von Caroline Klabunde

Mit Palast aus Glas gelingt Cornelia Funke ein fulminanter Spin-Off der Reckless-Reihe: Die Anthologie beinhaltet acht Kurzgeschichten unterschiedlicher Länge, die im Stile von origin stories biographische Hintergründe der Hauptfiguren  erkunden oder schlicht weitere Geschichten aus der Reckless-Welt erzählen.

Cornelia Funke: Palast aus Glas. Eine Reise durch die Spiegelwelt.
Dressler Verlag, Hamburg 2019.
208 S., 18,-€
ISBN 978-3-7915-0144-4.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die Reckless-Welt besteht bis jetzt aus drei Büchern, ebenfalls geschrieben von Cornelia Funke. Dabei handelt es sich um die Brüder Jacob und Will Reckless, aufgewachsen ohne Vater, die durch einen Spiegel in eine Parallelwelt, der Spiegelwelt geraten.

Will wird bei einem Eintritt in diese Spiegelwelt angegriffen, sodass Jacob seinem Bruder das Leben retten muss. Hilfe erhält er durch Celeste (Band 1). Doch während er seinen Bruder rettet, bringt er sich selber in Gefahr und lenkt einen Feenfluch auf sich. Dieser gilt es, innerhalb eines Jahres zu brechen, sonst stirbt Jacob (Band 2). Will kehrt unterdessen wieder in die ursprüngliche Welt zurück. Damit Celeste und Jacob ihren Lebensunterhalt bestreiten können, müssen sie wertvolle, gestohlene Gegenstände (wie eine Armbrust oder eine Geige) zu ihren ursprünglichen Besitzern zurückbringen. Dabei entdecken die beiden, dass der Vater von Jacob und Will noch lebt (Band 3).

Palast aus Glas erzählt einige bisher nicht bekannte Abenteuer aus der Reckless-Welt und zeigt dadurch auch die Entwicklung auf, die Figuren wie Jacob Reckless oder Celeste vor Beginn der Reckless-Trilogie durchlaufen haben. Protagonisten sind Jacob Reckless und Celeste, aber auch weiteren wichtigen Figuren aus der Spiegelwelt. Eine dieser Geschichten handelt von Celeste, einer jungen Frau, die Jacobs ständige Begleiterin ist. Das besondere an ihr: Sie kann sich in einen Fuchs verwandeln. Skizziert wird ihre Vorgeschichte: Celeste durchlebt eine sehr schwierige Kindheit und wird regelmäßig von ihrem Stiefvater geschlagen. Um ein Stück Freiheit zu empfinden, schleicht sie sich nachts aus dem Haus. Die Nacht, als sie das Fuchskleid von einer Füchsin geschenkt bekommt, ergreift sie als zweite Chance.

Es war so warm auf ihrer fröstelnden Haut.
Und wie es sich an ihren mageren Körper schmiegte. Als wäre es für ihn geschneidert worden. Danke, flüsterte sie, obwohl die Füchsin fort war. Danke, während ihre Hände das seidene Fell liebkosten, das sie mit einer Wärme erfüllte, die sie noch nie zuvor gespürt hatte, nicht einmal in den Armen ihrer Mutter.
[…]
Und plötzlich war ihr Körper leicht und schnell. Das Fell war nicht länger ein Kleid, sondern ihre Haut. Ihre Augen tranken das Licht der Sterne und die Nacht wurde hell wie der Tag. Die Luft war schwer von der Witterung von Hase und Vogel. Sie wollte sich im Gras wälzen und im Schoß der Erde schlafen.
Oh die Glückseligkeit!
[…]
Fuchs.
Sie war Fuchs.
Sie war frei. (S. 81)

(S. 96)

Während Kami’en und die dunkle Fee in den Reckless-Büchern gegen die Königsheere kämpfen, bleibt die Frage dort unbeantwortet, wie die beiden sich kennengelernt haben. Die dunkle Fee sieht Kami’en in ihren Träumen, während sie mit ihren Schwestern unterwegs ist. Um von der inneren Leere nicht übermannt zu werden, töten die Schwestern Männer, was bei der dunklen Fee aber nichts bringt. So macht sie sich auf den Weg, als sie keinen Ausweg mehr findet. Sie findet Kami’en und verliert und verliebt sich in ihn:

Sein Gesicht war ihr fast so vertraut wie das eigene, doch er sah sie zum ersten Mal. Sie hatte ihn nicht in seinen Träumen besucht, obwohl er in ihren war. Sie hatte vor ihm stehen wollen, wenn er sich in der Begierde verlor, mit der ihre Schönheit sie alle umspann. (S. 127)

Doch wie läuft ein Auftrag für Jacob und Celeste ab? Erzählt wird hier der Auftrag für eine Geige, die einst gestohlen wurde und nun zum ursprünglichen Besitzer zurückgebracht werden soll. Das Instrument gehörte einst einem Strömkarlen, ein bekannter Wassermann und Geigenspieler. Auffinden lässt sich diese Geige in Stockholm, angeblich bei einem reichen Händler, der Tom Hjärta genannt wird und die Musik verbannen möchte. So geschieht es, dass sich Jacob und Celeste nachts auf dem Weg machen, um sich Zugang zum Haus zu verschaffen und die Geige aus Hjärtas Besitz zu entwenden. Doch wie beide schneller feststellen, als ihnen lieb ist, sind sie nicht alleine im Haus, sodass nicht nur Jacob und Celeste auf der Suche nach der Geige sind, sondern Hjärta die beiden von dem Diebstahl seiner Geige abbringen möchte. Alsbald stellt sich die Frage, ob Jacob und Celeste es schaffen, die Geige zu stehlen, bevor sie von Hjärta gefasst werden.

Kritik

Dass ein literarischer Text aus einer bereits bestehenden Romanwelt geschrieben, veröffentlicht und dann gelesen wird, ist nicht neu, aber momentan sehr beliebt. Man erinnere sich an Die Märchen von Beedle dem Barden, das Märchenbuch aus der Welt von Harry Potter, dessen Geschichten die Mythologie des Hogwarts-Universums vertiefen. Terry Pratchett Scheibenwelt-Romane loten ihr Erzähluniversum ebenfalls aus unterschiedlichsten Blickwinkeln aus, und auch in der deutschen Literatur lassen sich Beispiele finden, etwa in den Geschichten von Walter Moers um die Welt von Zamonien, dazu gehört auch Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. In allen Fällen handelt es sich um Geschichten, die den Nebenfiguren der Hauptwerke Raum geben und ihre Abenteuer in eigenen Büchern und Geschichten ausloten. So kann das Lesepublikum in eine ihm bereits bekannte Welt eintauchen, diese aber besser kennenlernen.

Exakt dieser Funktion bedient sich Cornelia Funke. Die Hintergrundgeschichten in Palast aus Glas helfen dem Verständnis der Reckless-Welt ungemein – aber ohne Kenntnis der eigentlichen Romanreihe ist der Band nicht zwangsläufig ein Lesevergnügen. Zu verwirrend und unbekannt sind sonst die Namen, Gegenstände, Geschichten und Handlungen, die man zu lesen bekommt. Demungeachtet sind die Geschichten, die der Leser erfährt, Funke-typisch spannend und phantasievoll erzählt. Manch ein Leser dürfte bei den Geschichten um Celeste und Jacob durchaus ein Aha-Erlebnis verspüren, da elementare Wesenszüge der beiden Figuren und auch einige Handlungsstränge der Romane noch verständlicher werden.

So schafft Funke es, nicht nur spannende Geschichten zu erzählen, im gleichen Zuge macht sie auf verschiedene Künstler aufmerksam, etwa auf den spanischen Architekten Bosco, der in Madrid einst einen Glaspalast errichten ließ, eben jenen Palast aus Glas, der auch in diesem Werk vorkommt und eigens von der Autorin im Buch gezeichnet wurde. Palast aus Glas wird dadurch nicht nur zu einer märchenhaften Weitererzählung der Reckless-Welt, sondern auch in gewisser Weise zu einer Reise in die Vergangenheit verschiedener Städte. Hervorgehoben werden diese durch alte Städtenamen wie Hammaburg (Hamburg), sowie auch durch das Beschreiben der alten Stadtzüge, wie sie vor mehreren hundert Jahren vorkamen. In diesen Städten müssen beide teilweise ihre Aufträge erledigen.

(S. 91)

Angereichert ist das Buch mit 20 Abbildungen, eigens gezeichnet von der Autorin selber, wodurch es noch weiter an Individualität gewinnt.

Fazit

Palast aus Glas ist ein Muss für jeden Reckless-Fan. Die Hintergrundgeschichten tun dem Verständnis der Geschichte allerdings erst sehr gut, wenn man alle Reckless-Bücher schon gelesen hat. Dennoch ist Palast aus Glas ein gut durchdachtes, phantasievolles Buch mit Kurzgeschichten. Empfohlen wird das Buch ab 14 Jahren, da die Reckless-Trilogie erst ab 14 Jahren gelesen werden sollte. Wie bereits vorher ausgeführt, ergibt es keinen Sinn, die Kurzgeschichten ohne Kenntnisse der drei Bücher zu lesen.

Ein vierter Band wird ab Herbst 2020 erwartet (Quelle: oetinger.de)

[Erstveröffentlichung: 23.03.2020]


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