rezensiert von Gerd Klingeberg

In seiner Schule muss der 13-jährige Noël nach einigen unliebsamen Begebenheiten mit sofortigem Rauswurf rechnen. Da folgt er lieber den zunächst noch gänzlich unverständlichen Hinweisen verschiedener Tiere. Und findet sich nach einer lebensgefährlichen Seereise schließlich mitten auf einer von sechs geheimnisvollen Inseln irgendwo im weiten Ozean. Was dort an sonderbaren Erlebnissen, Gefahren und Prüfungen unter allerhand vermeintlich wilden, aber sehr kommunikativen Tieren auf ihn wartet, wird in einer spannungsreichen Geschichte erzählt…

Mayer, Gina: Internat der bösen Tiere – Die Prüfung.
Mit Illustrationen von Clara Vath.
Ravensburger Verlag, Ravensburg 2020.
290 S., 14,99 €.
ISBN 978-3-473-40842-9.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Es läuft nicht besonders rund im Leben des 13-jährigen Noël. Gleich nach seiner Geburt hat ihn seine Mutter bei ihrer Schwester abgegeben und ist seither nie wieder aufgetaucht. Die Tante liebt zwar ihren Neffen, aber kommt oft nicht klar mit ihm, vermutet sogar bisweilen etwas undefinierbar Böses in ihm. In der Schule wird er gemobbt, es gibt dort ebenfalls Schwierigkeiten zuhauf, etwa dadurch, dass Noël ungewollt einen Brand verursacht. Als ihm wieder einmal alles zu viel wird, hat er plötzlich den Eindruck, dass ihn ein sonderbarer Hund zum Frachthafen bestellt habe. Noël hat zwar nicht die geringste Ahnung, was das bedeuten soll, aber er folgt dieser eigentümlichen Aufforderung. Im Hafen läuft ihm eine Ratte über den Weg, die ihm unmissverständlich verdeutlicht, dass er ein bestimmtes Schiff besteigen solle, das nach Übersee unterwegs ist. Er versteckt sich in einem Container, stiehlt nachts Nahrungsreste, um nicht zu verhungern. Die Ratte ist immer in seiner Nähe und erzählt ihm schließlich, dass er zu den Inseln der bösen Tiere gebracht werden solle. Nach etlichen Tagen auf See wird Noël von der Besatzung entdeckt. Kurzerhand springt er über Bord, so wie es ihm die Ratte geraten hat. Beinahe ertrunken, geleitet ihn ein Schwarm Haie ans Land, direkt zu den Inseln der bösen Tiere. Tagelang liegt er im Koma. Eine sprechende Gorilladame ist seine Krankenschwester, ein Skorpion führt ihn später über die Inseln. Und dann muss sich Noël bei der Direktorin des dortigen Internats, der Würgeschlange Mrs Moa, vorstellen. Mehr und mehr hat Noël das Gefühl, genau hierher zu gehören. Um auf den Inseln bleiben zu dürfen, muss er allerdings zunächst die Verständigung mittels Gedankensprache perfekt beherrschen. Und es gilt, eine schwere Prüfung zu absolvieren – und sich dabei gegen einen sehr starken Mitkonkurrenten durchsetzen. Doch diesmal will Noël nicht einfach abhauen und klein beigeben...

Kritik

Dass in einer kurzen Personenbeschreibung der Autorin Gina Mayer (am Ende des Buches) explizit auf deren umfassende, bereits von früher Kindheit an bestehende Tierliebe hingewiesen wird, die über übliche Kuscheltiere hinaus auch ungewöhnliche Arten wie Geier, Gottesanbeterinnen oder Würgeschlangen einbezieht, dürfte einigen Aufschluss im Hinblick auf die Konzeption ihres Buches geben. Die darin erwähnten Tiere gehören zu ganz unterschiedlichen Spezies; sie werden auch zunächst in ihren üblicherweise zugeschriebenen Eigenschaften geschildert – was sich stimmig in Noëls "normaler" Reaktion (Ekel, Angst, Entsetzen o.dgl.) niederschlägt. 

Allerdings besitzen die Tiere als fantastisches Element eine ganz besondere Eigenschaft: Sie können verbal in einer universalen, d.h. allen verständlichen "Gedankensprache" untereinander oder mit Menschen kommunizieren. Wann immer im Buch eine derartige wörtliche Rede per Gedankensprache erfolgt, ist sie im Schriftbild zur Verdeutlichung kursiv gesetzt.

Noël ist den Tieren gegenüber dabei anfangs sogar im Nachteil; denn er kann zwar – warum auch immer – plötzlich diese Gedankensprache verstehen, nicht aber sprechen. Und auch die gesprochene Kommunikation der Menschen untereinander ist infolge unterschiedlicher Sprachen leider nicht immer gewährleistet.

Auffällig ist, dass bei den im Buch erwähnten Tieren keine simple Kategorisierung in „böse“ oder „gut“ erfolgt; zudem werden derartige Werturteile bisweilen sogar mit überraschendem Ergebnis auf den Kopf gestellt:

"Ich habe mich vor dir geekelt", piepste Nummer 29 [die Ratte]. "Menschen sind für uns Ratten nicht sehr appetitlich." [...]
"Na ja, normalerweise ist es andersrum", erklärte Noël. "Wir Menschen finden Ratten eklig."
"Aber dafür gibt es nun wirklich keinen Grund", entgegnete Nummer 29 empört. "Wir Ratten sind reinliche Tiere. Ihr Menschen lasst überall euren Müll liegen. Wenn wir nicht für euch aufräumen würden, wäre die Welt ein einziger Abfallhaufen. Alles voller Dreck und Essensresten."
"So habe ich das noch nie gesehen", gab Noël zu. (S. 79, 80)

Diese auch von der Erzählinstanz vertretene Sichtweise kann durchaus als der Aufruf zu einem differenzierten Verhalten gegenüber allen anderen Mitgeschöpfen angesehen werden, bei dem zudem die (vermeintlich) uneingeschränkte Vorrangstellung des Menschen zumindest hinterfragt wird.

"Viele Tierarten sind hier vertreten. Jede Art und jedes Wesen bringt seine speziellen Fähigkeiten mit. […] Wir lernen zuerst unsere eigenen Stärken kennen und dann teilen wir sie miteinander, das ist das Prinzip der Schule. […] Wir legen großen Wert auf vielfältige Beziehungen. Auf Freundschaften zwischen den Arten." (S. 122)

Mit solchen, im Buch auf unterschiedliche Weise immer wieder erfolgenden Aussagen wird eindeutig Stellung gegen jede Art von Diskriminierung bezogen. Wenn dennoch von den "Inseln der bösen Tieren" (S. 125, 126) die Rede ist, so wird dies im Text treffend dahingehend korrigiert, dass dies eine von außen zugeschriebene, abwertende Bezeichnung sei, während es sich korrekt eigentlich um die "geheimen Inseln" handelt. 

Als weiterer Aspekt wird das Verhalten in Ausnahmesituationen thematisiert, wodurchjugendliche Leser und Leserinnen ermutigt werden, sich ihren Ängsten – die im Buch quasi stellvertretend durch gefährliche Tiere verkörpert werden – zu stellen, so wie dies bei Noël geschieht. Dazu gehört auch der Mut, niemals aufzugeben, der zudem durch freundschaftlichen Zuspruch wirkungsvoll unterstützt werden kann:

"Du darfst niemals, NIEMALS aufgeben, Noël!“ […] Nummer 8 hatte recht. Man musste seine Chance nutzen, auch wenn man keine mehr hatte." (S. 250)

Die Selbstverständlichkeit, mit der die fantastischen Eigenschaften der Tiere geschildert werden, lassen diese nahezu real erscheinen. Zweifellos handelt es sich bei einem derartigen Geschehen – bei dem etwa eine Würgeschlange (Mrs Moa) als Internatsdirektorin, eine Gorilladame (Liubu) als Krankenschwester, eine Tarantel (Poison) als Führerin sowie weitere sprechende Tierarten in Aktion treten – um eine fantastischeSzenerie. Interessant ist jedoch, dass diese nicht durch den in der Literatur häufig verwendeten Einsatz von  fantastischen Gestalten  gekennzeichnet ist, sondern sich lediglich – wenngleich in stark überhöhtem Maße – eines Phänomens bedient, dass jedem Tierhalter bekannt sein dürfte: nämlich dass sich viele Tiere sehr wohl nonverbal, also durch Gesten und eben auch per "Gedanken" mitzuteilen vermögen. Auf ein spezifisches Übergangsmotiv kann folgerichtig verzichtet werden; allenfalls die Verständigung mittels Gedankensprache könnte hier angeführt werden.

Die histoire wirkt insgesamt noch etwas unausgewogen; die Vorgeschichte des Protagonisten Noël nimmt einen recht großen Raum ein. Die Vielzahl angeführter (Tier-)Figuren mit teils exotischen Namen fordert einiges an Aufmerksamkeit vom Leser bzw. der Leserin. Berücksichtigt werden muss dabei, dass das Internat der bösen Tiere von vornherein als Buchserie angelegt ist. Eine Leseprobe des 2. Bandes findet sich daher bereits am Ende des 1. Bandes. Manche Unklarheiten dürften vermutlich in den Folgebänden aufgelöst werden.
Einige wenige Illustrationen markieren die Kapitelanfänge. Als Besonderheit sei der durchbrochene vordere Umschlag erwähnt, der im Durchblick die intensiv auf den Betrachter blickenden stahlblauen Augen eines Leoparden (der im Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt) zeigt. 

Fazit

Die ungewöhnliche Konzeption mit besonders befähigten Tieren, dazu der locker lesbare, spannend aufgebaute Text, nicht zuletzt aber auch die gut vermittelten pädagogischen Statements machen Internat der bösen Tiere zu einem echten Bestseller-Kandidaten im Bereich der Jugendliteratur. Das Buch ist (bezogen auf den 1.Band) uneingeschränkt geeignet für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren, die sich gerne mal auf literarische Abenteuerreise begeben.


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