von Gerd Klingeberg

Der 12-jährige Gran ist nicht sonderlich begeistert, als er mit seiner Familie nach Carousel ziehen muss: Der abgelegene Ort ist heruntergekommen, etliche Häuser stehen vor dem Zusammenbruch oder sind einfach vom Erdboden verschluckt worden. Doch dann kommt Gran dem düsteren Geheimnis dieses fortschreitenden Zerfalls auf die Spur. Und er erkennt, dass nur er und seine Freundin Catalina dieses Desaster noch aufhalten können. Doch das erweist sich als äußerst gefährliche Mission.

Eggers, Dave: Die Mitternachtstür.
Aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Layer.
Mit Vignetten von Aaron Renier.
S. Fischer (Sauerländer) Verlag, Frankfurt am Main 2018.
368 S., 17,00 €.
ISBN 978-3-7373-5629-9.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Grans Vater hat seit Jahren keine feste Arbeit, seine Mutter sitzt im Rollstuhl. Deshalb zieht die Familie in das schiefe Haus des Urgroßvaters im hügelig gelegenen, jedoch wenig einladenden Ort Carousel. In seiner neuen Schulklasse wird der schmächtige Gran derart ignoriert, dass er sogar vermutet unsichtbar zu sein. Um dies zu testen, rennt er gegen eine Wand – mit schmerzhaften Folgen. Aber immerhin ist dies der Anlass, dass die rätselhafte Mitschülerin Catalina ihn anspricht. Auf dem Nachhauseweg will er ihr folgen, doch sie ist plötzlich spurlos verschwunden. Dann entdeckt Gran ihr Geheimnis: Mit einer speziellen Klinke eröffnet Catalina unsichtbare Türen im Boden, die in ein weit verzweigtes, endloses Gang- und Tunnelsystem unterhalb der kleinen Stadt und durch den ganzen Erdball führen. Dort herrschen die Hollows, tornadogewaltige Winde, die immer neue Tunnel graben, um dadurch alles auf der Erdoberfläche zum Einsturz zu bringen. Deshalb also versinken immer mehr Häuser von Carousel in der Erde. Es ist ein schier aussichtsloses Unterfangen, den Hollows Einhalt zu gebieten. Aber Gran und Catalina werden es trotzdem versuchen. Sie riskieren Kopf und Kragen dabei, dürfen aber auch feststellen, dass sie nicht alleine sind bei der Lösung des weltumfassenden Problems. Und dass sie den Hollows doch nicht so schutzlos ausgeliefert sind, wie es zunächst scheint...

Kritik

Mit Die Mitternachtstür hat der in Nordkalifornien lebende Dave Eggers seinen ersten Kinderroman vorgelegt. Die fantastische Geschichte spielt teils in der realen Welt, teils in einer weitgehend fiktiven Unterwelt. Als magisches Artefakt fungiert eine besondere Art von Türklinke, mit deren Hilfe sich die Protagonisten an von außen nicht erkennbaren Stellen Zugang zu diesem Tunnelsystem verschaffen.

Eggers ist ein fantasiereicher und sehr einfühlsamer Erzähler, seine Schilderungen sind poetisch und nachvollziehbar bildhaft:

"Gran und Catalina standen da und sahen sich stumm an. Es herrschte tiefe Stille, und nun wurde Gran sich seiner Gefühle und Empfindungen bewusst. Er war verblüfft von Catalina, ihrer Stärke und der Verantwortung, die sie übernahm. Und er war seltsam zuversichtlich: Er hatte Catalina gezeigt, dass er ein paar Dinge wusste und inmitten eines Sturms, der durch einen engen Tunnel tief unter der Erde raste, überleben konnte." (S. 208)

Kenntnisreich und ausdrucksstark wird die Gefühlswelt des 12-jährigen Gran dargelegt: Einerseits ist er irritiert von seiner eigentlich unbegründeten Außenseiterposition in der Schule, andererseits hat er den starken Wunsch, mit einem guten Freund, oder besser noch: einer guten Freundin nicht mehr einsam sein zu müssen. Eggers beschreibt damit typische Probleme von Pubertät und Erwachsenwerden. Zumindest über den letzteren Punkt scheint Catalina bereits hinaus zu sein: Sie wird als zwar noch junge, aber dennoch starke weibliche Persönlichkeit skizziert; ihr familiärer Hintergrund bleibt allerdings weitgehend ungeklärt. Zentrale Thematik ist bei beiden die Bewältigung von zunächst ausweglos erscheinenden Ausnahmesituationen. Dass sowohl ein Mädchen als auch ein Junge im Vordergrund der Handlung stehen, ermöglicht die gute Identifikation von Lesenden beiderlei Geschlechts mit den Akteuren.

Eggers nutzt typische Elemente des Fantasy-Romans, bleibt aber auf einer Ebene, die die Vorstellungskraft der Lesenden nicht über Gebühr strapaziert. Er bringt zudem ökologische und tiefenpsychologische Aspekte in einen interessanten Zusammenhang: Der im Buch geschilderte Zusammenbruch der ganzen Welt kann durch mühevolle Abstützung immer neu entstehender Tunnel immerhin einigermaßen verzögert werden. Aber die Hollows können tatsächlich immer nur dann zerstörerisch wüten, wenn die Menschen verzagt und traurig sind. Aktivität, Empathie, Hilfsbereitschaft und Glück schwächen sie hingegen deutlich ab und vertreiben sie sogar.

"...man muss mutig sein, und genau so wichtig ist es, dass man Traurigkeit kennt." "Warum?", fragte Gran. Das interessierte ihn. "Weil Traurigkeit Pflicht ist", erklärte Catalina. … "Wer Traurigkeit kennt, versteht Traurigkeit auch bei anderen. Und wenn man Traurigkeit bei anderen verstehen kann, fühlt man sich verpflichtet zu helfen." (S. 288)

Es wirkt bisweilen etwas störend, wenn bestimmte Aspekte der Handlung nicht erschöpfend weitergeführt und aufgelöst werden. So entpuppt sich beispielsweise der anfangs sehr ausführlich beschriebene Streit zwischen P&S und E&H (für "Park und Schule" bzw. "Elche und Hubschrauber"), zweier Bevölkerungsgruppen mit gegensätzlichen Vorstellungen im Hinblick auf den Zerfall von Carousel, als reichlich absurd und eher unbedeutend für den Plot. Die Namensänderung von Granite zu Gran und später Grant (als quasi paradoxe Typotapher mit abnehmender Buchstabengröße), der ebenfalls viel Raum eingeräumt wird, ist zumindest im deutschen Text kaum bedeutungsvoll. Es mutet auch wenig stimmig an, wenn etwa Gran in der Unterwelt höchst schmerzhafte Blessuren erleidet, dies aber unmittelbar darauf noch nicht einmal von seiner Mutter registriert wird.

Solche kleinen Ungereimtheiten stören allerdings nur unwesentlich den deutlich erkennbaren und weitgehend stringent durchgezogenen Spannungsbogen: Zerfall und Mutlosigkeit wandeln sich schlussendlich zum Guten, nämlich zu Glück und Hoffnung. Echte Hingucker sind die liebevoll ausgeführten, scherenschnitt-ähnlichen Vignetten zu jeder Kapitelüberschrift, aber ebenso die sehr schön gezeichnete Einband-Illustration.

Fazit

Die Mitternachtstür ist spannend, aber niemals wirklich verschreckend; auch deshalb, weil darin das "Böse" (die "Hollows") nicht näher ausgeführt oder konkret personifiziert wird. Eggers belässt es bei nebulösen Andeutungen; denn ihm geht es in erster Linie um die Vermittlung einer eindeutig positiven Botschaft: Mit Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Mut können auch allergrößte Hindernisse bewältigt werden. Eggers hat seinen ersten Kinderroman anrührend und mit viel psychologischem Feingefühl geschrieben. Das Buch ist daher auch schon für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren geeignet.

 

Erstveröffentlichung: 01.11.2018


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