von Hadassah Stichnothe

Die Wolfsschlucht hat ihren Namen von den Wölfen, die früher einmal in der Gegend um Annabelles Farm Angst und Schrecken verbreiteten. Nun ist es Betty, das "schreckliche Mädchen", das in der Wolfsschlucht wartet und Annabelle ohne jeden Grund bedroht. Bettys Gemeinheiten und ihre Lügen verbreiten sich immer weiter und treffen schließlich auch Annabelles Familie und Toby, den verlorenen jungen Mann mit der Kamera, der keine Heimat mehr hat. Annabelle muss handeln, wenn sie nicht will, dass ihr bisheriges Leben von Betty zerstört wird.

Wolk, Lauren: Das Jahr, in dem ich lügen lernte.
Hanser, München 2017.
272 Seiten. 16,00 €
ISBN 978-3-446-25598-2.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Amerika 1943. Annabelle verlebt eine weitgehend idyllische Kindheit auf der Farm ihrer Eltern. Das Leben ist nicht einfach und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sind überall zu spüren. In Übersee tobt der Zweite Weltkrieg, in den auch junge Männer aus Annabelles Heimatort ziehen müssen. Dennoch erscheint diese Bedrohung (noch) sehr weit weg.

Das alles ändert sich, als ein neues Mädchen in ihre Schule kommt. Betty Glengarry ist zu ihren Großeltern aufs Land geschickt worden, da sie als "schwer erziehbar" gilt. Hier angekommen, fängt sie umgehend an, Annabelle zu terrorisieren. Sie fängt sie nach der Schule ab und verlangt, dass Annabelle ihr etwas geben soll. Ansonsten werde sie ihr oder ihren kleinen Brüdern wehtun. Annabelle glaubt zunächst, mit der Situation alleine fertig werden zu können. Doch Betty lässt sich nicht ignorieren und ihre Gemeinheiten werden immer schlimmer, sodass Annabelle sich gezwungen sieht, den Erwachsenen um sie herum immer neue Lügen aufzutischen.

Als sie sich endlich ihren Eltern anvertraut, führt dies nur zu weiteren Verwicklungen. Betty weist alle Anschuldigungen gegen sie zurück und bezichtigt stattdessen Toby, einen jungen Mann, der schwer traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist und sich seitdem in der Nachbarschaft aufhält, die ihr zur Last gelegten Taten begangen zu haben. Annabelle ist hingegen überzeugt, dass Toby, mit dem sie eine wortlose Vertrautheit verbindet, unschuldig ist. Doch als an einem regnerischen Tag sowohl Betty als auch Toby spurlos verschwinden, scheint für die Erwachsenen der Zusammenhang klar und nun steht der Verdacht im Raum, Toby könnte dem Mädchen etwas angetan haben. Annabelle jedoch will nicht zulassen, dass Toby unschuldig für Bettys Verhalten büßen muss und beschließt, auf eigene Faust zu handeln.

Kritik

Der deutsche Titel Das Jahr, in dem ich lügen lernte verweist auf das Grundthema von Wolks Roman. Die Protagonistin wird durch Betty mit einer Form boshaften Verhaltens konfrontiert, das ihr bisher unbekannt war und für das es in der wohlgeordneten Welt ihrer Kindheit scheinbar kein Gegenmittel gibt. In der Folge muss Annabelle Entscheidungen treffen, bei denen sie sich immer mehr von ihrem alten kindlichen Ich entfernt und in die Erwachsenenwelt moralischer Zweideutigkeiten eintritt. Diese Gegenüberstellung von scheinbar heiler Kinder- und schuldhaft verstrickter Erwachsenenwelt ist ein häufiger Topos von Romanen, die, wie Wolks Roman, das Initiationsthema aufgreifen. Das Erwachsen(er)werden der Protagonistin steht somit im Zentrum des Romans und wird so auch in dem kurzen Prolog aufgegriffen, der in der deutschen Ausgabe typographisch in das Cover eingearbeitet wurde:

"In dem Jahr, als ich zwölf wurde, begriff ich, dass alles, was ich tat und sagte, Folgen hatte.
So große manchmal, dass ich mir nicht sicher war, ob ich so eine Bürde wirklich wollte.
Gleichwohl lud ich sie mir auf und trug sie, so gut ich konnte." (S.8)

Der Auslöser für diesen Erkenntnisprozess ist die Konfrontation mit Betty, einem Mädchen, das scheinbar grundlos andere Menschen attackiert, einfach nur, weil diese kleiner oder schwächer sind als sie. Was mit einer simplen Drohung beginnt, liest sich schnell wie ein regelrechter Abstieg in die Abgründe menschlicher Gemeinheit. Es beginnt mit einer simplen und, wie Annabelle hofft, leeren Drohung auf dem Schulweg, doch schon bald trifft ein aus dem Nichts geschleuderter Stein Annabelles beste Freundin Ruth, die daraufhin ihr Auge verliert. Dass dieser Stein möglicherweise nicht Ruth, sondern den Deutschen Mr. Anselm treffen sollte, dem wegen des Kriegs viele feindselig begegnen, ist für Annabelle kein Trost, im Gegenteil: "Konnte sich auch nur ein einziger Mensch aufrecht und mit offenen Augen irgendwo hinstellen, wenn im Grunde alles von Zufällen abhing?" (S.69)

Die Tatsache, dass Mr. Anselm möglicherweise das eigentliche Ziel des Steinwurfs war, verweist zudem darauf, dass die Rücksichtslosigkeit und Gewalt, die Annabelle durch Betty erfährt, ihr Pendant in der Erwachsenenwelt besitzt. Und auch Annabelles bisherige Kinderwelt ist bei genauerer Betrachtung keine wirklich heile Welt. Der Schatten zweier Weltkriege liegt über der Gemeinschaft und die Folgen dieses Geschehens werden besonders deutlich an Toby, einem jungen Mann, der als Fremder in die Nachbarschaft gekommen ist und offensichtlich durch seinen Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg schwer traumatisiert wurde. Toby fügt sich nicht in die Gesellschaft ein, doch er lebt weitgehend akzeptiert und allenfalls etwas misstrauisch beäugt an ihrem Rand. Wie fragil diese Konstellation jedoch ist, zeigt sich, als Bettys falsche Anschuldigungen gegen ihn von den meisten Einwohnern umstandslos geglaubt werden.

Der Roman berichtet aus der Perspektive der zwölfjährigen Protagonistin, durch deren Augen das Geschehen fokalisiert wird. Die Erzählstimme ist jedoch die einer älteren, möglicherweise sogar schon erwachsenen Annabelle, die mit Distanz auf das Geschehen blickt und wiederholt durch Kommentare oder Vorausdeutungen, in den Erzählfluss eingreift. Diese Erzählweise trägt zur Wirkung des Romans als etwas Zeitlosem bzw. Überzeitlichem bei, die bisweilen eine erstaunliche erzählerische Wucht entfaltet. Einige Figuren wirken freilich etwas flächig und besonders Annabelles frömmelnde Tante Lily, die heimlich Tanzschritte übt und dem verkleideten Toby sofort schwärmerisch verfällt,  trägt schon fast karikaturenhafte Züge.

Von der Kritik wurde Wolks Roman hoch gelobt und unter anderem mit Harper Lees Wer die Nachtigall stört verglichen. Tatsächlich verbindet beide Romane die Schilderung einer Kindheit im ländlichen Amerika, die durch den Einbruch von Vorurteilen und Gewalt eine entscheidende Wendung nimmt. Doch während bei Lee der Rassismus der Südstaaten thematisiert wird, bewegt sich Wolks Roman auf einer allgemeineren Ebene, da er die menschliche Fehlbarkeit und Boshaftigkeit an sich anspricht. Das – in der englischen Ausgabe titelgebende – Motiv der Wolfsschlucht, bzw. der Wölfe, wirkt somit als intertextueller Verweis auf das homo homini lupus-Thema des Romans. Doch bleibt die Behandlung dieses Themas durchaus noch auf einer "kindgerechten" Ebene. Im Vergleich etwa zu den sich an Grausamkeit stetig steigernden Handlungen der jugendlichen Protagonisten in Janne Tellers Nichts nehmen sich Bettys Handlungen eher unspektakulär aus. Der Schrecken, der dabei jedoch auf die Protagonistin und die Leserinnen und Leser übergreift, wird dadurch nicht geringer.

Während die Darstellung kindlicher Grausamkeit in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur schon lange keine Seltenheit mehr darstellt, finden sich genuin "böse" Kinderfiguren schon seltener. Bettys Feindseligkeit ist zwar durch ihren sozialen Hintergrund ein Stück weit erklärlich und damit auch für jüngere Leser verständlich, die Kaltblütigkeit ihres Vorgehens und die Grausamkeit, mit der sie dabei zu Werke geht, bleiben jedoch unerklärt und sind wohl auch deswegen so verstörend. Dabei wird Betty jedoch nicht entmenschlicht und als sie selbst in eine furchtbare Notlage gerät, fühlt sich der Leser gleichsam hin und hergerissen zwischen der Ablehnung gegenüber diesem "schrecklichen Mädchen" und dem Mitleid für sie. Wolk mutet ihren Lesern einiges zu – auch die Einblicke in eigene moralische Zwiespälte. Das könnte sensibleren Lesern schon etwas zu viel werden und erwachsene Leser werden vielleicht durch das Fehlen jedes pädagogischen Leseangebots aufgeschreckt. An Bettys Verhalten prallen alle begütigenden Erklärungs- und Erziehungsversuche ab. Genau diese Erfahrung ist es jedoch, die diese Lektüre so anschlussfähig macht, gehorcht doch die Realität kindlichen Miteinanders in den seltensten Fällen pädagogischen Wunschvorstellungen.

Erleichternd wirkt zudem der Gegenentwurf eines mitfühlenden und mitleidenden Agierens, der sowohl in der Figur des Toby als auch in Annabelle selbst und ihrer Mutter anklingt. Lauren Wolk schreibt überzeugend wie wenige andere von der Bosheit. Weil sie aber auch von Mut und Mitmenschlichkeit schreibt, ist ihr Roman keine resignierende, sondern eine ermutigende und berührende Lektüre.

Fazit

Wolks Roman nähert sich mit klassischen erzählerischen Mitteln menschlichen Grundfragen und verhandelt diese auf äußerst eindringliche Weise. Eine spannende Lektüre für etwas reifere Leserinnen und Leser ab zwölf Jahren, deren erzählerische Kraft mit der Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 belohnt wurde.

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

 


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