von Kirsten Kumschlies

Welches Kind wünscht sich nicht sehnlich ein Haustier? Katja Ludwig erzählt in Das Mauerschweinchen von Noras Wunsch nach einem Meerschweinchen und von Arons Begeisterung für Flugobjekte. Das klingt erstmal nicht besonders innovativ, doch das besondere an Ludwigs kinderliterarischem Debut ist, dass sie ihre Geschichte in Berlin in den 1980er Jahren ansiedelt und die Figuren im Schatten der Mauer spielen und leben lässt. Ein kurzweiliges Abenteuer, das sich von beiden Seiten lesen lässt und bei dem DDR-Geschichte mit erfrischender Leichtigkeit im Hintergrund mitläuft. Gerade darum ist die Handlung so lebendig.

Ludwig, Katja: Das Mauerschweinchen.

Mit Vignetten von Uwe Heidschöter.
Random House, München 2019.
206 Seiten. 13,00 €
ISBN 978-3-570-17599-6.
Empfohlen ab 7 Jahren. 

Inhalt

Das Mauerschweinchen ist wieder mal ein Mauerfall-Kinderbuch, das als wortwörtliche Wendegeschichte konzipiert ist, die man von beiden Seiten lesen kann (so. z.B. auch Das Wende-Bildebuch von Harriett Grundmann). Die eine Geschichte spielt in der DDR, die andere in der BRD. Schauplatz ist Berlin, aber alles dreht sich hier nicht um Mauerfall oder Wende, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern um Meerschweinchen und Fluggeräte.

Nora in Westberlin wohnt ganz nah an der Mauer, in der Wolliner Straße, und wünscht sich nichts auf der Welt mehr als ein Meerschweinchen, doch ihre Eltern sind strikt gegen Haustiere. Da kann sie froh sein, dass sie mit Antonio, genannt Tonne, befreundet ist, einem älteren Jungen, der eine Sonderschule besucht und dessen Mutter Bine die ansässige Zoohandlung betreibt. Noras ganzes Leben ist durchdrungen von dem Wunsch  nach einem Meerschweinchen. In ihrer Klasse baut sich diesbezüglich großer Druck auf, denn unter ihren Freundinnen und Klassenkameradinnen spielen Haustiere eine dominante Rolle, auch ihre beste Freundin Sanne hat ein Meerschweinchen, andere haben sogar Katzen und Hunde. Die zickige Julia gründet einen Haustier-Club, aus dem alle Kinder, die keines besitzen, ausgeschlossen sind. Als es auf Weihnachten zugeht, hält Nora es nicht mehr aus:  Vollmundig behauptet sie, ihre Eltern hätten ihr ein Meerschweinchen zu Weihnachten versprochen, und kurzerhand verstrickt sie sich in ein Netz aus wilden Lügengeschichten. Um nicht aufzufliegen, leiht sie sich im Zooladen von Tonne, ohne das Wissen der Mutter, ein Meerschweinchen aus, das sie mit zur Haustier-Geburtstagsparty von Sanne bringt und als ihr eigenes ausgibt. Doch kurz darauf gerät sie durch diese Aktion in eine üble Zwickmühle: In der Schule sollen sie alle ihre Haustiere mitbringen. Nora möchte das Meerschweinchen nochmal ausleihen, doch zu ihrem großen Schrecken ist es verkauft worden. Hektisch leiht sie ein anderes Tierchen aus und behauptet in der Schule, sie hätte sogar zwei Meerschweinchen zu Weihnachten bekommen, aber so richtig glaubt ihr keiner mehr. Ihre Lügengeschichte fliegt auf, doch die Folgen sind weniger schlimm als erwartet, Sanne hält trotzdem zu ihr. Und eines Tages fliegt plötzlich ein Meerschweinchen über die Berliner Mauer...An dieser Stelle muss man das Buch umdrehen. Auf der anderen Seite wird die Geschichte von Aron erzählt, der Silvester in Ostberlin mit seiner liebevollen Großmutter Ilse und deren dreibeinigem Hund Ottokar verbringt. Sie wohnen am anderen Ende der Wolliner Straße, jenseits der Mauer, in der DDR. Seine linientreuen Eltern sind für sechs Monate nach Moskau delegiert worden. Ilse hingegen ist eine sogenannte "Berliner Wandel-Omi, eine dieser mürrischen Rentenrinnen, die die Mauer weitgehend unbehelligt von West nach Ost und von Ost nach West passieren konnten." (S.15) Sie schaut Westfernsehen (an Silvester Das Traumschiff). Aron baut in seiner Freizeit begeistert Fluggeräte und träumt davon, wie sein Vorbild Otto Lilienthal, eines Tages im Buch "Weltall – Erde – Mensch" zu stehen.

Mit den Nachbarkindern, den Zwillingen Ronni und Moni verbindet ihn eine herzliche Freundschaft. Gemeinsam jagen sie an Neujahr den Briefkasten des Abschnittsbevollmächtigten (ABV) in die Luft und haben dabei eine Menge Spaß. Doch eines Tages sind die beiden plötzlich verschwunden, ihre Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt und durften in einer Nacht- und Nebenaktion in die BRD ausreisen. Das Meerschweinchen Bommel haben sie der Nachbarin, der "ollen Fischhäuter", vor die Tür. gestellt, die lauthals im Flur verkündet, es aufessen zu wollen, in Südamerika seien die Tiere eine Delikatesse. Aron ist entsetzt. Mit Unterstützung von Andi aus Karl-Marx-Stadt, der die Familie der Zwillinge besuchen wollte, aber nun nur die leere Wohnung und das zurückgelassene Meerschweinchen vorfindet, heckt er einen tollkühnen Plan aus. Er konstruiert ein Fluggerät, mit dem er das Meerschweinchen über die Mauer fliegen lässt – das Buch lässt sich wieder wenden, denn hier begegnet sich Arons Geschichte mit der von Nora.

 

Kritik

Katja Ludwig hat mit ihrer liebevollen Meerschweinchen-Geschichte einen Kinderroman zur DDR-Geschichte vorgelegt, bei dem diese ausnahmsweise nicht im Vordergrund steht, sondern als Kulisse fungiert. In erster Linie geht es hier um den typisch kindlichen Wunsch nach einem Haustier. Noras Geschichte ist witzig, spannend und leicht lesbar, mit kurzen Kapiteln und der heiteren Haustier-Story für Kinder sehr ansprechend und unterhaltsam. Dass Nora direkt an der Mauer wohnt und dort täglich Sprüche liest wie "Wir wollen alles und davon möglichst viel" (S. 8), verweist zwar auf das Setting im geteilten Berlin, spielt aber für die Handlung keine Rolle. Das ist bei Arons Geschichte anders, diese ist wesentlich voraussetzungsreicher und aufgrund der vielen historischen Begriffe, die heutigen Kindern fremd sind, wie Thälmannpioniere, ABV oder VoPo, zuweilen schwer verständlich. Zwar sind die Bedeutungen in Fußnoten erklärt, die aber wiederum den Lesefluss hemmen können. Arons Geschichte eignet sich weniger zum Selberlesen, sondern ist an vielen Stellen angewiesen auf einen erwachsenen Vermittler, der mit historischem Kontextwissen aushilft. So liest sich die West-Geschichte viel leichter als die Ost-Geschichte, doch, wie sich diese beiden aufeinander zubewegen, ist erzählerisch raffiniert gemacht. Gerade, weil das Thema DDR-Historie nicht dominiert, kann die Lektüre des Kinderbuchs ein geeigneter Anlass sein, um mit Grundschulkindern über die deutsch-deutsche Vergangenheit zu sprechen. Mit Aron und Nora treten liebenswerte Identifikationsfiguren auf, die auch heutigen Kindern in ihren Wünschen und Ängsten sehr nahe sein dürften. Die kurzweiligen, handlungsstarken Geschichten tun ihr übriges und liefern ein gelungenes Lesevergnügen, das der ganzen Familie Freude bringen kann. Und dass man Meerschweinchen möglichst nicht alleine halten sollte, wie es die Kinder in dem Buch tun, ist ein Umstand, der in den 1980er Jahren wohl wirklich noch nicht so präsent war. Wenigstens weist Noras Lehrerin darauf hin, Meerschweinchen seien ja eigentlich Gruppentiere.

Fazit

Das Mauerschweinchen ist insofern ein besonderes Kinderbuch zur DDR-Geschichte, als diese im Hintergrund abläuft und deshalb jeden offensichtlichen geschichtsdidaktischen Impetus umgeht, der anderen kinderliterarischen Texten über DDR und Mauerfall häufig eingeschrieben ist. Allen Familien mit Kindern im Grundschulalter ab 7 Jahren, die Meerschweinchen mögen oder halten, sei die Lektüre wärmstens empfohlen. Geboten wird eine lustige und spannende Geschichte über den Wunsch nach einem Haustier mit liebenswerten Figuren, über die man ganz nebenbei reichlich Gesprächsanlässe über die deutsch-deutsche Vergangenheit schafft.

 Erstveröffentlichung: 04.04.20

 


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2020
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 31 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6