von Michael Fassel

Cliff, Alain und Margarete freunden sich in Kindheitstagen an, spielen und verbringen viel Zeit miteinander. Cliff leidet unter seinem alkoholisierten und gewaltbereiten Vater und der Abwesenheit der Mutter, die die Familie verlassen hat. Er driftet in gesellschaftliche Abgründe ab, wird Teil der Neonazi-Szene, verlässt diese wieder und sucht in der Terrormiliz des Islamischen Staats seine Bestimmung. Mit einem konsequent spannenden Plot und dem Einblick in die Psyche eines jungen IS-Sympathisanten legt Antonia Michaelis einen mutigen Roman vor, der aufwühlt und nachdenklich macht. 

Michaelis, Antonia: Die Attentäter.
Oetinger Verlag, Hamburg 2016.
449 Seiten. 19,90 €
ISBN 978-3-7891-0456-5.
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

Ein Mietshaus in Berlin: Die drei Freunde Cliff, Alain und Margarete unternehmen gemeinsam viel. Während Alain und Margarete in behüteten und liberal-bürgerlichen Verhältnissen aufwachsen, wird Cliff im gleichen Mietshaus mit der Gewaltbereitschaft und dem ständigen Alkoholkonsum seines Vaters Ricky konfrontiert. Besonders traumatisch ist jener Heilige Abend für ihn, an dem er von seinem Vater abends bei eisiger Kälte in den Schuppen einsperrt wird. Cliff kann sich aus eigener Kraft nicht aus der häuslichen Gewaltspirale befreien. Von seiner Mutter, die ihrer Familie den Rücken gekehrt hat und sich intensiv ihrem Studium widmet, kann er keine Unterstützung erwarten.

In seiner Jugend merken die Freunde Alain und Cliff, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen. Zugleich fürchtet sich Cliff vor den homophoben Reaktionen in der Schule, denen Alain ausgesetzt ist. Im Gegensatz zu seinem Freund wehrt Cliff sich gegen seine Gefühle, bricht den Kontakt ab und gerät in den Sog der Anziehungskraft radikaler Gruppierungen. Er wird Teil der Neonazi-Szene. Als ihm bewusst wird, dass er dort auch nicht das findet, wonach er sucht, trifft er nach wenigen Jahren Alain und Margarete wieder. Sie freuen sich zwar über seine Rückkehr, finden aber Cliffs ehemalige Faszination zur Neo-Nazi-Szene einerseits und seine neu entbrannte Affinität zum Islam andererseits sehr rätselhaft, da er zuvor nie mit einer Religion sympathisiert hat. Seine Motivation, sich dem Islamischen Staat anzuschließen, versucht er zu verschleiern. Umso verdächtiger erscheint sein erneutes Verschwinden. Er radikalisiert sich im Zentrum des IS, möchte auf die Liste der Selbstmordattentäter und beteiligt sich an Anschlagsplänen. Doch Cliff sei zu intelligent, als dass es lohne, ihn in den Tod zu schicken, befinden die Terroristen. Stattdessen soll er aufgrund seines fotografischen Gedächtnisses die logistische Planung einer Anschlagsserie in Berlin an Heiligabend in die Hand nehmen.

Unterdessen beraten sich Alain und Margarete über Cliffs eigensinniges Verhalten. Nachdem Cliff nach einem Jahr wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, findet Alain eine Spur, die ihn zu einem ehemaligen Fabrikgelände führt. Dort wird er heimlich Zeuge, wie sich Cliff mit den anderen Terroristen über die Anschlagspläne austauscht.

Zwar glaubt Alain, der noch immer in Cliff verliebt ist, an das Gute in ihm. Um aber Schlimmeres zu verhindern, setzt er die Polizei von seinem begründeten Verdacht in Kenntnis.

Da der Anschlag dank Alains Eingreifen nicht so ausgeführt wird, wie sich die IS-Anhänger vorgestellt haben, ist Cliff von der Idee besessen, am gleichen Tag in der Abendmesse ein Selbstmordattentat zu begehen. Alain, der die Gedankengänge seines Freundes als einziger nachzuvollziehen weiß, versucht in letzter Sekunde das Schlimmste zu verhindern.

Kritik

Traumatische Kindheit, Homophobie, Neonazi-Szene, Hass, Gewalt und IS-Terrorismus: Antonia Michaelis behandelt in ihrem Jugendroman Die Attentäter gleich mehrere brandheiße Eisen. Insbesondere mit dem IS-Terrorismus greift die gebürtige Kielerin einen hochaktuellen Themenkomplex auf, der im Vorfeld der Lektüre die Frage aufwirft, wie die Autorin die literarische und jugendgerechte Umsetzung in dem fast 450 Seiten starken Roman bewerkstelligt.

Anhand der Hauptfigur Cliff erzählt die Autorin in ihrem Jugendroman, wie sich ein Mensch ab der Kindheit bis zur Adoleszenz radikalisiert. Die durch seinen alkoholabhängigen und gewaltbereiten Vater bedingte traumatische Kindheit des Protagonisten spielt dabei zwar eine wichtige Rolle, aber die Autorin zeichnet ihn und seine Lebensumstände derartig mehrdimensional, dass das monokausale Erklärungsmodell, eine traurige Kindheit führe in Abgründe, nicht aufgeht. Liest man den Roman aufmerksam, so erhält das Lesepublikum ein differenziertes Bild des künftigen Dschihadisten. Stück für Stück wird die vielschichtige Psyche Cliffs freigelegt, so dass die Figurenentwicklung nachvollziehbar wird. Besonders eindrucksvoll ist jene Stelle, in der Cliff mit Margarete ein Konzert besucht. Aus der Ich-Perspektive erhalten die LeserInnenunmittelbare Einsicht in seine Gedankengänge:

"Dies war mehr als Drill. Diese Musiker waren keine Truppe von Kämpfern gegen die Stille. Was sie taten, taten sie aus einer inneren Leidenschaft heraus, die Begeisterung trug sie weiter als der Gehorsam, und sie waren dem Dirigenten gar nicht untergeordnet. Sie waren eine Einheit." (S. 85)

Erfahrene LeserInnen dürften hier bereits eine Vorausdeutung auf Cliffs künftiges Leben erkennen, da sich in der Textstelle bereits seine Faszination für das Radikale, das Absolute andeutet. Cliff verspürt tief im Inneren den brennenden Wunsch, Teil einer Einheit zu sein, die er zunächst in der Neonazi-Szene und später beim Islamischen Staat gefunden zu haben glaubt. Obgleich der Protagonist aufgrund der ebenso vielschichtigen wie dynamischen Figurenzeichnung ein sehr spannender Charakter ist, verblassen die beiden anderen Hauptcharaktere nicht. Dies ist der raffiniert eingesetzten multiperspektivischen Erzählweise zu verdanken, die nicht nur aus dem Wechsel der Ich-Perspektiven Cliffs und Alains besteht, sondern auch aus der Perspektive Margaretes, die in der Du-Form ihre Gedanken meist auf nur zwei Seiten mal an Cliff, mal an Alain offenbart. Auffällig ist überdies, dass innerhalb der Kapitel der Ich-Erzähler von Alain fließend durch einen personalen Erzähler ausgetauscht wird: "Damals, als wir uns zum allerersten Mal gesehen hatten, war es genauso gewesen. Ich sah es noch mir, sah mich von außen, mich, das Kind. […]. Dazwischen, im schwärzesten Schwarz, in einer Ecke auf dem ersten Treppenabsatz, stand ein kleiner Junge. Etwa so alt wie Alain. " (S. 10f.) Vergleichbare Perspektivwechsel sind auch bei Cliff auszumachen.

Insbesondere in der Ich-Perspektive Cliffs schreckt Michaelis nicht vor der Darstellung seiner radikalen Gedanken zurück. Nachdem er aus der Neonazi-Szene ausgetreten und zum Sympathisant des IS geworden ist, zieht er psychologische Parallelen zwischen den beiden extremistischen Gruppen: "Es war wie mit der rechten Kameradschaft. […]. Die Feinde waren nicht mehr die Ausländer, die Feinde waren die Ungläubigen, und sie mussten beseitigt werden." (S. 210) Nah an den Emotionen und Gedanken Cliffs wird konsequent und kompromisslos die Radikalisierung des Charakters gezeigt. Gleichzeitig gelingt es Michaelis den ambivalenten Menschen hinter der rauen Fassade nicht zu vergessen. Diese Gespaltenheit verdeutlicht sie mit dem leitmotivischen Einsatz von Flügeln, der sich durch den ganzen Text zieht: In Cliffs bewegter Phantasie ist Alain ein Engel, dessen Flügel er herausreißen muss, um die von ihm ausgehende Faszination zu verdrängen. Trotz dieser ständigen phantasmagorischen Abwehrversuche denkt Cliff selbst im Ausbildungscamp des IS an Alain und an die homophoben Attacken, denen er ausgesetzt gewesen ist:

"Aber er [Cliff] hatte Angst davor gehabt, dass er dran war. Jeden Tag. Angst auch, dass sie ihn zu oft mit Alain sahen. Stärker werden, stärker werden. Mehr Faust mehr Gewalt. Lass es sie nicht sehen, wenn du schwach bist!" (S. 312)

Demnach verwundert es nicht, wenn Cliff während seiner Radikalisierung in drastischen Metaphern spricht, um seine Homophobie und seinen Hass zu verdeutlichen. So vergleicht er beispielsweise Homosexualität mit eiternden Geschwüren und Parasiten: "Das Kriechwesen homosexueller Sexualpraktiken war ein Ungeziefer, das es zu tilgen gilt." (S. 293) In seiner Phantasie spielt er detailliert Anschlagsszenarien durch und verwendet dabei eine Sprache, die an die menschenverachtende Propaganda-Politik der Nationalsozialisten erinnert: "Die Unzüchtigen ausräuchern wie Ratten." (S. 302)

Die ungeschönte konsequente Entwicklung des Protagonisten, die drastische Ausdrucksweise sowie die brutalen Szenen in Syrien sind teils so verstörend, dass sie schwer auszuhalten sind, aber in diesem Roman notwendig, um die globalen Zusammenhänge einer krisenhaften Welt besser zu verstehen. Insofern ist es konsequent und mutig, dass sich die Situation gegen Ende des Romans drastisch zuspitzt und an Spannung enorm zunimmt.

Fazit

Der Jugendroman ist eine Herausforderung: Zum einen verfolgt das Lesepublikum die psychologische Entwicklung des jungen Cliff zum Dschihadisten, zum anderen wird es mit erschreckend authentischen Szenen und einer zunehmend radikalisierten Sprache konfrontiert. Michaelis schreibt konsequent und kompromisslos und balanciert souverän mit schwierigen Themen. Vor diesem Hintergrund ist der Roman frühestens ab einem Alter von 16 Jahren zu empfehlen.

Erstveröffentlichung: 28.01.2020


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