von Kirsten Kumschlies

Peter Pan trifft auf den Zauberer von Oz: In Der mechanische Prinz entfaltet der preisgekrönte Autor Andreas Steinhöfel ein vielschichtiges und raffiniertes Spiel aus intertextuellen Anspielungen und Referenzen und schickt seinen Protagonisten auf eine fantastische Reise zu sich selbst. Keine leichte Kost, sondern ein Roman, der von seinen Leserinnen und Lesern verlangt, sich auf das Spiel mit intertextuellen Verweisstrukturen einzulassen und einige Passagen vielleicht auch mehrfach zu lesen. 

Steinhöfel, Andreas: Der mechanische Prinz.
Carlsen, Hamburg 2003.
271 Seiten. 7,95 €
ISBN 978-3-551-35386-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Max ist "eines der egalste Kinder" (S. 13), das man sich nur vorstellen kann. Seine Eltern kümmern sich nicht um ihn, sondern streiten stattdessen von morgens bis abends und sind damit nur in negativer Weise aufeinander bezogen. Um der Vernachlässigung zu entkommen, flieht Max in das Berliner U-Bahn-Netz, fährt ziellos durch die Gegend und lässt sich treiben. Auf einem dieser Streifzüge schenkt ihm ein einarmiger Bettler ein goldenes Ticket, das ihm den Zugang zu einer fantastischen Welt aus Refugien eröffnet. Diese Gegenwelt befindet sich hinter den U-Bahnhöfen der Stadt. Der Eintritt in die Sekundärwelt ist gleichsam als eine Reise zu sich selbst lesbar, denn Max durchläuft einen Reifungsprozess.

Die fantastische Welt konstituiert sich wie ein Netz aus intertextuellen Versatzstücken: Max reist von Nimmerland in die Sumpflandschaft des Zauberes von Oz, trifft auf eine Reihe merkwürdiger Gestalten, allen voran Tanita, die ihm die Funktion des goldenen Fahrscheins erklärt. Mit ihm, so sagt sie, könne man überall hinkommen. Das gilt nicht nur für ihn, sondern für alle verzweifelten "Kartenkinder"(S. 92), die in den Refugien unterwegs sind. Alle sind sie, so wird der Leserin und dem Leser schnell klar, auf einer Entdeckungsreise ins eigene Herz, und es geht darum, sich seinen Ängsten und Nöten zu stellen, dem Eskapismus zu entkommen. Und irgendwo in dieser Parallelwelt, wartet der mechanische Prinz, der aus hunderten von Bauteilen besteht und Max mit den Worten empfängt: "Ich bin, der ich bin." (S. 148) Gottgleich legt er Max die schwerste Prüfung von allen auf: Er muss sein eigenes Herz finden und retten. Auf seiner Reise wird Max begleitet von seinem Alter Ego Jan, in dem sich all seine Wut ballt und die er schlussendlich überwinden kann.

Eingebunden ist diese fantastische Geschichte in eine Rahmenhandlung, in der Max seine Erlebnisse aus der Sekundärwelt dem Schriftsteller Andreas St. erzählt, der sich schlussendlich nicht als Andreas Steinhöfel, wie man zunächst vermutet, sondern als Peter Pan entpuppt.

Kritik

Der Roman präsentiert sich als hochkomplexes intertextuelles Spiel, das sich aus einer Vielzahl von sich auf Prätexte beziehende Verweisstrukturen konstituiert, wodurch der Text an postmoderne Schreibweisen anschließt (darauf ist in der Literaturwissenschaft häufig hingewiesen worden). Besonders prägnant stechen die expliziten Markierungen von Peter Pan und Der Zauberer von Oz hervor, kinderliterarischen Klassikern, deren Schauplätzen zwei zentrale Refugien nachgebildet sind, in denen Max sich seinen Ängsten und Nöten stellt:

"Der Pfad wurde immer unwegsamer. Der dichte Nebel machte aus den Wurzeln der knorrigen alten Bäume gefährliche Fußangeln. Max fragte sich, ob nur dieser eine Weg durch das namenlose Refugium führte und ob er sie, solange sie ihm treu und standhaft folgten, automatisch an ihr Ziel brachte. Irgendwann hatte er Der Zauberer von Oz gesehen, einen Film, in dem ein Wirbelsturm ein Mädchen namens Dorothy in eine andere Welt verschlagen hatte." (S. 171)

Hier ist die Intertextualität bzw. Intermedialität explizit markiert, aber es finden sich auch intertextuelle Bezüge die weniger leicht zu erkennen sind, zum Grimmschen Märchen Dornröschen, zu Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, den Nightmare on Elmstreet-Horrorfilmen und den Romanen Michael Moorcocks, letzteres insofern, als das Ziel der fantastischen Reise Tanelorn ist. Zudem rekurriert Der mechanische Prinz auf einen anderen Roman von Steinhöfel selbst: Am Ende trifft der fiktive Autor Max am Berliner Pergamonmuseum und erzählt, dass das Markttor von Milet vor ein paar Jahren geklaut werden sollte: "Aber ein paar Kinder kamen dahinter und haben es verhindert" (S. 267), womit er auf Beschützer der Diebe verweist.

Durch dieses autoreferenzielle Spiel in der Rahmengeschichte, in der ein homodiegetischer Erzähler auftritt, der einen Roman mit dem Titel Der mechanische Prinz schreibt und sich Andreas St. nennt, wird der Text erst recht komplex. Die Raffinesse der intertextuellen Struktur kann aber nur der kinderliterarisch versierte Leser wahrnehmen, der die Referenztexte als solche identifiziert.

Ob jugendliche Leserinnen und Leser zu Dechiffrierung dieser Prätexte in der Lage sind, sei dahingestellt. Zu befürchten steht, dass die Verstehenshürden bei diesem anspruchsvollen Roman so hoch sind, dass sie Jugendliche eher überfordern als ansprechen. 

Die Auswahl der Referenztexte ist nicht zufällig, sowohl Peter Pan als auch Der Zauberer von Oz erzählen von kindlichen Individuationsprozessen, wie ihn auch Max bei seiner Reise durch die Refugien durchläuft. Der mechanische Prinz appelliert an ihn, sich seinen Ängsten zu stellen, den eigenen Weg zu finden, eigenständig zu wählen und somit ist Max an die Eigenverantwortlichkeit jedes einzelnen verwiesen. Doch: "Manche Menschen suchen lieber Zuflucht in ihren Ängsten, als dagegen anzugehen. Sie verschanzen sich bis ans Lebensende hinter ihrer Furcht und ihren Zweifeln." (S. 93). Mit Peter Pan und Dorothy im Hintergrund tut Max ebendas nicht – er zieht los und stellt sich, denn: "War je ein Mensch an seiner Angst gestorben? Wirklich gestorben? War es nicht viel wahrscheinlicher, dass man starb, weil einen die Flucht irgendwann so erschöpfte, dass man tot zu Boden sank"“ (S. 175)

Fazit

Der mechanische Prinz verlangt seinen Leserinnen und Lesern hohe literarische Verstehenskompetenzen ab. Erkennt man die intertextuellen Referenzen nicht, bleibt man wohl eher ratlos zurück – fast mehr ein Text für Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler sowie literaturkundige Analytiker als für Kinder und Jugendliche, zudem eine Fundgrube für einen intertextuell ausgerichteten Literaturunterricht in der Sekundarstufe I mit Schülerinnen und Schülern ab 14 Jahren, der sich insbesondere für textnahe Lektüren eignet.

Erstveröffentlichung: 14.07.2020


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