von Gerd Klingeberg

Für vier Kinder, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, gerät der Fund von drei Dollar zum Auftakt eines überaus spannenden Erlebnisses: Morosinotto erzählt von einer abenteuerlichen und gefährlichen Reise quer durch Amerika samt Aufdeckung eines brutalen Mordes. Und es ist zugleich der Beginn einer schier unglaublichen Karriere der mutigen Teenager, wie sie so wohl nur in Amerika vorstellbar ist…

Morosinotto, Davide: Die Mississippi-Bande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden.
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Thienemann Verlag, Stuttgart 2017.
368 Seiten, 14,99 €
ISBN 978-3-522-18455-7.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Die sommersprossige Julie, die niemals weinen konnte, aber endlich glücklich sein wollte. Tit, ihr kleiner, etwas mickrig geratener, dunkelhäutiger Bruder, der kaum jemals redet, aber schlauer ist als viele andere. Te Trois, kräftig, gewitzt und verwegen, einer, der keine Gefahren scheut. Und schließlich Eddie, der Schamane, groß, dünn und mit lädierter Brille auf der Nase, immer sorgenvoll, aber stets überlegend und abwägend. Diese ungleichen Freunde leben in den Bayous, gefährlichen Sümpfen des Mississippideltas in Louisiana. Versteckt zwischen Treibsandflächen, hinter riesigen Mückenschwärmen und einem Gewirr von Lianen treffen sie sich in einer selbst gebauten wackligen Hütte zum Angeln. Doch statt eines fetten Fisches hängt diesmal eine rostige Dose am Haken, in der sich drei Dollar finden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wahres Vermögen für die Kinder. Was tun damit? Aus dem 2000-seitigen, ausführlich bebilderten Katalog des Versandhauses Walker & Dawn bestellen sie einen Polizeirevolver samt Munition. Als sie nach langem Warten ihr Paket erhalten, befindet sich indes eine kaputte Taschenuhr darin. Doch dann erscheint eines Tages Jack, ein Angestellter des Versandhauses, auf der Bildfläche. Er fordert die Rückgabe der Uhr, ist sogar bereit, eine ansehnliche Entschädigung zu zahlen. Als Jack sich aber plötzlich sehr unfreundlich verhält, fliehen die Kinder in die Sümpfe, wo ihr Verfolger von einem Alligator getötet wird. In seinen Taschen finden sich Geld und Dokumente, die auf eine sehr hohe Belohnung für die defekte Uhr schließen lassen. Kurzerhand beschließen die Kinder, sich diese Geldsumme direkt beim Firmensitz von Walker & Dawn in Chicago abzuholen. Die lange Reise dorthin per wackeligem Einbaum und als blinde Passagiere auf Schiff und Eisenbahn wird zum gefährlichen Abenteuer, das mit dem Erreichen der riesigen Stadt Chicago noch längst nicht sein Ende findet...

Kritik

Davide Morosinottos Roman bietet eine grandiose, sehr realistisch beschriebene Zeitreise quer durch die Vereinigten Staaten in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts. Er erinnert an literarische Vorlagen wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn (auf die sich der Autor auch an einer Stelle - S. 140ff - direkt bezieht) oder auch an die Fünf Freunde-Geschichten von Enid Blyton, ohne diese zu kopieren. Die anschaulichen Beschreibungen überzeugen mit viel zeitgemäßem Lokalkolorit, beispielsweise über typischen New-Orleans-Jazz, über die unendliche Weite der Prärie, über raffiniert pokernde Falschspieler, unstete Railroad-Tramps oder kenntnisreiche Lotsen auf dem Old Man River. Ganz nebenbei erfahren die Lesenden etwas über die spontane Erfindung des Hotdogs oder den Unterschied zwischen Namensaktien und Inhaberpapieren, werden aber auch mit heiklen Themen wie dem Ku-Klux-Klan und den Auswirkungen der Rassentrennung konfrontiert. Romantische erste Liebe wird ebenso erwähnt wie die teils schwierige Behauptung der Teenager in einer wenig kinderfreundlich anmutenden Gesellschaft, in der Prügel als selbstverständlich hingenommen wird.

Die Dramaturgie der Handlung wirkt zunächst eher beschaulich, wird aber zunehmend spannungsreicher und stringent durchgeführt. Dass alle vier Kinder nacheinander als Ich-Erzähler fungieren, vermittelt nicht nur unterschiedliche Sichtweisen, sondern bietet sowohl für Mädchen wie Jungen gleichermaßen Möglichkeiten einer direkten Identifikation mit den Akteuren. Dies geschieht, indem der Erzählstrang ohne Unterbrechung fortgeführt wird, aber zugleich der jeweils veränderte Blickwinkel die andersartigen Gedanken und Ängste, aber auch die spezifische Gruppenposition jedes einzelnen der vier Kinder direkt vermittelt. Man mag es als unpassend ansehen, dass Rauchen oder der Genuss von Alkohol durch die Kinder gleich mehrmals (z.B. S. 68ff, S. 119ff, S. 303ff) als selbstverständlich und cool dargestellt werden; andererseits gehört dergleichen durchaus in eine authentische Zeitbeschreibung und wird zudem durch die hieraus resultierenden Auswirkungen (Übelkeit, Delirium) stimmig konterkariert.

Die solide Aufmachung des Buches ist in jeder Hinsicht gelungen; die jedem Kapitel vorangestellten zeitgenössischen Schwarz-Weiß-Reproduktionen – Seiten aus dem Versandhauskatalog, alte Fluss- und Landkarten sowie dem Geschehen zugeordnete Zeitungsseiten - sind durchweg passend ausgesucht und unterstreichen sehr schön die jeweils beschriebene Handlung. Morosinotto bevorzugt eine klare und direkte Sprache, die bisweilen zwar nicht ganz dem Alter der erzählenden Kinder entsprechen mag, aber auch nicht partout spektakulär und gewollt jugendlich angelegt ist. Als gelungenes Beispiel seien die Eingangssätze zitiert:

"Alles begann mit dem Mord an Mr Darsley. Oder auch nicht. Wenn ich es recht überlege, begann es eigentlich ein paar Wochen zuvor, an dem Nachmittag, an dem wir mit dem Bau des Einbaums fertig wurden."

Das ist prägnant, scheinbar wie beiläufig geäußert, aber es macht die Lesenden neugierig und eröffnet zugleich ein riesiges Erzählpanorama. Manche Begriffe wie etwa "feiner Pinkel" (S. 158), "hochherrschaftlich" (S. 123) oder "Landpomeranze" (S. 241) wirken im ansonsten durchaus lockeren Kontext etwas altbacken, könnten allerdings auch auf einer nicht gänzlich gelungenen Übersetzung beruhen. Eine Besonderheit ist der Rückblick der inzwischen alt gewordenen, finanziell bestens versorgten Protagonisten auf das "Größte Abenteuer ihres Lebens", der den Roman quasi aus Erwachsenenperspektive stimmig abrundet.

Fazit

Die Altersempfehlung des Verlags ab 10 Jahren ist großzügig gewählt, aber akzeptabel; sie setzt jedoch voraus, dass die jungen Lesenden in der Lage sind, den Zeitsprung in die Vergangenheit nachzuvollziehen und so auch mit ungewohnten, teils brutalen und schwierigen Szenarien umzugehen. Ein empfehlenswerter, zum Träumen anregender Abenteuer- und Kriminalroman, der trotz seines Umfangs von gut 360 Seiten niemals langweilig wird und auch für Erwachsene noch ein reizvolles, nostalgisch angelegtes Lesevergnügen bietet.

 

Erstveröffentlichung: 31.07.2018


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