von Kirsten Kumschlies

Lennard interessiert sich wenig für Geschichte, erst recht nicht für den Nationalsozialismus. Doch als er wegen einer Straftat dazu verdonnert wird, Sozialstunden in einem Seniorenheim abzuleisten und hier die Holocaust-Überlebende Silberstein trifft, ändert sich sein Weltbild radikal – eine Drehung um 180 Grad. Ein eindringlicher und literarisch stimmiger Appell gegen das Vergessen, der wunderbar treffend auf die aktuelle Lebensrealität abgestimmt ist.

Werner, Julia C.: Um 180 Grad.
Stuttgart, Freies Geistesleben 2020.
303 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-8251-5237-6.
Empfohlen ab 14 Jahren. 

Inhalt

Der 14-jährige Lennard ist genervt: Wegen unerlaubten Graffiti-Sprayens muss er ein Jahr lang Sozialstunden als sogenannter Lesepate in einem Altenheim ableisten. Widerwillig sucht er die Seniorenresidenz auf und beginnt dort, der alten Frau Silberstein vorzulesen. Als Lektüre wählt er Wolfgang Herrndorfs Tschick, worauf sich die alte Dame zu seiner Überraschung bereitwillig und neugierig einlässt. Überhaupt halten die Besuche im Altenheim einige Überraschungen für den Protagonisten bereit. Bei seinem ersten Besuch findet er ein Handy auf der Toilette, das er einsteckt und mithilfe eines Freundes versetzt. Außerdem sieht er ein Mädchen seines Alters, in das er sich auf den ersten Blick verliebt. Zunächst ist es vor allem die Begegnung mit dem Mädchen, die ihn ins Seniorenheim zieht. Die alte Frau Silberstein merkt sofort, dass ihr junger Besucher nur widerwillig kommt und bietet ihm an, seine Zeit bei ihr einfach abzusitzen, sie stelle keine Ansprüche an ihn. Langsam entwickelt sich eine echte Beziehung zwischen Lennard und Frau Silberstein. Bei einem Spaziergang im Park, bei dem er Frau Silberstein im Rollstuhl schiebt, lernt er dann auch das Mädchen kennen, in das er sich verliebt hat. Sie heißt Lea und besucht regelmäßig ihre Großtante. Doch inzwischen ist es nicht nur die Verliebtheit, die die Bedeutung der Besuche für Lennard verschoben hat. Er beginnt, sich für Frau Silberstein und ihr Leben zu interessieren, als er begreift, dass sie eine der letzten Zeitzeuginnen des Holocaust ist: Frau Silberstein ist Jüdin und hat Ausschwitz überlebt, dort ihre gesamte Familie verloren. Lea und Lennard hören gemeinsam zu, fragen nach und wollen die Erinnerung bewahren. So spielt schließlich auch das gestohlene Handy noch eine große Rolle, denn Lennard erfährt, dass es sich um das Diensthandy von Schwester Susanne handelte, die sich liebevoll um Frau Silberstein kümmert. Dort hatte sie die letzten Kontaktadressen von entfernten Verwandten der alten Dame gespeichert, die nun unwiederbringlich verloren sind. 

Der Protagonist macht im Laufe der Handlung eine entscheidende Entwicklung durch: Am Ende gesteht er den Diebstahl, geht eine feste Beziehung mit Lea ein und versteht, wie wichtig kommunikatives Gedächtnis und Erinnerungskultur sind.

 

Kritik

Es handelt sich um beeindruckendes Jugendbuch; eines der wenigen, das das kommunikative Gedächtnis und die Bedeutung von Zeitzeugenschaft in Bezug auf den Holocaust explizit zum Thema macht. Diesen Fokus kennt man bislang höchstens von Mirjam Pressler (Die Zeit der schlafenden Hunde), und man darf ohne Umschweife sagen, dass Julia C. Werner eine würdige Nachfolgerin der Erzählkunst Presslers ist. Ihre Sprache ist klar, eindringlich und schnörkellos. Überraschenderweise verzichtet sie ganz auf Rückblenden, verortet die Handlung ausschließlich in der Gegenwart und verlegt die Erinnerung in die Figurenrede und somit in das kommunikative Gedächtnis von Frau Silberstein. So bleibt der Roman mit seiner Geschichte und seinen Protagonisten sehr nah am aktuellen jugendlichen Zeitgeist und zeichnet die Entwicklung einer Freundschaft zwischen den Generationen sensibel nach. Die intertextuelle Referenz auf Herrndorfs Schulklassiker durchzieht die Handlung wie ein roter Faden. Tschick ist Lennards Lieblingsbuch, er betont immer wieder seine Identifikation mit dem Antihelden Maik, wodurch der Roman selbstreferenziell auf Lennards Entwicklung verweist:

"Ich führe über meine Besuche im Bunker eine Strichliste. Im Film malen sich die Gefangenen sowas an die Wand, nur ist meine Liste woanders, die ist hinten im Buch. Erst der vierte Strich heute, und ich habe Tschick dabei. Manchmal fühle und denke ich genau wie Maik, der im Buch die Geschichte erzählt. Auch deswegen mag ich den Roman so, Maik und ich, wir sind wie Brüder." (S. 50)

Lennards road trip aber verläuft nicht über ostdeutsche Autobahnen in Richtung Wallachei, sondern spielt sich im Seniorenheim ab. Nur wenige Szenen sind in die häuslich-familiäre Umgebung des Protagonisten verlagert. Seine innere Reifung vollzieht sich im Kontakt mit der Holocaust-Überlebenden. Wie Maik sich in Isa verliebt, verliebt sich Lennard in Lea. Zunächst ist sie es, die Frau Silberstein zuhören will. Sie ist die treibende Kraft, doch schnell begreift Lennard, wie recht seine neue Freundin hat. Er öffnet sich Frau Silbersteins Erzählungen über die Kindheit in Ausschwitz und begreift deren Wucht und Relevanz. 

Julia C. Werner ist mit dieser Anlage der Erzählung in der Gegenwart ein besonderes Jugendbuch gelungen, das ohne moralischen Zeigefinger auskommt, eben weil es keine heterodiegetische Erzählinstanz gibt, die mit geschichtsdidaktischem Impetus aufritt. Es ist ausschließlich Frau Silberstein, die die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufrechthält. Aber erst als sie von den Jugendlichen gebeten/gefragt wird, beginnt sie zu erzählen. Nun weiß sie, dass ihr zugehört wird. 

Fazit

Wie man der sympathischen Frau Silberstein die Zuhörer wünscht, so wünscht man diesem Buch viele Leserinnen und Leser, die diese Figurenstimme hören und somit die Erinnerung aufrechterhalten. Die Geschichte um das verlorene Handy mag etwas konstruiert wirken, Lennards immense Begeisterung für eine Schullektüre eventuell ein wenig zweifelhaft sein, doch beides tut der Gesamtbeurteilung keinen Abbruch: Julia C. Werner hat ein wichtiges Jugendbuch geschrieben, voller Empathie mit ihren Figuren und Sensibilität für die Notwendigkeit, den letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Dritten Reiches auch eine literarische Stimme zu verleihen – dem werden jugendliche Leserinnen und Leser mit entsprechender Sensibilität auch folgen mögen, und mit Lennard und Lea sind ihnen liebenswerte Identifikationsfiguren an die Seite gestellt, die die Lektüre bereichern.

 Erstveröffentlichung: 18.05.2020

 


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