Boyne, John: Der Junge im gestreiften Pyjama

von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Ausschwitz aus der Sicht eines naiven, neunjährigen Jungen: Der Sohn des Lagerkommandanten freundet sich mit einem jüdischen Jungen "hinter dem Zaun" an und begreift nicht, was um ihn herum geschieht. Ein preisgekröntes literarisches Wagnis, das der All-Age-Literatur über den Holocaust zuzuordnen ist.

Boyne, John: Der Junge im gestreiften Pyjama.
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2007.
270 S., 7,95 Euro
ISBN 9-78596-806836

Inhalt
Berlin 1942: Bruno lebt mit seiner Mutter, seinem Vater, einem ambitionierten SS-Offizier, und seiner Schwester Gretel inmitten des Dritten Reiches, ohne von den Geschehnissen außerhalb seines kindlich-familiären Universums viel mitzubekommen. Das mag erstaunen, wo der Vater doch in engem Kontakt zum Führer steht, der mit Brunos kindlicher Sprache im Text stets als der "Furor" bezeichnet wird. Der Junge trotzt allen Versuchen der sprachlichen Berichtigung und bleibt seiner naiven Perspektive verhaftet: Für ihn zählt nur die Spielwelt mit den Freunden. Es fällt ihm leicht, seine Weltsicht hierauf zu beschränken, da die Eltern und Großeltern jedes offene Gespräch über die aktuelle politische Situation mit ihren Kindern verweigern. Das gilt auch in dem Moment, als Brunos Welt ins Wanken gerät: Der Vater wird zum Lagerkommandanten nach Ausschwitz berufen, die Familie muss Berlin verlassen und nach Polen ziehen. Bruno ist bestürzt und traurig, vermag es jedoch weiterhin, die schrecklichen Ereignisse des Dritten Reichs auszublenden. Das manifestiert sich nicht zuletzt dadurch, dass er auch den Namen seines neuen Zuhauses stets falsch ausspricht und es durchgehend "Aus-Wisch" nennt, allen Korrekturversuchen der etwas älteren Schwester zum Trotz. In der ersten Zeit fühlt sich Bruno sehr einsam in dem neuen Haus, in dem Soldaten ein und aus gehen und insgesamt eine düstere Atmosphäre vorherrscht, die geprägt wird von der Autorität des Vaters. Bruno sehnt sich zurück nach Berlin, zumal auch das Verhältnis zu seiner dreizehnjährigen Schwester nicht gut ist: Für Bruno ist Gretel "ein hoffnungsloser Fall" und gewiss keine Spielkameradin oder Verbündete in der Fremde. Im Gegenteil: Gretel scheint sich schnell der neuen Umgebung anzupassen und flirtet mit dem in Brunos Augen brutalen Oberleutnant Kotler. So erkundet Bruno allein die neue Umgebung und lernt bei seinen Streifzügen Schmuel kennen, den Jungen im gestreiften Pyjama.

Die Lagerinsassen kann Bruno von seinem Fenster aus sehen, ohne zu verstehen, was hier tatsächlich vor sich geht. Er stellt sich vor, dass die Leute auf der anderen Seite des Zauns ein lustiges Leben führen und beneidet die Kinder um ihre vermeintlichen Spielkameraden. Nachfragen an den Vater, was es mit den Leuten in den gestreiften Anzügen auf sich habe, werden lapidar beantwortet, mit der Aussage, das seien eigentlich gar keine richtigen Menschen (vgl. S. 69). Und auch als Bruno anfängt sich Tag für Tag mit Schmuel am Zaun zu treffen, öffnen sich ihm nicht die Augen für die grauenhaften Geschehnisse in seiner nahen Umwelt. Dabei werden ihm die täglichen Unterhaltungen mit Schmuel zum Lebenselixier in der Fremde. Zwischen den Jungen entwickelt sich eine sensible, tiefsinnige Freundschaft, die von den täglichen "Zaun-Gesprächen" getragen wird. Da Schmuel jedoch immer nur in Andeutungen berichtet, was sich im Lager abspielt, schafft Bruno es, weiterhin vom Grauen hinter dem Zaun unberührt zu bleiben.

Am Ende hat sich Brunos Mutter durchgesetzt und den Vater überzeugt, dass Ausschwitz nicht der geeignete Ort für eine Familie ist. Sie wollen zurück nach Berlin gehen. Doch der Entschluss kommt zu spät und unglückliche Umstände führen dazu, dass Bruno seinen Freund in die Gaskammer begleitet getragen von der naiven Idee, nur einmal mit ihm spielen zu können – denn die Grausamkeit kann nicht sein.

Bruno ist nicht hellhörig geworden – nicht, als er sieht, dass Schmuel immer dünner wird und vor Hunger zu sterben scheint, nicht, als der jüdische Arzt, der als Kellner bei der Kommandantenfamilie arbeitet, verschwindet, nachdem er versehentlich Wein verschüttet und dabei den Oberleutnant getroffen hat. Dessen Reaktion wird ebenso wenig geschildert wie die Lebensbedingungen von Schmuel und der anderen Lagerinsassen.

Der Vater kann am Ende des Romans rekonstruieren und erkennt, dass er seinen eigenen Sohn umgebracht hat.

Kritik
Im Roman ist vom Krieg nie die Rede, was Juden sind, weiß der kindliche Protagonist nicht. Niemals gebraucht der Text brutale Ausdrücke, die schrecklichen Ereignisse werden immer nur angedeutet oder nicht zu Ende erzählt, stets konsequent an den Tonfall und den Erfahrungshorizont des neunjährigen Bruno gebunden. Blendet er die Ereignisse bewusst aus, fragt sich der Leser an mancher Stelle. Kann ein Kind tatsächlich so naiv sein?

Wer den Roman mit dem Anspruch an eine realistische Darstellung der Geschichte liest, muss zwangsläufig scheitern. Nicht ohne Grund trägt das Buch den Untertitel „eine Fabel“. Hier geht es nicht um eine historisch denkbare Darstellung des Holocaust, denn die allzu naive Weltsicht des Protagonisten verbietet eine solche Lesart. Vielmehr liegt hier eine Erzählung vor, deren Figuren ansatzweise märchenhafte Züge tragen. Oder gab es im Dritten Reich tatsächlich so naive Kinder wie Bruno? Ist der Protagonist womöglich Opfer seiner Sozialisation und autoritären Erziehung? Oder blendet er die grausamen Ereignisse unterbewusst aus, um überleben zu können? Ist er vielleicht ein Held, ohne es zu wissen? All dies sind Fragen, die beim Einsatz des Textes im Literaturunterricht in den Fokus rücken können. Der Roman überzeugt durch sein hohes didaktisches Potenzial: Ab Klasse 9 eignet sich der Text hervorragend für den Einsatz im Unterricht (vgl. das empfehlenswerte Unterrichtsmodell von Tilman von Brand: Die Lücke im Zaun. In: Praxis Deutsch 224/ 2010. S. 42- 51).


Fazit
Sicherlich kann man dem Roman Beschönigung und Verfälschung der historischen Realität vorwerfen. Doch da diese "Fabel" keinen realistischen Anspruch verfolgt, ist diese Kritik nicht haltbar. Es handelt sich um einen großen literarischen Wurf, der sowohl jugendliche als auch erwachsene Leser mit Sogwirkung in seinen Bann zu ziehen vermag. Einmal angefangen, lässt sich das Buch kaum noch aus den Händen legen. So eindringlich ist der Erzählstil, so bestechend die Erzählperspektive, einschließlich der kindlich-naiven Wortwahl.
Ein Märchen von der Menschlichkeit, angesiedelt an einem Ort, wo es kaum Menschlichkeit gab.

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