von Anna Stemmann

Mit Nach vorn, nach Süden hat Sarah Jäger einen schmissigen Debütroman geschrieben, der ganz unterschiedliche bewährte Elemente des Jugend- und Adoleszenzromans aufgreift, diese vor allem aber auch neu ausrichtet. Entsprechend des Titels spielt die Reisebewegung mit einem Auto eine zentrale Rolle, der Roman ist aber keine klassische Road Novel. Stattdessen ist der Hinterhof eines Penny-Marktes ist Dreh- und Angelpunkt des jugendlichen Miteinanders.

Jäger, Sarah: Nach vorn, nach Süden.
Rowohlt rotfuchs, Hamburg, 2020.
224 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3499002397.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte beginnt nicht zufällig im ersten Satz mit der Beschreibung des wichtigsten Handlungsortes für alle Figuren: "Der Hinterhof vom Penny-Markt ist mehr als ein Hinterhof." (S. 9) Dort treffen sich alle Aushilfen, auch wenn sie gar keine Schicht mehr oder auch einen Tag frei haben. Der Hinterhof ist Sammelstelle, Treffpunkt und Impulsgeber ihres täglichen Lebens. Dass es sich um eine eingeschworene Gemeinschaft handelt, wird nicht zuletzt dadurch markiert, dass jeder einen eigenen Spitznamen erhält. Mit dieser Umtaufe ist man Teil der Gruppe. Die Hauptfigur, und aus ihrer Perspektive erzählende junge Frau, wird von allen nur Entenarsch genannt, womit sie nicht nur wegen der unschmeichelhaften Bedeutung hadert, sondern auch, weil sie sich nicht als vollwertigen Teil der Gruppe wahrnimmt. Detailliert widmet sich der Roman zunächst diesem Mikrokosmos des Hinterhofs, stellt die agierenden Personen in ihrer Schrulligkeit vor, zeichnet komplexe Beziehungsgefüge nach (wer war mal mit wem zusammen?) und deutet an, dass jeder seine eigenen kleinen Päckchen zu tragen hat und Geheimnisse verbirgt. Neben Entenarsch gehören noch Marie, Pavel, Otto, Vika, Can, Marvin und Leroy zur Gruppe, wobei nur Entenarsch konsequent bei ihrem Spitznamen genannt wird und man ihren richtigen Vornamen nicht erfährt. Augenscheinlich am meisten leidet zunächst Marie, deren Freund Jo, der auch der Teil der Pennyhof-Gruppe war, vor sechs Monaten verschwunden ist. Seitdem hat er nur wenige Postkarten von verschiedenen Standorten, immer weiter im Süden Deutschlands, geschickt. Die Suche nach Jo wirft dann auch den narrativen Motor an, denn Marie ist fest entschlossen ihn zu finden. Da Entenarsch die einzige mit einem Führerschein und Auto ist, entscheidet sie sich, die Fahrerin zu spielen. Gemeinsam mit Marie und Can beginnt ihre Suche, die jedoch mangels ihrer Fahrpraxis wortwörtlich nur langsam Fahrt aufnimmt. Es folgen zwei Road Trips mit vollbeladenem uralt Corsa, ein Festivalbesuch und die Auflösung ihrer Suche.

Kritik

Jägers Roman entwickelt einen flotten erzählerischen Ton, der zwar viel Situationskomik und dialogischen Schlagabtausch etabliert, aber nie oberflächlich ist. Die Geschichte aus der Perspektive von Entenarsch zu erzählen, ist ein gelungener narrativer Kniff, da hier eine Figur eine Stimme bekommt, die mit ihrem Platz in der Gruppe hadert. Dass dieses Hadern eigentlich ein Stellvertreter für andere Probleme ist, entfaltet der Text sukzessive im Verlauf. So steht zwar die Suche nach Jo im Vordergrund, treibt die Gruppe an verschiedenste Orte, reiht lustige und skurrile Szenen aneinander, lässt im Hintergrund aber stets eine tiefergehende Reflexionsschleife mitlaufen: Entenarsch ist unzufrieden mit ihrem erst angefangenen Studium, ihren nicht klar umrissenen Lebenszielen und verbirgt außerdem ein großes Geheimnis vor allen anderen. Entlang des Musters der Road Novel, das aber im Aufbau geschickt gebrochen wird, da die kleinere Reisegruppe nach wenigen Tagen bereits heimkehrt, um sich eine Woche später nochmals auf den Weg zu machen, erzählt Jäger geschickt von ihren Figuren und ihren Konflikten. Neben der autodiegetischen Erzählstimme bekommen auch die Nebenfiguren viel Tiefe und es steht nicht allein der Spaß eines jugendlichen Road Trips im Zentrum. So findet der Roman eine gelungene Mischung aus Komik und Ernsthaftigkeit, um von einer Reise zu erzählen, die nicht nur eine Reise durch den Raum ist.

Fazit

Nach vorn, nach Süden ist der perfekte Roman für die Sommerferien-Lektüre für alle Lesenden ab 14 Jahren. Mit viel Verve bewegen sich die Figuren durch die heißen Tage im Juli, feiern und haben Spaß, führen aber auch tiefgründige Gespräche und zeigen sich als interessante Figuren. Diese zeichnen sich dabei durch ihre Diversität und Vielschichtigkeit aus, ohne dass dies aufgesetzt wirkt. Dass es hier auch nicht-weiße und queere Figuren ganz selbstverständlich gibt, ist besonders gelungen.


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