von Gerd Klingeberg

Langweilig ist es in der Savanne. Furchtbar langweilig. Jedenfalls für die Giraffe. Doch dann hat sie eine tolle Idee: Sie wird an irgendjemanden einen Brief schreiben. Und das macht ihr nicht nur richtig viel Spaß, sondern sie gewinnt auch einen Brieffreund, der allerdings ganz anders ist als sie. Aber genau das ist ja das Reizvolle dabei…

Iwasa, Megumi: Viele Grüße, Deine Giraffe.
Mit Illustrationen von Jörg Mühle.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Moritz Verlag Frankfurt am Main 2018.
112 Seiten. 10,95 €.
ISBN 978-3-895-65337-7.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Eigentlich führt die Giraffe ein herrliches Leben in der Savanne. Wenn es nur nicht so furchtbar langweilig wäre. Und einen Freund hätte sie auch so gerne. Vielleicht hilft es ja, einen Brief mit Bitte um Antwort zu schreiben, den dann der ebenfalls gelangweilte Pelikan, der gerade einen Postdienst eröffnet hat, befördern kann. Gesagt, getan. Der Brief soll an das erste Tier hinter dem Horizont geliefert werden. Das sei, so berichtet der Pelikan, die Robbe gewesen, die für die Postbeförderung im großen Meer zuständig ist. Und die habe den Brief dann zum Pinguin gebracht, der auf dem Kap der Wale wohnt. Zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Tieren, der Giraffe und dem Pinguin, entwickelt sich ein freundschaftlicher Briefwechsel. Und schließlich will die Giraffe – am besten als Pinguin verkleidet – diesen neuen Freund, von dessen Aussehen sie eine nur ungefähre Vorstellung besitzt, auch einmal besuchen. Mit überraschenden Ergebnissen ...  

Kritik

Viele Grüße, Deine Giraffe ist ein kleiner, liebevoll bebilderter Kinderroman, der von der japanischen Autorin Megumi Iwasa angeblich zunächst geträumt und dann aufgeschrieben wurde. Die auktoriale Erzählung spielt in einer auf sehr wenige Figuren und Schauplätze reduzierten Anderswelt, die sich zwar erkennbar an der realen Welt orientiert, aber beispielsweise geografische und zoologische Gesetzmäßigkeiten teils ignoriert (beispielsweise sind Giraffen in der Regel Herdentiere und Pinguine leben in großen Gruppen; zudem liegen Savanne und Südpol erheblich weiter auseinander, als dass eine solche Entfernung in kürzester Zeit überbrückt werden könnte). Die vorkommenden Tierfiguren besitzen keine Eigennamen; sie werden auf eine kindlich verständliche Weise vermenschlicht charakterisiert und entsprechen daher in ihrer Argumentation und Handlungsweise kindlichen Lesern. Die Besonderheit des Buches liegt in seiner gut verständlichen, aber keineswegs bemüht simplifizierenden Sprache. Sowohl dies als auch das gut überschaubare Schriftbild machen es zu einem idealen Erstlesebuch.

Bei den vorkommenden Tieren werden zunächst die äußerlich sichtbaren Unterschiede in Körperbau und Fortbewegung deutlich gemacht, die indes untereinander trotz Beschreibung im Brief vor der direkten Gegenüberstellung nur bedingt vorstellbar sind: 

"Ich heiße Pinguin und wohne am Kap der Wale. Durch Deinen Brief habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass es so etwas wie einen Hals gibt. Könnte es sein, dass ich keinen Hals habe? Oder nur aus Hals bestehe?" (S. 59)

Aussagen des Buches sind, dass es probate Mittel gegen Langeweile gibt und dass bei gegenseitigem Interesse ungeachtet äußerlicher Verschiedenheiten sehr freundschaftliche Verhältnisse aufgebaut werden können. Die im Text explizit angesprochene Erweiterung oder gar Überschreitung des eigenen Horizonts funktioniere allerdings nicht als Selbstläufer, sondern erfordere durchaus auch eigene Bemühungen: Im Buch handelt es sich dabei anfangs um die heutzutage fast schon als anachronistisch zu bezeichnende Kontaktaufnahme durch das Schreiben von Briefen, später um die Reise der Giraffe zum Südpol. Dies alles wird in keiner Weise belehrend mit "erhobenem Zeigefinger", sondern in durchweg optimistischem Ton vermittelt. 

"Entschlossen machte Giraffe sich ans Werk. Sie überlegte hin und her, was sie schreiben sollte, und als die Schlafenszeit kam, war sie schon viel besserer Laune als am Tag zuvor." (S. 18)

Bemerkenswert ist jedoch, dass nicht verschwiegen wird, dass die sichtbaren Differenzen sehr wohl auch erhebliche Irritationen auszulösen vermögen: 

"'Du meine Güte...', sagte ein anderer. 'Sie sieht kein bisschen aus wie Pinguin', sagte jemand drittes.  … nun waren alle wie erstarrt. …. Es hatte ihr die Sprache verschlagen und es herrschte unbehagliches Schweigen." (S. 98, 99)

Solche Passagen sind geradezu prädestiniert, die Relevanz von offensichtlichem äußerlichem Anderssein für ein problemloses Miteinander auch schon mit Kindern zu hinterfragen. 

Das Buch ist auf nahezu jeder Seite mit parallelen Illustrationen versehen. Die einzelnen kolorierten Bilder sind comic-ähnlich stilisiert und beschränken sich auf wesentliche Einzelheiten, verdeutlichen aber in ihrer Darstellungsweise auch erkennbar die humorvolle Seite des Textes. Die kurzen Briefe, in denen  vor allem das eigene und das vermutete Aussehen der Empfänger thematisiert wird, werden zwar in kindlicher Schreibschrift, jedoch bemerkenswerterweise mit korrekter Orthografie dargestellt. 

Fazit 

Viele Grüße, Deine Giraffe ist ein sowohl von der Aufmachung als auch von der Thematik her ausgesprochen gelungenes Kinderbuch; gänzlich zu Recht wurde dafür der Deutsche Jugendliteratur-Preis 2018 verliehen. Aufgrund seiner verständlichen Sprache ist es bestens für Erstleser, aber gleichermaßen auch zum Vorlesen und als Gesprächsgrundlage für Kinder im Grundschulalter geeignet.

 

Erstveröffentlichung: 08.02.2019


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