von Isabel Remigius

In seinem Jugendroman Kurve kriegen – Roadtrip mit einem Wolf (2020) erzählt der Autor und Illustrator Hans-Jürgen Feldhaus die Geschichte einer irrwitzigen Reise quer durch Europa mit dem Ziel, einen geklauten Wolf auszuwildern. Mit viel Humor und einer Spur Tiefsinn versehen, wird die Reise nicht nur für Jugendliche zu einer interessanten Sommerlektüre, sondern eignet sich auch für erwachsene Leserinnen und Leser.

Feldhaus, Hans-Jürgen: Kurve kriegen - Roadtrip mit Wolf
dtv Junior, München 2020.
288 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-3-423-74054-8.
Ab 12 Jahren geeignet

Inhalt

Es soll der großartigste Sommer seines Lebens werden – ohne Eltern zum Camping an die Tauber, in Begleitung seines besten Freundes Leander und seiner Freundin Lea. Doch für den 14-jährigen Vincent Kramer kommt es anders als geplant. Nachdem Lea ihn verlassen hat und sich herausstellt, dass sie jetzt mit seinem besten Freund zusammen ist, schließt Vincent sich kurzentschlossen der optimistischen, aber chaotischen Betty an, die mit einem alten Bulli nach Sardinien möchte. Doch Leander will seinen Freund nicht allein lassen und kommt ebenfalls mit. Auf ihrer Reise begegnet das ungleiche Trio nicht nur der aufbrausenden Kellnerin Freddy und dem talentlosen Maler Ruben, die sich ihnen anschließen, sondern auch dem als Haustier gehaltenen Wolf Wolfgang. Kurzerhand wird dieser von der Gruppe entführt, da sie ihm ein besseres Leben in Freiheit ermöglichen wollen. Ein verrückter Roadtrip quer durch Europa beginnt, bei dem die Tatsache, dass Wolfgang sich (zuerst) nicht auswildern lassen will, nicht das einzige Problem bleibt. Ein aufgebrachter Chef, ein verschwundenes Meerschweinchen, wütende (Wolfs-)Hundebesitzer und klauende Hippies sind nur einige Beispiele für die Hindernisse auf ihrer Reise. Doch am Ende finden die Reisenden etwas, von dem sie nicht wussten, dass sie es gesucht haben.

Kritik

Feldhaus gelingt mit Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf eine Mischung aus Coming-of-Age- und Roadnovel. Während die jungen Protagonistinnen und Protagonisten zu Beginn des Romans mit typischen Problemen der Pubertät zu kämpfen haben, wie z.B. Liebeskummer oder Identitätskrisen, können sie auf ihrer turbulenten Reise in der Mittelmeerregion ihre Probleme mit jedem gefahrenen Kilometer mehr überwinden und kommen so nicht nur wohlbehalten in Cannes an, sondern auch bei einer erwachseneren Version ihrer selbst. Ähnliche sinnstiftende Reisen erleben auch Maik und Andrej in Wolfgang Herrndorfs Tschick oder der Freundeskreis um Rike in Tamara Bachs Busfahrt mit Kuhn.

Die Geschichte des Sommers wird dabei rückblickend von der Hauptfigur Vincent in seiner Ich-Perspektive erzählt. Die Erzählstimme bewegt sich damit nah am Erfahrungshorizont junger Leserinnen und Leser. Dramaturgische Spannung wird außerdem erzeugt, denn Vincent macht proleptische Andeutung und Bemerkungen zu Ereignissen, die erst noch eintreten werden, kündigt diese an und macht die Rezipientinnen und Rezipienten neugierig darauf, was noch passieren wird.

Humor spielt eine wichtige Rolle für die Erzählung und macht es möglich, auch diverse Themen, wie zum Beispiel Liebeskummer oder Zukunftspläne der Reisenden darzustellen, ohne dass es den jungen Leserinnen und Lesern unangenehm oder peinlich sein müsste. Feldhaus´ Werk wird für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen, wobei es fraglich ist, ob die junge Zielgruppe schon alle Witze der Erzählung verstehen kann. Wenn zum Beispiel in einer Aussteiger-Hippie-Kommune in den Bergen von Korsika abends bei Didgeridoo-Musik am Lagerfeuer über Haftpflichtversicherung gesprochen wird,

„‘Du bist was?‘ Und Michi ganz selbstverständlich zurück: ‚Haftpflichtversichert!? Kann ja immer mal was passieren, hm?!‘ […] ‚Ach so – wo! Bei der ERGO‘ Chewbacca überlegt und murmelt: ‚Kenne ich nicht!‘ Und Michi jetzt im Plauderton: ‚Du, das ist klar. Die hießen ja auch früher anders.‘ ‚Hamburg-Mannheimer hießen die!‘, ergänzt die Lady mit dem Tattoo zwischen den Augen.“ (S. 180 f.)

oder eine vermeintlich gefährliche Motorrad-Rocker-Gruppe sich über Blumenaufkleber auf Spülmittelflaschen streitet,

„‘Vielleicht könnt ihr ja da überall ein paar Prilblumen draufkleben. Dann sieht man die Macken nicht so.‘“ (S. 191),

erheitern diese Antinomien eher erwachsene Leserinnen und Leser. Durch diese Doppelsinnigkeiten kann Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf auch für Erwachsene ein Lesevergnügen werden.

Für die eigentliche Zielgruppe des Romans sind u.a. die Dialoge der Figuren und Vincents Gedanken amüsant. Feldhaus´ umgangssprachlicher Schreibstil passt sich gut der Lebenswelt von jungen Leserinnen und Lesern an. Seine Dia- und Monologe sind von Kraftausdrücken, Schimpfwörtern, Kosenamen und Dialekten geprägt. Durch sogenannte „Typotaphern“, üblicherweise ein Merkmal von Bilderbüchern und weniger von Romanen (vgl. Kurwinkel 2017, S. 152 ff.), werden Ausrufe und Betonungen im Schrifttext in Form von Fett- oder Kursivdruck hervorgehoben. Die Typotaphern sind wohl dosiert und behindern nicht den Lesefluss, vielmehr sorgen sie dafür, dass die Dialoge für die Rezipientinnen und Rezipienten erlebbar werden.

Darüber hinaus entsteht die Komik des Romans hauptsächlich über die zum Teil skurrilen und überspitzt gezeichneten Figuren, wie zum Beispiel Betty, die leider über keinerlei Orientierungssinn verfügt und deshalb die Gruppe im Bulli nach Korsika statt nach Sardinien fährt oder der Schweizer Thomas B., der der Gruppe seinen alten Bus für die Reise leiht und sich dann Toblerone und Bircher Müsli essend immer wieder nach dem Zustand seines Oldtimers erkundigt.

Auch die Handlung der Geschichte ist an vielen Stellen skurril und unglaubwürdig. Auf der Reise passieren fast schon zu viele Missgeschicke, entstehen zu viele Missverständnisse und der Gruppe stehen zu viele Hindernisse im Weg. Auch die Verhaltensweisen der Figuren sind nicht immer stimmig.

Unterstützt wird der Schrifttext des Buches Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf von kleinen Skizzen des Autors Feldhaus, der neben seiner Arbeit als Schriftsteller auch als freier Illustrator tätig ist. Fast auf jeder Doppelseite befindet sich mindestens eine dieser Zeichnungen. Sie erfüllen verschiedene Funktionen im Roman. So werden durch die Skizzen den Betrachterinnen und Betrachtern zum einen Bilder der Figuren gezeigt und diese so hinsichtlich ihres Aussehens charakterisiert. Skizzierte Landkarten und Umgebungen helfen den Leserinnen und Lesern zum anderen, die Reiseroute der Gruppe nachzuvollziehen und sich die beschriebenen Orte besser vorstellen zu können. Besonders witzige oder wichtige Szenen werden ebenfalls durch die Skizzen hervorgehoben, somit wird die Komik des Buches zum Teil auch über den Bildtext transportiert. Generell stehen die Skizzen in einem „symmetrischen Verhältnis“ zum Schrifttext (Nikolajeva & Scott 2006, S. 14), sie zeigen also ungefähr die gleichen Inhalte, die vorab beschrieben wurden. Trotzdem wirken die Zeichnungen nicht überflüssig, sondern fügen sich gut in den Roman ein und vermitteln den Leserinnen und Lesern, im wahrsten Sinn des Wortes, ein treffendes Bild von Vincents Sommer, denn die Skizzen wirken fast wie Urlaubsfotos des Roadtrips.
Durch das Auflockern des Schrifttextes mit seinen Skizzen bleibt Feldhaus seinem eigenen Stil treu. Auch in anderen Werken von ihm, wie zum Beispiel Fünf auf Crashkurs, Echt durchgeknallt! oder Zwei Checker, kein Plan, Quinn & Spencer lassen sich ähnliche Zeichnungen finden. Sie ähneln alle den Abbildungen, dem Stil von Comics. Damit reihen sich Feldhaus´ Werke auch in die Reihe der Comic-Romane ein, wie zum Beispiel die 15-teilige Reihe Gregs Tagebuch von Jeff Kinney.

Fazit

Mit einer Mischung aus Coming-of-Age- und Roadnovel ist Feldhaus mit Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf eine lustige und kurzweilige Unterhaltungslektüre für den nächsten Sommerurlaub gelungen. Mit den im Roman angesprochenen Themen wie erste Liebe, Freundschaft, Liebekummer, Unabhängigkeit und Zukunftsplänen richtet sich Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf unmittelbar an jugendliche Rezipierende. Auch Feldhaus´ umgangssprachlicher Schreibstil passt zur Lebenswirklichkeit von jungen Menschen und sorgt so für einen zügigen Lesefluss und eine Identifikation mit den Figuren der Erzählung. Geeignet ist die Geschichte daher für Leserinnen und Leser ab dreizehn Jahren. Die Altersempfehlung ist nach oben hin nicht beschränkt, wenn man über die zum Teil sehr unrealistischen Begebenheiten auf der Reise hinwegsehen kann, bietet Kurve kriegen – Roadtrip mit Wolf auch für erwachsene Leserinnen und Leser einen gewissen Unterhaltungswert.

Literatur

Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik – Ästhetik – Didaktik. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2017.

Nikolajeva, Maria & Scott, Carole: How Picturebooks Work. New York: Routledge, 2006.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Erstveröffentlichung: 05.02.2021                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Februar 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28