Chmielewska, Iwona: Blumkas Tagebuch

von Mirijam Steinhauser

Zwölf Kinder aus einem jüdischen Waisenhaus in Warschau bekommen in Blumkas Tagebuch ein Gesicht. Mit einer äußerst durchdachten Kombination aus einem schlichten Text und kunstvollen Bildkompositionen setzt die polnische Bilderbuchkünstlerin Iwona Chmielewska ihnen und dem Pädagogen Janusz Korczak ein Denkmal, schmerzlich schön wie ein Wald aus Vergissmeinnicht.

 

Chmielewska, Iwona: Blumkas Tagebuch. Vom Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus.
Gimpel, Langenhagen, 2011.
64 S., 29,90 €
ISBN 9783981130065

 Inhalt

Blumka, ein Mädchen aus Janusz Korczaks Waisenhaus, schreibt ein Tagebuch, in dem sie auch zeichnet und Fotografien einklebt. Eine davon, die zu Beginn des Bilderbuches zu sehen ist, zeigt Korczak gemeinsam mit zwölf seiner Schützlinge, darunter Blumka, die Verfasserin des fiktiven Tagebuches. Zunächst werden die Kinder auf je einer Doppelseite aus der Perspektive des Mädchens vorgestellt, sie selbst zuletzt. Da ist Reginka, das Mädchen mit den kurzen Haaren, das schöner erzählen kann als die Lehrerin. Da ist Hannah, die zerzaust und kratzend ins Waisenhaus kam, sich aber in der Zuwendung Korczaks ändert. Und da ist Stasiek, der immer ein Lächeln auf den Lippen trägt, auch wenn er ein zu kurzes Bein hat. So hat jedes Kind seine eigene, oftmals traurige Vorgeschichte, die insbesondere auf der Ebene des Bildes angedeutet wird, aber auch individuelle Begabungen und Besonderheiten. Zudem werden Beziehungen zwischen den Kindern und zu den sie begleitenden Erwachsenen im Waisenhaus aufgezeigt. So bewegen sich die Figuren über ihre eigenen Seiten hinweg und treten zueinander in Verbindung. Schon in diesem ersten, den Kindern gewidmeten Teil des Buches wird deutlich, welch wichtige Rolle Korczak für sie spielt, wie er ihr Leben bereichert, und wie sie sich gegenseitig stützen, als Geschwister, Freunde und Lebensgenossen. Der zweite Teil des Buches widmet sich dann ganz dem "Herrn Doktor", wie Blumka und ihre Gefährten Korczak nennen. Dieser Mann, der mit den Kindern lebt, wird von ihr in liebevollen Worten und Bildern dargestellt. Zumeist trägt er einen einfachen blauen Arbeitskittel, er hängt für die Kinder die Wäsche auf und putzt ihre Schuhe. Er bringt ihnen Gerechtigkeit bei, indem er ein Kindergericht gründet, vor dem sich auch die Erzieher und er selbst verantworten müssen. In allem, was er tut, zeigt sich, dass für ihn die Kinder am wichtigsten sind, dass sie ein Recht auf Respekt haben, also darauf, "genau so zu sein, wie sie sind".

altKritik

Blumkas Tagebuch arbeitet mit einer hochkomplexen Bildsprache und einem bewusst schlicht gestalteten Text, die auf eine intensive Beschäftigung der Autorin mit Korczaks Leben und Werk verweisen. Dabei ziehen sich gewisse Konstanten durch das Buch hindurch. Zum einen ist da das Motiv des Buchs im Buch: In der oberen Bildhälfte ist angeschnitten das Tagebuch zu sehen. Die Figuren bewegen sich auch über den Rand dieses Buches hinaus und sprengen sogar noch den Rahmen des vorliegenden Bilderbuches.

Zum anderen setzen sich die Bilder aus gezeichneten und collagierten Elementen zusammen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Tinte, zugleich Blumkas Schreibmaterial, und die Seiten eines vergilbten Schreibheftes, die ausgeschnitten und kombiniert mit Zeichnungen, getrockneten Blüten und Ausschnitten aus alten Katalogen oder Büchern zu verschiedensten Bildgegenständen angeordnet werden.

Iwona Chmielewska findet starke Bilder für die Geschichten der Kinder und die Erziehungsideale Janusz Korczaks sowie den geschichtlichen und religiösen Hintergrund. So ist Blumka, die die Kinder durch ihr Schreiben vor dem Vergessen bewahrt, im Bild die Hüterin der Vergissmeinnichtblumen. Es wird gezeigt, wie sie die Blumen mit dem bedeutungsvollen Namen gießt. Aus ihrem geschlossenen Tagebuch fallen getrocknete Blüten heraus und ein Wäldchen von Vergissmeinnicht wächst im hinteren Vorsatz.

Ein einfaches und schönes Bild hat die Künstlerin auch für Korczaks Aussage gefunden, dass Kinder "genauso wichtig sind wie die Erwachsenen und dass "klein" keineswegs "dümmer" oder "schlechter" bedeutet." Sie zeigt hierzu den "Herrn Doktor" und Blumka in exakt der gleichen Größe. Dabei hat das Kleid des Mädchens die blaue Farbe von Korczaks Kittel angenommen, während dieser das Blumenmuster des Kleides trägt.

Leitmotivisch und sehr behutsam sind Hinweise auf den jüdischen Hintergrund eingefügt. So bilden zersplittertes Fensterglas, Bienenwaben und Körner Davidsterne und Blumkas Schreibfeder wird am Ende zum Torazeiger, der auf einen gezeichneten Güterwaggon und damit auf das traurige Ende der Kinder verweist.

Doch auch, wenn man all diese Hinweise nicht entdeckt, kann man die Grundaussage des Buches verstehen. Es zeigt in Korczak einen radikal humanistischen Pädagogen, dessen Leben in seinem letzten Gang, der ihn und die Kinder nach Treblinka und damit in den Tod führte, letztlich seine rigorose Konsequenz fand. Und es stellt dem Leser zwölf Kinder vor, die in seiner Umgebung aufblühen konnten, bevor ihre kurzen Leben gewaltsam beendet wurden.

Fazit

Wer dieses Buch mit Kindern liest, muss mutig und einfühlsam genug sein, auch über das Ende der Kinder und ihrer Begleiter zu sprechen, das im Buch nur angedeutet wird. Mit Blumkas Tagebuch hält er dafür ein hervorragendes Werkzeug in Händen, das in seiner künstlerischen und literarischen Durchdachtheit zugleich mehr ist als das. Zu bedauern ist, dass dieses Buch von der Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012 nicht bis zum Preis in der Sparte Bilderbuch gelangt ist, verdient hätte es ihn.

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