von Gerd Klingeberg

Ein Krankenhaus als Abenteuerspielplatz? Warum nicht? Nur still im Bett zu liegen ist alles andere als lustig. Das ist jedenfalls die Meinung der Mitternachtsbande, die bei ihrem nächtlichen Treiben lang gehegte Kinderwünsche erfüllen möchte. Sogar die ausgefallensten. Obwohl sie damit bisweilen vor kaum zu bewältigende Probleme gestellt wird. Aber irgendeine passende Lösung lässt sich immer finden. Auch wenn damit ein ganzes Krankenhaus ins Chaos gestürzt wird. Und sogar dann, wenn es darum geht, in nur wenigen Minuten ein ganzes erfülltes Leben vorzuspielen.

Walliams, David: Die Mitternachtsbande.
Aus dem Englischen von Christiane Steen.
Illustriert von Tony Ross.
Rowohlt Hamburg 2018.
480 Seiten. 16,99 €
ISBN 978-3-499-21821-7.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Der 12-jährige Tom Charper ist von einem Cricketball heftig am Kopf getroffen worden und kommt nach einem Blackout erst in der Kinderstation eines alten Londoner Krankenhauses wieder zu sich. Dort freundet er sich recht bald mit den vier anderen kranken oder verletzten Kindern an. Tom ist gehörig erstaunt, als er mitbekommt, dass Amber, die mit diversen Knochenbrüchen im Rollstuhl sitzt, sowie Robin, der wegen einer Augen-OP derzeit nichts sehen kann, und der dicke George, der sich von einer Tonsillektomie erholt, mit größtem Vergnügen gegen Mitternacht im Krankenhaus herumstreifen. Natürlich geschieht dies unter Missachtung der strikten Anordnung der einschüchternd strengen Oberschwester. Es dauert nicht lange, dann gehört auch Tom zu dieser geheimen, aber überaus munteren Clique. Und er erlebt atemberaubende Momente, die ihn die wenig erfreulichen Umstände des Krankenhausaufenthaltes fast vergessen lassen. Ziel der Bande ist es, mit einfallsreichen Aktionen einzelne Patienten während ihres Krankenhausaufenthaltes aufzumuntern und ihnen die Erfüllung eines Herzenswunsches zu ermöglichen. Das ist bisher auch immer gelungen. Doch als die sterbenskranke kleine Sally äußert, sie möchte liebend gerne ein ganzes Leben in einer einzigen Nacht erleben, scheint es, als gebe es tatsächlich keine Möglichkeit, dieses ungewöhnliche Anliegen in die Tat umzusetzen. Zudem sind der Bande die Erwachsenen hart auf der Spur; sie wollen mit allen Mitteln den mitternächtlichen Spuk unterbinden. Doch die Mitternachtsbande lässt sich nicht entmutigen...

Kritik

Wieder einmal hat Walliams einen ungemein rasanten Kinderroman vorgelegt, der gespickt ist mit urkomischen Einfällen, originellem Wortwitz und bis ins Absurde gesteigerter Situationskomik, der aber auch viele sehr emotionale Passagen beinhaltet.
 Der heterodiegetische Text nutzt zumeist eine szenische Darstellungsweise; er besticht durch knackige Dialoge und vermittelt per zeitraffender Erzählung eine hohe Dynamik. Nicht ganz unproblematisch ist jedoch diesmal die Wahl eines Krankenhauses als Ort der Handlung. Das 44-stöckige Gebäude selbst wird als wenig einladend, nämlich düster und marode geschildert; die Bedingungen für die Kranken sind absolut unzureichend im Hinblick auf medizinische Versorgung und Verpflegung. Dazu kommt, dass ein Großteil der beteiligten Erwachsenen – etwa die brüllende Oberschwester, eine schludrige Putzfrau, der fiese Direktor des Internats sowie weitere Personen - nicht nur als wenig einfühlsam dargestellt werden, sondern in arg übertriebener Weise sogar in erschreckender Weise ihren Hass Kindern gegenüber ausdrücken:

"Ich bin so froh, dass Sie empfinden wie ich, Mr. Thews. Ich liebe ein bisschen Grausamkeit." "In der Tat, nichts ist erfreulicher. Ich bin ebenfalls gern grausam zu meinen Schülern auf St. Willets. Damit halte ich sie unter Kontrolle. Alle Briefe, die sie von ihren Familienmitgliedern bekommen, verbrenne ich, bevor sie die Jungs erreichen können. Ha! Ha!" "Oooh! Das muss ja solchen Spaß machen!" "Das tut es, Oberschwester, das tut es. Es gibt nichts Besseres als das Gefühl absoluter Macht." … "Ha! Ha! Das ekelhafte kleine Insekt verdient es nicht besser. Ich kann es kaum abwarten, bis ich ihn in die Hände kriege. Die Bestrafung wird sehr streng ausfallen." (S. 368, 369)

Solche wiederholt geäußerten Sätze mögen zweifellos witzig gemeint sein, sind in ihrer grotesken Überzeichnung indes zumindest von jüngeren Kindern nicht ohne Weiteres verständlich; die Gefahr, dass bei empfindsamen Kindern ein eher angstbesetztes Krankenhausbild vermittelt wird, ist kaum von der Hand zu weisen. Dass andere Figuren (vor allem der missgestaltete, aber herzensgute Pfleger) dieses unnötig breit ausgewalzte Negativbild konterkarieren, bringt den Grundtenor der Geschichte glücklicherweise wieder etwas ins Lot. Denn im Vordergrund stehen letztlich Freundschaft, Empathie, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Anerkennung. Dabei darf dann durchaus auch etwas dicker aufgetragen werden:

"Rosie … war es egal, wie ich aussah. Sie konnte hinter die Fassade sehen. Ihr Herz war vielleicht schwach, aber es war groß. Und Rosie zu verlieren, machte mir sehr deutlich, … dass das Leben kostbar ist. Jeder einzelne Moment ist kostbar. Darum sollen wir immer freundlich zueinander sein, solange wir die Gelegenheit dazu haben." (S. 378)

Mehr noch als solche Sätze imponiert aber der kaum je nachlassende Schwung der Handlung, der durch die inszenierende Typografie und zahlreiche Typotaphern, aber auch durch die comic-artigen Illustrationen noch zusätzlich unterstrichen wird. Und schönsten englischen Humor beweist Walliams, als er in bester Slapstick-Manier den Flug einer dementen, noch dazu nackigen, aber höchst vergnügten alten Lady mittels eines dicken Bündels Luftballons schildert. Beeindruckend ist der unverkrampfte Umgang mit der Thematik Krankheit. Es wird von den anderen Kindern nahezu als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass Sally unter einer schwerwiegenden Erkrankung leidet (u.a. ihr fast kompletter Haarausfall deutet darauf hin) und Amber alle vier Gliedmaßen in Gips hat. Man arrangiert sich trotzdem problemlos untereinander. Mit anrührenden Worten wird die Szene ausgeführt, in der die kranke Sally ganz passend zu den Klängen von "Nessun Dorma" ihren Herzenswunsch erfüllt bekommt, nämlich in einer ebenso einfallsreichen wie liebevollen Inszenierung der Mitternachtsbande ihr großes erfülltes Leben binnen einer einzigen Nacht zu erleben. Zwar kann daraus entnommen werden, dass sie vermutlich bald sterben wird; aber geschickterweise überlässt Walliams es der Fantasie des Lesers, einen Ausgang zu finden, der am ehesten stimmig erscheinen mag. Der Autor vermittelt vielmehr, dass Kinder als selbstbewusste Wesen nicht hilflos der Willkür wenig einfühlsamer Erwachsener ausgeliefert sind, sondern mit Mut und Cleverness ihr eigenes Ding machen können.

Fazit

Die Mitternachtsbande ist ein typischer Walliams: frech, verrückt, aberwitzig, aber auch anrührend einfühlsam. Und er transportiert wieder eine kindgerecht verpackte Botschaft: Selbst wenn die äußeren Bedingungen noch so übel sein mögen, findet sich immer etwas, was das Leben interessant und lebenswert macht. Aufgrund der angesprochenen Einschränkungen wird eine Leseempfehlung jedoch erst ab 10 Jahren vorgeschlagen, wobei besonders sensible Kinder auch dann gegebenenfalls noch Erklärungshilfe benötigen könnten.

 

 

Erstveröffentlichung: 16.12.2018


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