von Kirsten Kumschlies

Bühne frei für Zorro Vela!... Zum 30. Mauerfall- Jahrestag sind, wie schon in den vergangenen Gedenkjahren, einige kinder- und jugendliterarische Titel erschienen, die jungen Leserinnen und Lesern von der DDR und der deutsch-deutschen Teilung erzählen und die Erinnerung an das verschwundene Land wach halten wollen. Einer davon ist Norbert Zähringers Zorro Vela: ein bemerkenswerter Kinderroman, der die innerdeutsche Grenze als Handlungsraum für ein phantastisches Abenteuer nutzt. Das ist nicht nur spannend und lehrreich, sondern auch witzig, skurril und sowohl für Erwachsene als auch für Kinder anspruchsvoll und zeigt vor allem eins: Grenzen werden von Menschen gezogen und haben keinen natürlichen Ursprung, denn: Zorro Vela vom Planeten Oneiros kann sie problemlos passieren...

Zähringer, Norbert: Zorro Vela. Ein Märchen aus dem Kalten Krieg.
Thienemann, Stuttgart 2019.
335 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-522-185301.
Empfohlen ab 10 Jahren. 

Inhalt

Geteiltes Deutschland, 1989: Der Kalte Krieg kommt ein paar ziemlich üblen Außerirdischen äußerst gelegen. Sie fühlen sich von den dümmlichen Menschen bedroht und wollen nun die innerdeutsche Grenze dazu nutzen, dass die Menschheit sich durch einen Atomkrieg selbst auslöscht. Doch der Planet Oneiros, zweihundert Lichtjahre von der Erde entfernt, schickt in Opposition zu den anderen Außerirdischen den Gestaltenwandler Zorro Vela zu den Menschen, und zwar ausgerechnet zu dem schüchternen, etwas dicklichen Brillenträger René Reinhardt, der in der DDR, nahe der deutsch-deutschen Grenze lebt. René ist ein klassischer Außenseiter, hat in der Schule keine Freunde, wird aber auch nicht gemobbt, was daran liegt, dass sein Vater ein einflussreicher Oberst der Grenztruppen ist. René ist ein großer Comic-Liebhaber, insbesondere West-Comics haben es ihm angetan, deren Lektüre er aber vor dem Vater verheimlichen muss. Ausgerechnet er soll nun mit Zorro Vela die Welt retten. Der Gestaltenwandler erscheint ihm zunächst als Rabe, später verwandelt er sich in ein Känguru, einen Boxerhund und dann, passend zu einer von Renés Lieblingsfiguren, in den Comichelden Zorro aus Die Maske des Zorro. Doch René ist nicht das einzige auserwählte Kind, das zur Rettung der Welt auserkoren ist. Hinzu kommt seine intelligente Klassenkameradin Annett, "das allerklügste Mädchen der Schule, so klug, dass sogar die Lehrer Angst vor ihr hatten" (S. 66). 

Durch eine magische Tür lotst Zorro Vela die Kinder in den Westen, wo sie weitere kindliche Mitstreiter für ihre Mission zur Rettung der Welt finden: Tim und seine ältere Schwester Lucy. Gleich nach dem magischen Grenzübertritt werden René und Annett Zeugen brutaler Angriffe, die aggressive Klassenkameraden auf Tim verüben. Wie René in der DDR ist auch Tim in der BRD ein Außenseiter. Ohne zu zögern, eilt René Tim zu Hilfe und verteidigt ihn mithilfe von Judo-Griffen gegen die Angreifer, nimmt so einen Rollenwechsel vor und gewinnt auf diese Weise die Freundschaft zu Tim. So bildet sich rasch eine Kinderunion, die Grenzen überwindet und unter Leitung des Gestaltenwandlers Zorro Vela im Sturm die außerirdische Bedrohung abwehrt, gegen die erwachsene Grenztruppen nichts ausrichten können, allein wegen ihrer Grenzen im Kopf. Die Vierte im Bunde ist Tims ältere Schwester Lucy. Alle Kinderfiguren stammen aus schwierigen Verhältnissen und haben einen problematischen Stand in der Peergroup. Bei Tim und Lucy kommt eine belastende Familiengeschichte hinzu. Der Vater hat die Familie verlassen, der neue Freund der Mutter Gerd, lässt die Kinder insofern allein, als er sich selbst in eine grüne Bio-Ideologie flüchtet, die darin gipfelt, dass er mehrere Schweigewochen für den Frieden einlegt und dabei übersieht, wie sehr die Kinder eine Stimme brauchen, die zu ihnen spricht und ihnen Halt gibt. All diese Probleme heben sich im phantastischen Abenteuer auf, das vor allem durch die Freundschaft mit den DDR-Kindern auszeichnet. Mauern im Kopf scheinen hier keine zu bestehen. Im letzten Kapitel fällt die Mauer dann tatsächlich, und René erfährt, dass sein linientreuer Vater eine Vergangenheit hat, die so hundertprozentig linientreu dann doch nicht immer war.

 

Kritik

Norbert Zähringer ebnet mit Zorro Vela neue kinderliterarische Wege des Erzählens über DDR, Mauerfall und Wende, insofern, als er mit dem phantastischen Setting und der skurril-schrägen Außerirdischen-Story einen Zugriff auf das Sujet findet, der in dieser Form komplett neu ist. Nicht nur, dass die Handlung lustig, spannend und mitreißend ist und sicherlich an das kindliche Leseinteresse der Generation anzuknüpfen vermag, die die DDR nur noch aus Erzählungen kennt. Vielmehr gelingt dem Berliner Autor Zähringer eine leichte und lockere Art der Narration, sie sich vollständig lösen kann von einem offensichtlich geschichtsdidaktischen Impetus, wie er früheren kinder- und jugendliterarischen Texten zur DDR-Geschichte häufig nur allzu deutlich eingeschrieben war. Zähringer kann diese Klippe so leicht umschiffen, weil der Großteil der Geschichte aus der Perspektive des außerirdischen Gestaltenwandlers Zorro Vela geschildert ist, der seinen ganz eigenen Blick auf die deutsche Teilung hat, einen Blick, der sich nicht zentriert auf das geteilte Deutschland im Jahr 1989, sondern vielmehr die ganze Welt impliziert. Die Erde und mit ihr die menschlichen Grenzziehungen werden als Ort entlarvt, den man in der Milchstraße "den Lügenplaneten" nennt, denn:

"Auf jeden Fall fiel es den Invasoren nicht schwer, auf eurem Planeten, der von Misstrauen, Gefallsucht und Zweifeln regiert wird, ein paar Lügen zu verbreiten. Lügen deren Ursprung niemand kannte, und die trotzdem ziemlich schnell von nicht wenigen für wahr gehalten wurden: Eben noch hatten sich der Osten und der Westen darauf geeinigt, einen Teil ihrer Waffen zu verschrotten, da tauchten in den Nachrichten Gerüchte auf: Waren die Raketen wirklich vernichtet worden? Oder wurden sie nur versteckt? Fotos von neuen Waffen wurden im Fernsehen gezeigt, Waffen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, und jede Seite beschuldigte die andere, im Geheimen an neuen Apparaten der Vernichtung zu forschen" (S. 264)

Und die Mauer ist durch die Augen des Gestaltenwandlers betrachtet ganz eindeutig eine "Menschengrenze. Für Wesen, die fliegen konnten, für Vögel, hatte sie keinerlei Bedeutung" (S. 21). Für die Kinderfiguren des Romans hat die Mauer insofern Bedeutung, als sie ein selbstverständlicher Teil ihres Alltagslebens ist, mit dem sie eben groß werden. Aber die vielbeschworene Mauer in den Köpfen scheint die kindlichen Figuren nicht zu blockieren. Scheinbar mühelos schließen René und Annett aus der DDR mit Tim und Lucy aus der BRD Freundschaft, tendenziell frei von Vorurteilen, verbunden im phantastischen Abenteuer. 

Aus dieser Anlage speist sich die Leichtigkeit, mit der die deutsch-deutsche Geschichte hier erzählt ist und ebendiese macht den Kinderroman so besonders gut. Stereotypisierte Darstellungen von DDR-Geschichte hat der Text nicht nötig, vielmehr entfalten sich hier mehrdimensionale Figuren in einer vielschichtigen Handlung, die Elemente von auf Comics bezogener Intermedialität und witzige Dialoge im Weltraum integriert. Zwar bleibt eine der Negativfiguren Renés Vater, womit an eine kinderliterarische Erzähltradition angeknüpft wird, da es in Texten über die DDR fast immer die Väter (und Lehrerinnen) sind, welche als Stasi-Funktionäre und stramme, überzeugte DDR-Bürger gezeigt werden, doch der Grenzgruppenkommandeur weist hier auch liebevolle Seiten auf. Und am Ende zeigt sich, dass auch er eine Geschichte hat, die ihn geprägt und zu dem Mann gemacht hat, der er in der Erzählgegenwart ist.

Auch das Alltagsleben in der DDR ist hier nicht durchweg negativ konnotiert, sondern erscheint als eben das Leben hinter und vor der Mauer, wie die Kinderfiguren es kennen und darum als selbstverständlich hinnehmen.

Dominant sind in diesem abenteuerlichen Buch Spannung, Witz, Fantastik und in thematischer Hinsicht Freundschaft und Zusammenhalt. So werden Grenzen mit kinderliterarischer Leichtigkeit überwunden.

Fazit

Außerordentlich empfehlenswert! Ein Weltraumabenteuer, das die KJL zur DDR-Geschichte aufwühlt und gegen den Strich bürstet. Kinder ab 10 Jahren werden Gefallen an der abenteuerlichen Handlung finden. Die erwachsenen Mitleserinnen und Mitleser dürften von der Vielschichtigkeit des Romans profitieren, der historische und phantastische Elemente geschickt miteinander verkoppelt und dabei reichlich Gesellschaftskritik übt.

 Erstveröffentlichung: 24.01.2020 


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