von Hadassah Stichnothe

Meerjungfrauen sind ausgesprochen populäre Figuren in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur. Meist handelt es sich dabei um eher heitere Geschichten, die von einer nicht selten verkitschten Ästhetik ausgehen. Emilia und der Junge aus dem Meer bezieht sich mit Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau auf eine der bekanntesten und deutlich weniger heiteren kinderliterarischen Ausformungen des Motivs – und entwickelt dies auf höchst aktuelle Weise weiter.

Schaap, Annet: Emilia und der Junge aus dem Meer.
Thienemann Verlag, Stuttgart 2019.
400 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-522-18492-2
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Auf einem Felsen vor der Stadt steht ein Leuchtturm. Dort lebt Emilia mit ihrem Vater Augustinus Wassermann. Weil Augustinus ein Bein verloren hat und außerdem seit dem Tod seiner Frau regelmäßig trinkt, fällt die Aufgabe das Licht der Leuchtturmlampe anzuzünden seiner Tochter zu, die er daher auch Lämpchen nennt. Als eines Tages ein Sturm aufzieht, kommt es zum Unglück. Lämpchen hat vergessen Streichhölzer zu kaufen und obwohl sie sich durch den Sturm in die Stadt durchkämpft, gelingt es ihr nicht, die Streichhölzer wohlbehalten zum Leuchtturm zu bringen. Ohne das Licht des Leuchtturms verunglückt ein Schiff vor der Stadt und der Schuldige ist mit dem Leuchtturmwächter bald gefunden. Die Strafe ist hart: Sowohl Augustinus als auch Lämpchen müssen das Geld für das verunglückte Schiff in sieben Jahren abarbeiten. Noch viel schlimmer für Lämpchen ist aber, dass sie von ihrem Vater getrennt und stattdessen in das unheimliche Haus des Admirals gebracht wird, in dem es angeblich ein Monster geben soll. Und tatsächlich scheinen sich Emilias Befürchtungen zu bestätigen. Das Haus ist ein düsterer Ort, der nur von der Haushälterin Martha, ihrem Sohn Lenny und dem schweigsamen Nick in Stand gehalten wird. Und dann ist dort noch das geheimnisvolle Turmzimmer, aus dem seltsame Geräusche dringen und von dem Martha mit einer blutigen Wunde am Bein zurückkehrt. 

Doch als sie sich schließlich in das Zimmer wagt, erwartet sie dort eine Überraschung. Denn hier findet sie Edward, der Sohn des Admirals, der anstelle von Beinen einen Fischschwanz hat und deswegen von der Außenwelt abgeschirmt hier aufwächst. Halb verwildert und vernachlässigt hat er sich inzwischen beinahe selbst davon überzeugt, dass er ein „Monster“ ist, besteht aber gleichzeitig wie sein strenger Vater darauf, dass er lediglich eine „Verwachsung“ an den Beinen habe und keinesfalls einen Fischschwanz. Emilia übernimmt die Versorgung des im wahrsten Sinne des Wortes bissigen Jungen und sehr langsam beginnen die beiden Außenseiter einander besser zu verstehen. Doch dann macht Emilia bei einem Jahrmarktsbesuch eine folgenreiche Entdeckung: Auf dem Jahrmarkt sieht sie eine echte, ausgewachsene Meerjungfrau und diese Begegnung führt sowohl für sie als auch für Edward zu dramatischen Erkenntnissen über ihre Herkunft.

Kritik

Mit Emilia und der Junge aus dem Meer tritt die niederländische Illustratorin Annet Schaap erstmals auch Autorin in Erscheinung. Der Roman wurde in ihrer Heimat mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und wurde bereits mehrfach übersetzt.  

Der Roman weist einige intertextuelle Bezüge zur (Kinder-)Literatur auf, von denen der im Klappentext aufgezeigte zu Hans Christian Andersens "Kleiner Meerjungfrau" nur einer ist. Lämpchen, die mit ihren feuerroten Haaren ganz allein für das Anzünden der Signallampe verantwortlich ist und vergeblich versucht, ihre Packung Streichhölzer durch den Sturm zum Leuchtturm zu bringen, mag auch an das Mädchen mit den Schwefelhölzern erinnern. Deutlich erkennbar ist die Geschichte von Edwards Mutter eine Variation auf den Stoff von Andersens Die kleine Meerjungfrau. Die Vielfalt intertextueller Bezüge, die von Andersen bis zu Brecht und Frances Hodgson Burnett reichen, eröffnen eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten, die sich freilich nur literarisch vorgebildeten Lesenden erschließen. 

Nicht nur der Verweis auf Andersen, auch die Situierung in einer nicht näher bestimmbaren Welt vor dem Informationszeitalter, in der es Piraten und Meerjungfrauen gibt, – auch wenn beide immer seltener werden – rücken den Text in die Nähe eines Märchens. Märchenhaft grausam wirkt auch die Strafe von sieben Jahren Haft in einem Turm bzw. im Haus des Admirals, die Augustinus und seine Tochter trifft. Gleichzeitig wird gerade durch diese Märchenelemente eine Distanz zum Geschehen erzeugt, die den unmittelbaren Schrecken der Ereignisse abmildert. 

Mag Lämpchens Welt sich auch noch so von der aktuellen Realität unterscheiden, ist die Angst vor dem Anderen, das entweder als "Freak“ verlacht oder dämonisiert und angstvoll bekämpft wird, doch von großer Aktualität. Jene Figuren, die auf Seiten der bürgerlichen Ordnung stehen, wie die Lehrerin Fräulein Amalia schwanken im Umgang mit den Fabelwesen zwischen Unglaube, Misstrauen und Ablehnung: "Solche Wesen gibt es eigentlich nicht, das weiß jeder denkende Mensch […] Jedenfalls dürfte es sie nicht geben. […] Aber falls es sie doch gibt, falls wohlgemerkt, dann ist in unserer Stadt kein Platz für sie, unter zivilisierten Menschen meine ich.“ (S. 330)

Lämpchens Aufgeschlossenheit und ihr Mut sich dem vermeintlichen "Monster“ im Turmzimmer anzunähern können hier beispielhaft wirken. Und doch behält Fräulein Amalia recht. In ihrer Stadt ist tatsächlich kein Platz für Fabelwesen, „Freaks“ und Außenseiter. Und obwohl sich für Emilia und ihre Freunde zum Schluss die Dinge zum Guten zu wenden scheinen, kann man die glückliche Lösung einen Platz außerhalb der Gesellschaft zu suchen auch als zwiespältig empfinden. Zumindest lässt sie einen hoffen, dass es in der eigenen Realität doch anders sein möge. 

Hervorzuheben ist zudem die poetische Qualität der Sprache, die Schaaps Roman in seiner deutschen Übersetzung durch Eva Schweikart auch ästhetisch zu einem gelungenen Leseerlebnis machen. So gelingt es ihr, Emilias Dialoge mit ihrer verstorbenen Mutter kunstvoll in der Schwebe zwischen innerem Dialog und metaphysischer Präsenz zu belassen. Es ist etwa zu vermuten, dass sich auch Lämpchens unterdrückte Empörung darüber, von ihrem Vater geschlagen worden zu sein, in der Stimme der Mutter ausdrückt: 

Ich bin furchtbar wütend auf deinen Vater, sagt die Stimme ihrer Mutter im Kopf
Ja, aber er hat es nicht böse gemeint, Mama.
Mag sein.
Und bestimmt tut es ihm leid.
Hoffentlich so sehr, dass er heult, sagt ihre Mutter böse. Mein armes Kind. Deine arme Wange. (S.55)

Dennoch bleibt bis zum Schluss offen, ob es sich hierbei um einen Bewältigungsmechanismus von Lämpchen handelt oder ob hier nicht doch eine autonome Figur spricht, deren Wissen das der Protagonistin übersteigt. Dass solche Ambivalenzen nicht aufgelöst werden, trägt zur literarischen Qualität dieses überzeugenden Debütromans bei. 

Fazit

Annet Schaaps Roman hebt sich in seiner Behandlung des Meerjungfrauen-Motivs wohltuend von der Masse populärer trivialer Texte wie Alea Aquarius oder Emily Windsnap und eröffnet ein reiches literarisches Bezugsfeld. Die Autorin hat einen ästhetisch und inhaltlich anspruchsvollen Text geschaffen, der gleichzeitig auch für weniger erfahrene Lesende zugänglich bleibt. Ein lesenswerter Roman, der (trotz der irritierenden Verlagsempfehlung "für Mädchen“) für Leserinnen und Leser ab zehn Jahren geeignet ist.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buchs, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hadassah Stichnothe und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

Die Adventskalenderaktion 2019 im Überblick

Erstveröffentlichung: 16.12.2019


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