasse einen neuen Lehrer in den Fächern Deutsch und Geschichte bekommt: Herrn Spitzing, einen unkonventionellen Referendar, der herkömmliche Regeln einfach ignoriert und sich mit Alex und ihren Freunden auch privat trifft. Alex verliebt sich Hals über Kopf in den jungen Lehrer, den sie im Erzählverlauf stets mit "Du" anspricht – "du wolltest gar nicht gefallen, aber gabst dir auch darin keine Mühe. Woraufhin du natürlich uns allen gefielst." (S. 24). Es gefällt den Schülern auch nicht, dass sie mit dem Referendar nun der erste Jahrgang sind, der die Abschlussfahrt nicht in die Toskana macht, sondern nach Auschwitz. Hier geraten Alex` Gefühle komplett durcheinander, als ihr Herr Spitzing unmissverständlich klar macht, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Gedankenlos küsst sie Paul beim Gedenkstättenbesuch, was einen Skandal auslöst, der von den Medien aufgegriffen wird. Wie pietätlos kann man sein, auf dem Gelände von Auschwitz herumzuknutschen? Und dann ist Paul plötzlich verschwunden.

 

Kritik

Rückblickend erzählt die Ich-Erzählerin Alex von den Ereignissen, setzt in ultimas res am Ende der Geschichte ein, als Paul verschwunden ist. Sie berichtet sprunghaft und anachronistisch, assoziativ und reihend, mit vielen Redundanzen und Ellipsen. Denn Alex liebt Ellipsen, die auch im Deutschunterricht des geliebten Lehrers Thema sind. Kunstvoll sind in diesem außergewöhnlichen Jugendroman discourse und histoire, Sprachstil und Handlung miteinander verschränkt:

 

"Diese Geschichte ist ein Ich, sie ist ein Du, und sie ist Er nicht, und sie ist ein bisschen Vielleicht. 

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Ich spule zurück, ich suche den Anfang. Als du das Klassenzimmer betrittst. So hat die Geschichte begonnen." (S. 19)

 

Erst einige Seiten später schlüsselt sich für den Leser auf, dass mit dem Du ein Lehrer gemeint ist und nicht ein neuer Mitschüler, was man zuerst einmal annimmt. In metaphernreicher, poetischer Sprache entfaltet die Erzählerin die Handlung aus ihrer Sicht, präsentiert ein virtuoses intertextuelles und intermediales Spiel, indem sie Gedichttexte von Paul Celan und Songzitate von den Rolling Stones, Pink Floyd und vielen anderen einflechtet, die immer wieder die Handlung reflektieren und in sich fortschreiben. Vollständige Namen tragen nur die besten Freunde Paul und Ratte, alle anderen Mitschüler werden an den Rand der Geschichte verwiesen, indem sie nur mit dem Anfangsbuchstaben abgekürzt werden. Die zentrale Rolle weist sie dem Du zu, dem unangepassten Referendar, der bis zu dem Kuss in Auschwitz und dem Verschwinden Pauls im Fokus von Alex` Gefühlen und Gedanken steht. Meisterhaft lässt Lena Gorelik ihre jugendliche Erzählerin mit der Sprache spielen und erinnert dabei an Tamara Bach, präsentiert aber doch einen ganz eigenen Stil – und fragt am Ende nach der gesellschaftlichen und persönlichen Bedeutung der Holocaust-Erinnerungskultur:

"'Setzt die Jugend der Erinnerungskultur ein Ende?' ist eine der Überschriften gewesen. Der Zentralrat der Juden hat sich geäußert, zur Erinnerungskultur bei deutschen Jugendlichen. Zu dem Moment, als ich Paul küsste. Der Zentraltrat der Juden weiß nicht, dass ich Paul aus Verzweiflung geküsst habe, weil ich ein Spiel verloren hatte und weil der Einsatz in diesem Spiel meine Freunde waren, der Zentralrat der Juden weiß nichts davon, dass meine Freunde meine Familie waren, und dass ich an die Liebe geglaubt habe wie so ein dummes Ding. Der Zentralrat der Juden weiß nicht, der Kuss hatte nichts mit Auschwitz zu tun und nichts mit den toten Juden. Selbst mit Paul hatte der Kuss nicht viel zu tun." (S. 212)

 

Nur selten verhandeln jugendliterarische Texte die typisch jugendlichen Entwicklungsthemen wie Freundschaft, Liebe, Sexualität und Sinnsuche auf eine so poetisch-kunstvolle Weise, wie es Lena Gorelik in Mehr Schwarz als Lila gelingt. Unbedingt lesen!

Fazit

Ein schmales und brillantes Meisterwerk moderner deutscher Jugendliteratur, dem man nur zahlreiche Leser wünschen kann. Aufgrund seiner hohen sprachlichen, literarästhetischen Komplexität sei es jugendlichen Lesern ab 16 Jahren empfohlen, die sich auf eine besondere, verdichtete Sprache und ein hohes Maß an Leerstellen einlassen mögen. 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.


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