von Lisa-Marie Koch

Tamara Bachs Jugendroman Marsmädchen spiegelt nicht nur auf besonders bildhafte Weise die Frage nach der Sexualität eines fünfzehnjährigen Mädchens aus deren Perspektive wider, sondern thematisiert vielmehr die Suche nach der eigenen Identität. Den Leserinnen und Lesern wird eine "Momentaufnahme" präsentiert, "deren große Kunst darin besteht, dennoch die ganze Bandbreite des Heranwachsens festgehalten zu haben", heißt es in der Jurybegründung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2004.

Bach, Tamara: Marsmädchen.
Oetinger, Hamburg 2003.
160 Seiten. 9,90 €.
ISBN: 9783789131523.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

"Ich bin Miriam. 15. Blond. Braune Augen. 1,62 m, 59 kg oder auch nicht. Kind, Schwester, Schülerin, Banknachbarin" (S. 10). Die Protagonistin und ihre beiden Freundinnen Ines und Suse befinden sich mitten in der Pubertät. Ines hat bereits seit fünf Monaten einen Freund, während Suse schon das eine oder andere Abenteuer erlebt hat.

Die Mädchen treffen sich in der Pause in der Schultoilette, rauchen heimlich, gehen auf Partys und streiten sich mit ihren Eltern. Manchmal mag Miriam sich selbst und die Tatsache, 15 Jahre alt zu sein, und manchmal verabscheut sie beides gleichermaßen.

Als Laura neu in die Klasse kommt, erlebt auch Miriam die Fahrt auf der Gefühlsachterbahn. Sie freundet sich mit Laura an und beginnt, Gefühle für die neue Mitschülerin zu entwickeln. Anfangs stört es sie, dass Laura so viel Zeit mit Phillip verbringt, von dem sie nicht weiß, ob er mehr als nur ein guter Freund ist. Doch Laura erwidert Miriams Gefühle und so kommt es, dass Miriam, Laura und Philip gemeinsam den Onkel des Jungen besuchen. Während dieses Wochenendausflugs verbringen Miriam und Laura ihre erste gemeinsame Nacht. Doch plötzlich kommt Laura nicht mehr in die Schule. Hat ihre junge Liebe eine Chance?

Kritik

In äußerst authentischer Sprache erzählt Tamara Bach in ihrem Debütroman die Geschichte aus der Sicht einer Fünfzehnjährigen. Der Roman greift alltägliche Konflikte mit den Eltern und heimliches Rauchen ebenso auf wie den Konsum von Marihuana, erste Partys und die Launenhaftigkeit in der Pubertät, aber auch weiter gefasste Themen wie Homosexualität und Identitätssuche. 

Dieser Reichtum an Themen wird hauptsächlich durch Bachs bildhafte Sprache verarbeitet. So sind Streitereien zwischen Mutter und Tochter in Miriams Gedanken von emotionalen Interjektionen in Großbuchstaben unterbrochen: "GRRRRRRRR! Ich fühle, wie das Sauergefühl langsam in mir aufsteigt […], es blubbert, grrrrr! " (S. 25). Außerdem spielen gerade Zigaretten auf der Schultoilette, auf Partys oder einfach draußen eine essentielle Rolle und werden konstant scheinbar nebensächlich konsumiert. "Auf dem Klo sitzt Suse und steckt sich die dritte Zigarette an" (S. 12). Dieses starke Suchtverhalten im Hinblick auf den ständigen Konsum von Zigaretten erscheint ein wenig übertrieben für Fünfzehnjährige. Ob diese Darstellung intentional überzeichnet wurde oder eine erschreckende Realität des Rauschmittelkonsums Jugendlicher aufweisen soll, bleibt jedoch unbeantwortet. Das konstante Motiv des Rauchens kann andererseits auch für die "sich endlos hinziehende Zeit" stehen, wie Caroline Roeder (2003: Summend die Liebe inhalieren) in der FAZ vermutet.

Im Roman wimmelt es von typischen Teenagern, so gibt es Ines, die seit längerem einen Freund hat, Suse, die in immer wechselnden Beziehungen lebt, Laura, welche neu in die Klasse kommt, und schließlich Miriam, die ihre Homosexualität durch die Zuneigung zu Laura entdeckt. Die Jugendlichen gehen auf Partys und erzählen ihren Eltern klischeehaft, sie würden bei Freunden schlafen. Miriams metaphorische Besteigung eines Hügels, welcher "der höchste Punkt" (S. 75) des Ortes ist mit Laura, bei der die beiden ebenfalls wieder Haschisch konsumieren und "irgendwo in eine[r] Galaxie, die sie vergessen haben" (S. 77), eintauchen, ist auch im Roman als Spannungshöhepunkt zu verordnen. Eine besondere Rolle kommt auch dem Schlüsselerlebnis, dem Wochenendausflug von Miriam, Laura und Phillip zu, auf dem Laura und Miriam ihre erste und einzige gemeinsame Nacht miteinander verbringen. Die Figuren verlassen den Spielort des Romans, was der Tour den Anschein einer Fantasiereise verleiht und den damit verbundenen Gedanken, dass dort alles möglich ist. Erst bei diesem Ausflug fallen alle Hemmungen zwischen Laura und Miriam und sie geben sich völlig ihren Gefühlen hin.

Gerade die Launenhaftigkeit einer Fünfzehnjährigen wird in Bachs Roman besonders deutlich dargestellt, wird schließlich das Alter von Miriam selbst je nach Stimmung auf gegensätzliche Art und Weise bewertet. So sagt sie an einer Stelle: "Mit fünfzehn darf ich eigentlich gar nichts machen" (S. 44). An anderer Stelle findet sie jedoch: "[M]it fünfzehn ist es schön" (S. 81). Der Wandel der Launen einer Fünfzehnjährigen gelingt Bach damit auf einfache, aber dennoch authentische Weise.

Ein zentraler Gegenstand des Romans ist Miriams Homosexualität, die sie zunehmend entdeckt und erforscht. Das Ende ist allerdings offen, es gibt keine endgültigen Zuschreibungen zur sexuellen Orientierung der Figuren. Zwar steht über den ganzen Roman hinweg die Frage im Raum, wie mit dem Thema Homosexualität umzugehen ist,  doch auch hier bekommen die Leserinnen und Leser keine abschließende Antwort, sondern werden mit verschiedenen Meinungen konfrontiert, die zumeist unkommentiert bleiben. Miriam drückt ihre gemischten Gefühle ihrer Mitschülerin gegenüber aus, indem sie über die Beziehung zu Laura sagt: "Es ist ein Geheimnis" (S. 142).

Am Thema der Homosexualität wird auch der Bezug zum Buchtitel deutlich. So tanzt Laura auf einer Party zu dem Song Girl from mars (S. 61) der Band Ash. Jedoch zeigt sich an der Verbindung zum Titel Marsmädchen auch das Gefühl des Neuseins, in welches sich Miriam hineinzuversetzen versucht: "Ich stelle mir vor, ich wäre vom Mars" (S. 32). Der Titel ist also keinesfalls als ausschließliche Beschreibung einer lesbischen Liebe zu lesen, sondern steht ganz allgemein für das Gefühl des Fremdseins in der Pubertät.

Dass sich der Jugendroman um die fundamentale Suche nach der eigenen Identität dreht, verdeutlicht Bach in einigen kreativen Kapitelanfängen, die den Charakter einer Freundebuchseite (S. 9), einer Pro-Contra-Liste über das eigene Aussehen (S. 54) oder eines Psychotests zum Thema "Wie bist du wirklich?" (S. 85) haben. Auch diese Annäherungen an das Alter der Protagonistin erscheinen durchaus realitätsnah und glaubwürdig.

Fazit

Dass Liebe und Liebeskummer nichts exklusiv mit Heterosexualität zu tun haben, macht Bach durch Miriams innere Monologe mehr als deutlich. Viel mehr als ein Buch über (Homo-)Sexualität liefert Tamara Bach einen Beitrag über die Pubertät im Allgemeinen, die die Leserinnen und Leser auf intensive Weise miterleben. Scheint das Konsumverhalten der Jugendlichen auch überzeichnet, verliert das Werk darunter nicht an Authentizität. Tamara Bach bekam für ihren Debütroman Marsmädchen durchaus gerechtfertigt den Jugendliteraturpreis 2004 verliehen. Der Roman überzeugt durch bildhafte und klare Sprache, die Metaphorik und den Reichtum an Themen. Der Erfolg des Romans lässt sich auch damit begründen, dass sich "das Jugendbuch […] nur allzu oft als resistent erwiesen [hat] gegenüber aktuellen Strömungen wie Popliteratur" (Schweikart 2003).

Literatur

  • Jurybegründung: Deutscher Jugendliteraturpreis 2004. URL: http://www.djlp.jugendliteratur.org/datenbanksuche/jugendbuch-3/artikel-marsmaedchen-777.html (Letzter Zugriff: 14.02.2019).
  • Caroline Roeder: Summend die Liebe inhalieren. URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/summend-die-liebe-inhalieren-1135111.html (Letzter Zugriff: 14.02.2019).
  • Ralf Schweikart: Luchs 199. Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Tamara Bachs Roman über ein "Marsmädchen" URL: https://www.zeit.de/2003/38/KJ-Bach-Luchs (Letzter Zugriff: 14.02.2019).

 

Erstveröffentlichung: 13.03.2019


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