Voorhoeve, Anne C.: Lilly unter den Linden

von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Eine Geschichte über eine ungewöhnliche Flucht in die DDR. Die dreizehnjährige Lilly hat nach dem Tod der Mutter nur noch ein Ziel: Sie will von Hamburg nach Jena ziehen, wo ihre Tante mit Familie wohnt. Doch dazu gilt es im Jahr 1988 noch mehr zu überwinden als die deutsch-deutsche Mauer… Ein ungewöhnliches Familien-Märchen, das ein Stück junger deutscher  Zeitgeschichte beleuchtet.

Voorhoeve, Anne C.: Lilly unter den Linden.
Ravensburger Buchverlag 2004
285 S. 6, 95 Euro
ISBN 9783473582280

Inhalt

Die Ich-Erzählerin Lilly lebt mit ihrer Mutter allein, ihr Vater ist schon vor vielen Jahren gestorben. Als die Mutter im Jahr 1988 einem Krebsleiden erliegt, ist Lilly vollkommen auf sich allein gestellt. Der Freund der Mutter, Pascal, kann und will ihr keine dauerhafte Stütze sein. Lilly hält nichts in ihrem Hamburger Internat. Als sie bei der Beerdigung der Mutter ihre Tante Lena kennenlernt und sich bei ihr sofort geborgen und angenommen fühlt, ist ihr Entschluss schnell klar: Sie will Hamburg verlassen und zu ihrer Familie nach Jena ziehen…

Nach und nach erschließen sich dem Leser die retrospektiv erzählten Zusammenhänge der Familiengeschichte: Lillys Mutter Rita floh einst aus der DDR, weil sie sich im Ungarn-Urlaub in einen jungen Mann aus dem Westen verliebte, Lillys Vater. Das Liebesglück der Ost-West-Beziehung endet abrupt wegen eines tödlichen Unfalls des Vaters. So wächst Lilly allein mit ihrer Mutter auf, die in späteren Jahren eine neue Beziehung mit dem Fotografen Pascal eingeht. Als Lilly 13 Jahre alt ist, stirbt die Mutter an Krebs, sodass das Mädchen zur Vollwaise wird. Aus den Erzählungen der Mutter weiß sie viel über ihre Verwandten aus Jena. Nachdem sich herausgestellt hat, dass Lilly in einer Pflegefamilie untergebracht werden soll, sie aber auf der Beerdigung ihrer Mutter ihre Tante Lena kennengelernt hat, ist sie wild entschlossen, zu ihrer Tante und deren Familie umzuziehen.  Sie schafft es dank des Zuspruchs seiner WG - Freunde, Pascal zu überreden, ihr bei der Flucht in den Osten zu helfen. Mit seiner und der Unterstützung ihrer besten Freundin Meggie gelingt der Protagonistin schließlich am Heiligabend die Reise in die DDR. Doch nun gilt es für Lilly erst recht, Grenzen zu überwinden: Einerseits muss sie mit den DDR-Behörden zurechtkommen, andererseits tun sich neue familiäre Probleme auf, die sich zeigen im Hass ihrer Cousine Katrin, der ihr aus zunächst unerfindlichen Gründen entgegenschlägt. Während sich Lilly mit ihrem Cousin Till und auch mit ihrem Onkel Rolf prächtig versteht, schlägt Katrin ihr die Tür vor der Nase zu. Erst ganz am Ende des Romans erfährt der Leser durch Lilly die Motive für Katrins Verhalten: Als Lena mit Katrin schwanger war, wurde sie wegen der Flucht ihrer jüngeren Schwester, Lillys Mutter Rita, inhaftiert. Lena durfte ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben, im Gefängnis nahm man ihr das Baby weg, so dass Katrin ihre ersten drei Lebensjahre im Heim verbringen musste und ist dadurch schwer traumatisiert war. Nur langsam nähern sich die Mädchen einander an. Schließlich können Lena und Rolf durch die Hilfe von Bernd, einem früheren Freund der Tante das Bleiberecht für Lilly erwirken.

Kritik

Der Roman entstand 2004 nach der gleichnamigen Drehbuchvorlage zum Film (2002). Er wurde 2005 für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und kam 2006 auf die Auswahlliste für den Evangelischen Buchpreis. Die Autorin adaptierte den Stoff auch für eine Theaterfassung, die 2005 am Staatstheater Braunschweig uraufgeführt wurde.
Die Handlung entfaltet sich auf mehreren Zeitebenen: Retrospektiv erzählt die inzwischen Mitte 20-jährige Protagonistin aus der Ich-Perspektive einem jungen Mann namens Gregor ihre Geschichte von der Übersiedlung in die ehemalige DDR. Diese Begegnung fungiert als Rahmenhandlung, in die die zeitlich davor liegenden Ereignisse eingebettet werden. Die Handlung ist somit nicht linear erzählt, es gibt mehrfach Rückblicke und Vorschauen, sodass es für den (jugendlichen) Leser vielleicht nicht immer einfach sein mag, der Handlung zu folgen.

Bestechend an dem Roman ist (neben seiner Spannung) vor allem die ungewöhnliche Perspektive, aus der von den Verhältnissen in der ehemaligen DDR erzählt wird. Lilly begegnet dem Osten völlig unvoreingenommen und ohne Vorurteile. Für sie zählt nur, dass sie nach dem Tod der Mutter eine neue Heimat und damit eine neue Familie finden kann. Eher verwundert und naiv als bewertend nimmt sie die politischen Kampagnen des DDR-Regimes wahr und kann nicht fassen, dass man die West-Bürger auf Plakaten als Imperialisten bezeichnet ( S. 190). Beim Einkaufen mit der Tante verlangt sie lautstark danach, eine zerdrückte Orange wieder umzutauschen (S. 225) und outet sich damit als materiell verwöhntes Mädchen aus der BRD, das „das Geschwätz, das man Politik nannte“ (S. 233) nie interessiert hat. Und doch stößt Lilly sich niemals an den Lebensverhältnissen in der DDR, sondern hält an ihrem Wunsch fest, bei der Familie in Jena leben zu wollen.  Auf diese Weise entfaltet der Roman die Botschaft, dass es jenseits aller Politik immer um die zwischenmenschlichen Beziehungen geht und „keine Mauer der Welt ihnen etwas anhaben kann“ (S. 255). Dies transportiert der Text ohne jede moralische Belehrung, was vor allem durch die sensible Figurenkonzeption sowie die ungewöhnliche (wenn auch etwas konstruiert wirkende) Familiengeschichte gelingt.

Zuweilen haftet dem Roman etwas Märchenhaftes an, z.B. an der Stelle, als Lilly ihrer Tante Lena das erste Mal begegnet: Lilly erlebt Lena auf der Beerdigung wie einen Engel (S. 30). Die Tante wird an dieser Textstelle zur märchenhaften Retterfigur stilisiert, was wiederum mit der Erzählperspektive zusammenhängt, die konsequent an den Erfahrungshorizont der Protagonistin gebunden ist. Hier zeigt sich, dass die Übergänge zwischen den Passagen, die das erlebende (und fühlende) Ich erzählt und solchen, die das erzählende Ich berichtet, oft fließend sind. Der ständige Wechsel zwischen erzählendem und erlebendem Ich macht den Roman zu einem literarisch anspruchsvollen Text, dessen Behandlung im Unterricht der Sekundarstufe I auf jeden Fall lohnend ist (vgl. das Unterrichtsmodell von Ricarda Dreier: Flucht in den Osten. Lilly unter den Linden von Anne C. Voorhoeve. In: Praxis Deutsch 216/ 2009. S. 20 -26).

Als etwas störend mag man empfinden, dass die Erzählerin von ihrer Mutter Rita stets kindlich und idealisierend als „Mami“ spricht. Hier hätte man sich zuweilen etwas mehr kritische Distanz der erzählenden Tochter zu der Mutter gewünscht. Der Ausdruck passt nicht zur Figur der Lilly, die sehr eigenständig und erwachsen wirkt und die Geschehnisse klug zu reflektieren vermag.

Fazit

Ein besonderes Verdienst des Textes ist, dass er ohne Stereotypisierungen auskommt, wie sie sonst oft in der KJL über die Wende und den Mauerfall vorzufinden sind. Es wird ein differenzierter Blick auf die Verhältnisse der DDR geworfen, der getragen ist von dem Wunsch der Protagonistin, in die DDR überzusiedeln. Summa summarum ein wunderbar spannend erzählter zeitgeschichtlicher (zuweilen märchenhafter) Jugendroman, der durch seine außergewöhnliche Handlung besticht.  Aufgrund der weiblichen Perspektive ist der Roman vor allem für Mädchen ab ca. 13 Jahren sehr empfehlenswert.

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