von Kirsten Kumschlies

Umzug, Schwimmen, die erste Liebe, Lese-Rechtschreibschwäche und mathematische Hochbegabung. Mit diesen Schlagworten ist die Geschichte umrissen, die Anne Becker in Die beste Bahn meines Lebens erzählt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Jan und Flo, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich doch ineinander verlieben. Jan hat LRS und schwimmt, Flo liebt Mathematik und ist hochbegabt. Der Kinderroman widmet sich alltäglichen Begebenheiten der frühen Pubertät und wählt dafür eine originelle Form, die das Buch in besonderer Weise empfehlenswert macht.

Becker, Anne: Die beste Bahn meines Lebens.
Weinheim, Beltz & Gelberg 2019.
176 Seiten. 12,95 €
ISBN 978-3-407-75457-8.
Empfohlen ab 11 Jahren.

Inhalt

Jan ist ein begeisterter und begabter Schwimmer. In diesen Sommerferien zieht er mit seiner Familie um, was ihm (wie wohl den meisten Kindern) wenig gefällt. Doch unmittelbar nach dem Umzug in das neue Haus lernt er das Nachbarmädchen Florentine, genannt Flo, kennen, zu dem er sich sofort hingezogen wird. Zwischen beiden entwickelt sich eine liebevolle Freundschaft und mit ihr eine scharfe Rivalität zwischen Jan und Linus, denn mit diesem hat Jan im Grunde viel gemeinsam: Beide sind Schwimmer und beide sind sie in Flo verliebt. Jan macht sich Linus schon deshalb flugs zum Feind, weil er ihn im Schwimmverein spielend abhängt. Doch Jan hat ein Geheimnis, das er vor allen verbergen möchte: Er leidet unter einer starken LRS und kann kaum lesen. Seine Therapeutin rät ihm, offen mit der Schwäche umzugehen, aber Jan schämt sich. Als er in der Schule vorlesen soll, verstummt er. Die Mitschülerinnen und Mitschüler lachen ihn aus, und das schlimmste: Auch Flo lacht. Kommentarlos verlässt er das Klassenzimmer und will nie wieder zur Schule gehen.Doch der Lesende weiß, dass Flo genauso in Jan verliebt ist wie er in sie. Denn in die Geschichte von Jan sind Diagramme des mathematisch hochbegabten Mädchens eingeflochten, die Einblick in ihre Perspektive liefern.

Kritik

Gerade die Diagramme machen das Kinderbuch von Anne Becker, das in diesem Jahr (2020) auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch steht, zu einem besonderen Lesevergnügen. Denn diese Form der variablen Fokalisierung ist neu und innovativ. Die Perspektiven der beiden kindlichen Protagonisten sind wunderbar kontrastierend nebeneinandergestellt. Der sportliche Jan erzählt klassisch in der Schrift, die Mathematik affine Flo hingegen in Diagrammen, die sie auf Karopapier gezeichnet hat. Vor allem ihre Gefühle für Jan sind hier gleichsam einfühlsam wie witzig ins Bild gesetzt. Die Kontrastierung der beiden Figuren mit ihrer Affinität zueinander erinnert an die Gegenüberstellung der Hoch- mit der Tiefbegabung in Steinhöfels zum Klassiker avancierten Rico, Oskar und die Tieferschatten

"'Ich dreh nicht durch! Ich...'
'Ich mag's", sagte ich. Und das stimmte. Weil es genau wie bei mir mit dem Lesen war. Nur umgekehrt irgendwie. Sie drehte durch, weil sie ein Genie war. Ich, weil ich der absolute Versager war'" (S. 113).

Behutsam und sensibel hat die Förderschullehrerin Anne Becker in ihrem Kinderromandebüt die Gefühlswelt ihrer Figuren eingefangen, die noch ein bisschen Kind, aber irgendwie auch schon jugendlich sind. Der Roman endet mit dem ersten Kuss der beiden und markiert so den Übergang zwischen Kindheit und Jugend einmal mehr. Die Phase der Unsicherheit verstärkt sich bei Jan vor allem durch seine LRS, von der die Autorin feinfühlig und mit Blick für die inneren Konflikte eines betroffenen Jungen erzählt, der zwischen Scham und Verdrängung changiert. Seine Stärke und Kraft zieht er aus dem Schwimmen, was ebenso glaubwürdig ist wie die gesamte Geschichte von Jan und Flo.

Und die Diagramme des Mädchens sind einfach witzig, weil sie es schaffen, die komplizierte Gefühlswelt der frühen Pubertät einzufangen, obwohl es sich nur um schematisierte Schwarz-Weiß-Bilder auf Rechenpapier handelt. Diese können in dieser Online-Rezension nicht abgedruckt werden. Darum einmal mehr der Rat: Unbedingt lesen und ansehen!

Fazit

Wieder einmal gilt, was bei den meisten Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis konstatiert werden kann: Ein Buch, das zu Recht auf der Liste steht. Es ist witzig, klug, geistreich und originell. Mit viel Empathie schildert Anne Becker hier die Ängste und Nöte eines Jungen, der mit seiner LRS kämpft, stellt aber diese – und gerade das ist so schön! – nicht in den Mittelpunkt der Erzählung. Vielmehr geht es um die erste Liebe, Freundschaft, Rivalität und auch um die Stabilität, die einem Sport im Leben geben kann (das freut auch die Sportlerinnen und Sportler unter den Leserinnen und Lesern!). Eine warmherzig-witzige Lektüre für Kinder ab 11 Jahren, die vielleicht auch gerade das erste Mal verliebt sind.

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung: 13.06.2020


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