von Gerd Klingeberg

Auf der Ellingham Academy, einem vereinsamt in den Bergen Vermonts liegenden Internat, werden nur Schüler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Interessen angenommen. Darunter auch Stevie Bell, die sich intensiv mit Kriminalgeschichten befasst und sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal einen echten Fall erleben zu dürfen. Den gab es tatsächlich auf der Academy, nämlich die Entführung und den Mord an der Frau und der Tochter des Schulgründers. Allerdings liegt die bis dato unaufgeklärte Tat bereits 80 Jahre zurück. Doch dann kommt einer von Stevies Mitschülern unter mysteriösen Umständen ums Leben. Stevies intensive Recherchen lassen sie schon bald davon ausgehen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Mord handelt, der zudem mit dem alten Vorfall in Zusammenhang zu stehen scheint. Die Auflösung ist äußerst kompliziert. Und manches bleibt weiterhin rätselhaft... Ein besonderer Kriminalroman für junge Leserinnen und Leser.

Johnson, Maureen: Ellingham Academy, Was geschah mit Alice?
Aus d. Amerikanischen von Sandra Knuffinke und Jessica Komina.
Loewe-Verlag, Bindlach 2019.
462 Seiten, 18,95 €.
ISBN 978-3-7432-0206-1.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Stevie Bell, die sich in ihrer Schule unterfordert fühlt und nur wenige Kontakte zu Mitschülern pflegt, hat sich erfolgreich auf die Ellingham Academy beworben. Das Internat, das nur für die elfte und zwölfte Highschool-Stufe konzipiert wurde, bietet Schülern mit ausgeprägten fachlichen Qualifikationen und ungewöhnlichen Interessen kostenfrei optimale Lern- und Studienmöglichkeiten. Neben den schulischen Anforderungen kann Stevie daher auch ihrem kriminalistischen Faible nachgehen. Denn in der Academy wurden vor 80 Jahren Frau und Tochter des Gründers Albert Ellingham entführt und ermordet, Ellingham selbst kam kurze Zeit später bei einem Bootsunglück ums Leben. Zwar war damals ein Verdächtiger verurteilt worden, doch dessen Geständnis erscheint im Nachhinein wenig glaubhaft. Klar, dass Stevie sich daran macht, mit genauer Sichtung aller damaligen Ermittlungsergebnisse die Aufklärung des mysteriösen Falls neu anzugehen. Als unvermutet auch noch einer ihrer Mitschüler tot aufgefunden wird, scheinen sich Verbindungen zum Cold Case anzudeuten. Stevie geht mit Eifer und scharfer Kombinationsgabe ans Werk und kommt der Lösung des verzwickten Falles nach und nach auf die Spur...

Kritik

Was geschah mit Alice? ist der erste Band der Ellingham Academy–Trilogie der New York Times-Bestsellerautorin Maureen Johnson. Die Handlung wird bestimmt von zwei circa 80 Jahre auseinanderliegenden Ereignissen, die auktorial in unregelmäßigem Wechsel (und anfangs ohne erkennbaren Bezug zueinander) geschildert werden. Da ist zunächst der Entführungs- und Mordfall von 1936, der durch den rätselhaften Brief des "Wahrhaftigen Lügners" sogar angekündigt wurde. Dieses niemals restlos aufgeklärte Verbrechen wird unter anderem anhand von offiziellen Berichten und Vernehmungsprotokollen beschrieben. 
Die Haupthandlung des Buchs spielt in der jüngsten Vergangenheit und dreht sich um Stevie Bell, die sich ausgiebig mit Verbrechen und Kriminalwissenschaften befasst und für später einen Job beim FBI anstrebt. Ihr Projekt ist es:

"'… den Fall zu lösen.' 'Zu lösen?' Charles betrachtete sie mit schräg gelegtem Kopf. 'Du meinst, du möchtest eine Hausarbeit darüber schreiben?' 'Nein', entgegnete Stevie. 'Ich möchte … rausfinden, was damals passiert ist. … Ich habe alle Theorien über den Tathergang gelesen', erklärte Stevie, die sich etwas gerader aufsetzte. 'Und alle Vernehmungsprotokolle.'" (S. 155)

Obwohl im ersten Viertel des Buches zunächst relativ wenig passiert, gelingt der Autorin mittels einfühlsamer und atmosphärisch dichter Beschreibungen ein subtiler, aber gerade dadurch besonders intensiver Spannungsaufbau. Erst allmählich nimmt die Handlung mehr Fahrt auf. Raffiniert werden immer wieder neue, unerwartete Seitenstränge eröffnet oder es werden Verbindungen zum in der Vergangenheit geschehenen Mordfall angedeutet. Ein wichtiger Fokus liegt indes stets auf dem gegenseitigen mitmenschlichen Verhältnis der Schüler mit ihren unterschiedlichen Neigungen und Schwerpunkten.
 Die Erzählung spielt sich in einem weitgehend als real vorstellbaren, modernen Umfeld ab, rückt aber gelegentlich mit kaum merklichem Übergang ins Fantastische. Der Kriminalfall wird mit methodischer Akribie aufgedröselt; es gibt bisweilen intertextuelle Bezüge zu Handlungs- und Denkmustern, die von Agatha Christie oder in den Romanen über Sherlock Holmes erwähnt werden. Es fällt dennoch nicht immer leicht, als Leser bzw. Leserin die jeweiligen Vorgänge detailliert nachzuvollziehen. 
Sehr gut gelingt es der Autorin, die seelischen Spannungszustände pubertierender Jugendlicher zu verdeutlichen, beispielsweise das Kaschieren eigener Unsicherheit durch übertriebenes Gehabe oder äußere Härte, aber auch die vielfältigen Veränderungen, die sich aus Freundschaft und romantischen Beziehungen ergeben. Dies geschieht häufig in dialogischer Form, deren Sprache dem Alter der Protagonisten angemessen ist.

"'Ich bin immer noch total verwirrt nach dem, was passiert ist, und hab das Gefühl, das würde sich vielleicht ändern, wenn ich mehr über ihn wüsste.' Gretchen dachte einen Moment darüber nach. 'Weißt du, was ich bin?', fragte sie. 'Sauer. Ich bin sauer, dass ich nicht auf ihn sauer sein darf. Das ist, als hätte er es schon wieder geschafft.' 'Was geschafft?', fragte Stevie. 'Mich zu verarschen', sagte sie kopfschüttelnd. 'Ich komme mir so blöd vor. Und … ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll.'" (S. 372)

Zwar handelt es sich bei den beteiligten Personen um Heranwachsende mit ausgefallenen Interessensgebieten:

"'Ich glaube, wir kommen alle hierher, weil wir irgendwas in unseren Köpfen haben, dass da nicht rauskann', fuhr Janelle fort. 'Wir sind alle auf irgendwas fixiert. Ich will Maschinen bauen, du willst Kriminalfälle lösen. Nate will schreiben – oder auch nicht schreiben – , Ellie will in ihrer eigenen Kommune leben. Hayes dreht Serien. Und David entwirft Spiele oder so. … Wir leben alle in unserer eigenen Welt. Und hier wird diese Welt auf einmal real.'" (S. 215 f)

Dennoch bietet der Roman ein hohes Identifikationspotenzial für junge Leserinnen und Leser, da jeweils typische Charaktere geschildert werden, wie sie gemeinhin in jugendlichen Gruppen anzutreffen sind: etwa der Beau, der allerdings wenig Rückgrat zeigt; die Ausgeflippte, die im persönlichen Kontakt total nett sein kann; der Coole, der in einer Ausnahmesituation hohes Einfühlungsvermögen beweist. 
Die Auflösung des komplizierten Falles wird leider nur ansatzweise ausgeführt; tatsächlich bleiben viele Fragen am Schluss offen, die vermutlich erst in den Folgebänden geklärt werden.

Fazit

Was geschah mit Alice? ist trotz seiner kriminalistischen Rahmenhandlung kein klassischer Krimi, sondern eine vielschichtige, reichlich spannende Mischung aus Kriminalgeschichte, Jugendroman und einigen Fantasy-Elementen. Der vom Verlag gegebenen Leseempfehlung für Mädchen ab 13 Jahren kann zugestimmt werden, sie lässt sich jedoch problemlos auch auf gleichaltrige Jungen ausweiten. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass der letzte Satz des Buches "Fortsetzung folgt…" lautet, demnach nicht bereits mit einer eindeutigen Lösung des Falles zu rechnen ist. Ein intensives Leseerlebnis ist dennoch garantiert.

 

Erstveröffentlichung: 26.04.2019


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