von Inger Lison

Feels like home…?

Susan Kreller legt mit Elektrische Fische ihren dritten Jugendroman vor, der keine leichte Kost darstellt. Inhaltlich knüpft dieser mit der dramatischen Thematik, den mit überaus sensiblen Charakterzügen ausgestatteten Protagonisten und dem hoffnungsvollen Ende scheinbar nahtlos an Elefanten sieht man nicht und Schneeriese an. Doch nur auf den ersten Blick. Der Autorin gelingt es auf erfrischend poetische Art und Weise, gegenwärtig präsente Themen wie Heimatlosigkeit, Ent- und Verwurzelung und die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit literarisch darzubieten.

Susan Kreller: Elektrische Fische
Carlsen, Hamburg 2019.
192 S., 15,00€
ISBN 978-3-551-58404-5.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Wenn sich die Eltern trennen und man gegen den eigenen Willen seine irische Heimat verlassen muss, um mit seinen Geschwistern und der Mutter zurück in ihren Geburtsort Velgow zu ziehen, kann das fatale Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben und gleichzeitig eine unbändige Wut evozieren. Warum muss man seinen Vater, die liebgewonnen Freunde und die vertraute Umgebung verlassen, um sie gegen ein unliebsames Umfeld mit einer nicht wirklich vertrauten Sprache und einer kaum bekannten Verwandtschaft einzutauschen? Emma versteht die Welt nicht mehr, und ihre jüngere Schwester Aoife beschließt leise für sich, "[…] für immer mit dem Reden aufzuhören" (S. 26).

Außer dem älteren Bruder Dara scheint sich keiner der Familienmitglieder mit der neuen Situation abfinden zu können. Um dieser tristen Situation zu entkommen, muss ein Fluchtplan her. Ausgerechnet der mit eigenen familiären Problemen überforderte Mitschüler Levin unterstützt Emma dabei. So gibt er ihr die Reiseroute nach Dublin vor und stellt ihr sein mühselig erspartes Geld zur Verfügung. In diversen Ausflügen "trainiert" er sie für den Ernstfall, indem er sie anweist, sich zu anderen Familien "dazuzustellen". Auf diese Weise könnte die Minderjährige möglicherweise unkontrolliert auf eine Fähre gelangen. Doch als das Heimweh immer unerträglicher wird und Emma ihren Plan in die Tat umsetzen will, verhindert der Suizidversuch von Levins Mutter das Davonlaufen. Und vielleicht hat sich Emma in der Zwischenzeit doch mit dem neuen Umfeld allmählich arrangieren können: "[…] home schießt mir durch den Kopf, weil Heimat zu lange dauert, zwei endlose Sekunden, keine Zeit dafür, und auf der Haut kann ich fühlen, dass home dort ist, wo du gemocht wirst, wo dich zwei Menschen mögen oder zwanzig oder nur einer, einer reicht völlig, […], home ist, wenn du zum ersten Mal denkst, hier könntest du bleiben jetzt, vielleicht bis zum Schluss, […]." (S. 162) Ähnlich wie in Joseph Campbells proklamierten Heldenreise, in welcher die Heldin bzw. der Held zusammen mit einer Begleitperson die gewohnte Umgebung verlässt, um auf dem Weg zu einem neuen Ziel Prüfungen zu bestehen, hat die Jugendliche einen Entwicklungs- bzw. Reifeprozess durchlaufen, ohne die (Rück)Reise von Velgow nach Dublin angetreten zu sein. Diese modifizierte, nicht alle von Campbell genannten Stationen beinhaltende Reise findet lediglich als Gedankenspiel statt. Dabei steht Levin Emma als Gefährte zu Seite.

Kritik

In diesem Roman wird nicht etwa – wie in zahlreichen anderen Titeln – stellvertretend die Flucht einer Familie als Kriegs-, Klima- oder Armutsgeflüchtete beschrieben, sondern die auf mentaler Ebene mehrmals durchgespielte Flucht einer Heranwachsenden zurück nach Dublin, in die irische Heimat. Im Vergleich zu den Protagonistinnen und Protagonisten in konventionellen Fluchtgeschichten hat Emma eine recht komfortable Ausgangsituation: Zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter darf sie bei ihren Großeltern wohnen. Zudem kann sie die deutsche Sprache verstehen und einigermaßen gut sprechen. Aber die Auswirkungen auf eine kindliche (Aoife), jugendliche Seele (Emma) und erwachsene Seele (Mutter), die solch eine plötzliche Entwurzlung mit sich bringen, sind zumindest in einigen relevanten Punkten vergleichbar. Und diese Verzweiflung, das Heimweh und die damit verbundene Sehnsucht bringt Susan Kreller mit ihrer ganz eigenen, feinsinnigen poetischen Sprache zum Ausdruck:

Manchmal kriechen die Erinnerungen direkt durch die Nase. Man riecht ein Parfüm mit Geschirrspülmittel-Zitrusnote oder ein warmes gewürztes Essen oder die spezielle Süßigkeitenmischung in einem kleinen Laden, ein bisschen Schokolade, ein bisschen Pfefferminzkaugummi, Lakritz, und dann erinnert man sich an etwas: an einen Menschen oder an einen Ort oder irgendetwas anderes, das längst vorüber ist, und diese Erinnerungen sind dann so warm wie das gewürzte Essen und so traurig wie ein kleines Mädchen mit irischer Sportkleidung, beides gleichzeitig. (S. 45)

So einen Moment der Reminiszenz erlebt Emma, als sie den Ostseewind auf ihrer Haut spürt und sie ihn riechen kann "[…], da ist mein Zuhause zum ersten Mal wieder da, […]." (S. 45) Doch wenn auch der Wind ihr das Zuhause nicht vollständig wiedergeben kann, "dann vielleicht das Meer. Obwohl es hier keins gibt. Keins, das zählt" (S. 46). Doch nach einiger Zeit dient Emma, dessen Alter die Autorin bewusst nicht mit angeben hat, die raue Ostsee als Trost- und Sehnsuchtsort. Dieser wichtige Aspekt wird zudem mit Hilfe des auf dem Buchcover "abgebildeten" Ostseelichts widergespiegelt.

Als weitere Schlüsselfigur neben Levin, der selbstlos seine Bedürfnisse hintenanstellt, um Emma glücklich zu machen, fungiert dessen verwirrt wirkende Mutter. Sie stellt die einzige Person neben ihrem Sohn dar, die Emmas verzweifelte Lage nachvollziehen und verstehen kann. "Sie ist der erste Mensch, der nicht sagt: Ach, vier Monate, das ist noch gar nichts, du wirst dich bestimmt noch einleben hier." (S. 62) Sie ist es auch, die Emma bei ihrem ersten Aufeinandertreffen erklärt, was Heimat ist: "Heimat ist da, wo man verstanden wird. […]." (S. 63) Und sie ist es auch, die Emmas Flucht in letzter Sekunde vereitelt.

Fazit

Wie in Elefanten sieht man nicht und Schneeriese zuvor gelingt es der Autorin ebenfalls in ihrem neuesten Roman, die innere Gefühlswelt und Zerrissenheit ihrer tragischen Helden ganz behutsam und sensibel, aber auch ohne jegliche Beschönigung darzustellen. Mit Hilfe ihrer bildreichen, teilweise mit englischen Phrasen gespickten Sprache vermag Kreller, Emmas Zustand des "Dazwischenseins" plastisch nachvollziehbar wiederzugeben. Und so endet die Geschichte, die für Jugendliche ab 13 Jahren zu empfehlen ist1 und aufgrund der enthaltenen Themen und intermedialen Bezüge auch eine erwachsene Leserschaft gleichermaßen in den Bann zu ziehen vermag, konsequenterweise mit dem Bild des "Dazustellens". Ganz großes Kino! Zurecht hat Elektrische Fische bereits zum jetzigen Zeitpunkt zahlreichen Auszeichnungen (Die besten 7 Bücher für junge Leser, Luchs, Leselotse, Lektorix des Monats, Kröte des Monats, Jugendbuch des Monats (Akademie für KJL)) erhalten. Des Weiteren wurde der Roman für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch nominiert.

Anmerkungen

1 Auch wenn Emmas Alter im Roman nicht erwähnt wird, hatte die Autorin während des Schaffensprozesses ein 13-jähriges Mädchen vor Augen (vgl. Susan Kreller: Lesung an der Universität Hildesheim am 15.01.2020).

 

Im Überblick: Alle Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 und die Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de

Erstveröffentlichung: 26.03.2020

 

 


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