Crockett, Sophie D.: Nach dem Schnee

von Dr. phil. Sabine Planka

Europa ist unter einer Schneedecke gefangen, Asien und Russland beherrschen die Welt. Das Überleben in dieser dystopischen Welt ist hart, wenn man keinen Pass besitzt, um sich legal in den Städten aufzuhalten. Willo, der mit seiner Familie im Wald gelebt hat und dort mühsam über die Runden gekommen ist, muss genau das erfahren, als seine Familie von der Regierung abtransportiert wird und er sich auf die Suche nach ihnen macht.

Crockett, Sophie D.: Nach dem Schnee.
A.d. Engl. v. Klaus Fritz.
dtv, München 2012.
303 S., 14,90 €
ISBN 978-3-423-24936-2

Inhalt
Willo lebt mit seinem Vater, dessen Lebensgefährtin und seinen Geschwistern im Wald, versteckt vor der Regierung und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Familie hat gelernt, im Einklang mit der Natur zu leben. Tiere werden gejagt, Fell und Fleisch entweder selbst genutzt, verkauft oder getauscht. Eines Tages, als Willo im Wald wieder Hasenfallen gestellt hat, hört er, dass seine Familie von der Regierung abtransportiert wurde. Er macht sich auf die Suche, zunächst in dem Glauben, dass der Farmer, der Willos Schwester geschwängert und zu sich auf die Farm geholt hat, an dem Verrat an Willos Familie Schuld hat. Auf seinem Weg dorthin trifft er auf das Mädchen Mary, die sich zusammen mit ihrem erkrankten Bruder Tommy in einer Hütte verschanzt hat. Zunächst überlässt er die beiden sich selbst, sein schlechtes Gewissen in Form eines imaginären Hundes lässt ihm allerdings keine Ruhe und er geht am nächsten Tag zur Hütte zurück. Doch Tommy ist bereits verstorben, nur noch Mary lebt noch. Die Leiche, die neben der Hütte liegt, interpretiert Willo als den Vater der beiden Kinder.

Willo nimmt Mary mit, zumal sich vor der Hütte nun auch ein Rudel Wölfe versammelt hat, und will sie zur Straße bringen, damit sie wieder in die Stadt zurück kann. Mary weigert sich zunächst, hat aber Angst, im Wald allein zurückzubleiben. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als Willo zu folgen. Auf dem Weg zu Straße werden sie von einem Schneesturm überrascht, der die beiden zwingt, in einem Waldstück Schutz zu suchen. Als Willo auf der Suche nach einem geeigneten Platz ist, um eine Hasenfalle zu stellen, findet er eine Leichengrube, über die sich gerade Kannibalen hermachen. In Panik erkennt er, dass die Kannibalen auch bereits Mary gefunden haben. Zusammen mit Mary kann er aus dem Wald flüchten, beide werden jedoch von einem Kannibalen verfolgt. Sie gelangen zur Straße, auf der in diesem Moment ein Lastwagen der Regierung vorbeifährt. Er bremst und die Frau, die aus dem Führerhaus springt, erschießt vor den Augen Willos ihren Verfolger.

Wohl oder übel muss nun auch Willo mit in die Stadt, obwohl er das nie gewollt hat. In der Stadt angekommen werden die beiden Kinder sich selbst überlassen, und hier zeigt sich, dass es diesmal Mary ist, die Willo durch die verwinkelten Slums führen kann, während ihr Willo im Wald eine große Hilfe war. Beide finden einen Schlafplatz für die Nacht, doch Willo ist noch immer beherrscht vom Gedanken an seinen Vater und seine Familie. Er verlässt Mary und macht sich wieder auf die Suche. Doch statt seiner Familie gelangt er zu dem alten Jakob und seiner Frau, die ihm für die nächsten fünf Wintermonate ein Heim geben, als sie erkennen, dass Willo Pelze zu wahren Kunstwerken zusammennähen kann. Egal ob Mantel, Handschuhe oder Stiefel, Willo näht die Einzelteile nach den Schnittmustern Jakobs zusammen. Doch seine Familie kann er nicht vergessen. Durch Dorothy, deren Mantel Willo genäht hat, erhält er die Möglichkeit von einem Kontaktmann zu erfahren, was mit seinem Vater passiert ist. Doch bevor er die Informationen erhält, werden er, der Kontaktmann und Dorothy gefangen genommen – ausgerechnet von Patrick, der sich ein halbes Jahr bei Willo und seiner Familie aufgehalten hat und sich nun als Spion der Regierung entpuppt. Und auch Willos Vater ist nicht der, der er für Willo war: Willos Vater war John Blovyn, Anführer einer Widerstandsgruppe und Autor eines Buches, das bei allen aufgespürten Widerständlern gefunden wurde und der über die Freiheit und eine neue, bessere Welt philosophierte. Dieses Buch, das der Regierung ein Dorn im Auge ist, hat schlussendlich dazu geführt, dass Willos Familie in die Berge gezogen ist und sich vor der Regierung versteckt hat.

Willo kann aus der Gefangenschaft fliehen und kehrt zurück in den Wald, wo er auf eine Gruppe Ponymänner trifft, die ihm für eine Nacht einen Schlafplatz und etwas zu Essen anbieten. Am nächsten Morgen geht Willo weiter auf der Suche nach dem Schiff, von dem alle Widerständler, v.a. aber Dorothys Kontaktmann gesprochen haben und das sie über das Meer in den Westen bringen soll. Auf diesem Weg trifft Willo Mary wieder, die ihm erzählt, dass ihr Vater nicht tot sei, sondern auf der Suche nach John Blovyns Sohn. Willo gibt sich als ebendieser Sohn zu erkennen, sagt ihr aber auch, dass ihr Vater in seinem Beisein verstorben ist.

Anstatt das Schiff zu besteigen und in den Westen zu fahren, beschließen Willo und Mary, in den warmen Süden zu gehen. Sie erkennen, dass das Buch von Willos Vater nicht die Suche nach einem neuen Land war, sondern dass diese Neuerungen in dem Menschen und dessen Gedanken selbst schlummern und nur der Mensch selbst die Welt ändern kann – nicht durch Flucht, sondern dadurch, dass er selbst sein Leben ändert.

Kritik
Das Buch zeigt eine dystopische Welt, in der das Einzelschicksal Willos und seine Suche nach seiner Familie im Vordergrund stehen. Er trifft auf Menschen, die ihm ohne Gegenleistung helfen, er trifft aber auch Leute, die Gegenleistungen verlangen, die er aber nicht immer bereit zu geben ist. Willo als 'Waldmensch' – im Buch werden er und seine Familie Wanderer genannt, später zeigt sich, dass diese Wanderer dem Widerstand angehören – wird kontrastiert mit Mary als Stadtkind, die nur mit Willos Hilfe im Wald überleben kann. Der Kontrast funktioniert aber auch umgekehrt: Ohne Mary ist Willo in der Stadt verloren, er bewundert sogar ihre Fähigkeiten, sich in der Stadt zurechtzufinden.

Willo schildert als Protagonist das Geschehen aus seiner Perspektive, so dass eine homodiegetische Erzählperspektive vorliegt, in der Willo als Ich-Erzähler auftritt. Die Authentizität, die so vermittelt wird, wird zusätzlich gesteigert durch die Tatsache, dass Sophie D. Crockett Willo umgangssprachlich reden lässt – was dem Übersetzer gelungen ist, ins Deutsche zu übertragen. Die Sätze, die Willo sagt, erscheinen nicht geschliffen oder besonders wohlüberlegt; Willos Gedanken werden 'ungefiltert' zu Papier gebracht: "Großer Hund springt aus dem Schnee. Mächtig überrascht ist der, weil ich laut in den Himmel brüll und mit diesen Fackeln rumfuchtle. Richtig groß und laut und fies muss ich sein, weil Hunde spürn das. […] Ich weiß, dass er direkt auf mich losgehen wird mit seinem dreckigen roten ganz zornigen Maul." (S. 79) Hinzu kommt, dass Willo sich einen Begleiter imaginiert, der ihn ihm ist: einen Hund. Von einem getöteten Hund hat er sich dessen Fell auf seinen Mantel genäht und den Hundeschädel an der Kapuze befestigt, damit der Geist des Hundes in ihn eindringt und ihm Ratschläge geben kann, wenn Willo mal nicht weiter weiß.

Der Hund fungiert damit als Unterbewusstsein des Jungen und somit als Mittler zwischen Willo und Willos Gedanken, die er sich evtl. selbst nicht eingestehen will. Etwas Ähnliches können wir z.B. auch bei Stanley Kubricks THE SHINING beobachten, als Danny Tony als kleinen Jungen in seinem Ohr imaginiert, der zu ihm mitunter durch seinen Zeigefinger spricht.

Über die Welt, in der Willo lebt, erfahren wir somit nur das, was Willo aus den ihm zugetragenen Erzählungen an den Leser weiter gibt: Während China und andere Oststaaten, wie z.B. Russland in neue Technologien investierten und Atomkraft nutzten, hat Europa ausschließlich Wind- und Solarenergie genutzt und entsprechende Anlagen gebaut, die durch den einsetzen Schneefall unbrauchbar wurden. Als plötzlich das Eis an den Polen zu schmelzen begann – aus welchen Gründen, kann nicht mehr rekonstruiert werden –, hat das kalte Wasser die "warmen Strömungen im Atlantik verlangsamt. Und als das geschah… als es kein warmes Wasser mehr gab, das umherfloss… […] Da fing es an zu schneien und hörte nicht mehr auf. Zuerst waren es nur ein paar schlimme Winter. […] Aber der Schnee fiel immer weiter. Und die Sommer wurden kälter. Und kürzer. In ganz Europa." (S. 227) Aufgrund dessen konnte die Versorgung der Menschen in Europa nicht mehr aufrechterhalten werden, während in Russland und vor allem China die Menschen durch Atomkraft noch genügend Möglichkeiten hatten, die Lebensbedingungen zu erhalten, die man zum Leben braucht.

Fazit
Sophie D. Crockett gelingt es, den Wandel der Welt durch die Augen ihres Protagonisten zu zeigen, der sich als der Sohn des Widerstandskämpfers entpuppt, an dessen Buch alle Widerstandskämpfer im Untergrund glauben und die von der Regierung systematisch verfolgt und gefoltert werden. Willo steht schlussendlich für das, was sein Vater immer gepredigt hat und entschließt sich, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nur, wenn die Menschen nicht woanders nach einer Lösung suchen und vor Problemen weglaufen, sondern die Lösung in sich und im Hier und Jetzt suchen, besteht Hoffnung auf eine bessere Zukunft: "Nichts kann die Dinge in deinem Kopf anrühren […]." (S. 301) "Hege deinen eigenen Geist […]." (S. 302), scheint der Hund Willo am Ende zu sagen, doch es ist Willo selbst, der das sagt und damit das zum Ausdruck bringt, was das Credo des Buches ist.

Filmografie
THE SHINING (1980, R: Stanley Kubrick; nach einer Romanvorlage von Stephen King)

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