von Helena Zamolska

Von der 'Vereinigten Alteisen-AG' zur 'Rettungsmannschaft für die Opfer der Liebe' und dann auch noch auf Verbrecherjagd: Rasmus und sein Freund Pontus stolpern bei dem Versuch, die Ehre von Rasmus' Schwester zu retten, über Einbrecher und müssen dann auch noch Rasmus' Dackel befreien, der von den Einbrechern entführt wurde. Ein turbulentes Abenteuer aus der Feder Astrid Lindgrens.

Lindgren, Astrid: Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker.
Illustriert von Horst Lemke.
Übersetzt von Thyra Dohrenburg.
Oetinger Verlag, Hamburg 2008.
240 Seiten. 12 €
ISBN 978-3-7891-4166-9.

Inhalt

Rasmus Persson ist ein elfjähriger "munterer, blauäugiger Junge mit strubbeligem Haar" (S. 1), der, wenn er nur ein bisschen weniger hitzig und ein bisschen weniger starrköpfig wäre, beinahe zum Lieblingsschüler der Lehrer an seiner Schule hätte ernannt werden können. Zusammen mit seinem Vater, dem Polizisten, der sich nur mit entflogenen "Kanarienvögeln und Betrunkenen" (S. 28) abzugeben braucht, seiner Mutter, die "von außen so sanft und mild, im Innern aber wie ein Heerführer" (S. 21) ist, mit seiner älteren Schwester Patricia, kurz Prick genannt, und seinem innig geliebten Rauhaardackel Toker lebt er in dem ruhigen Städtchen Västanvik.

Die sechzehnjährige Prick mit dem blonden Pferdeschwanz ist glücklich in den Mädchenschwarm Joachim verliebt, dessen Vater eine große Sammlung antiken Silbers besitzt. Joachim hat ebenfalls eine Sammlung: seinen "Ausverkaufskatalog", in den er Photos von Mädchen einklebt, die er nicht mehr mag. Als zwischen Prick und Joachim ein Missverständnis entsteht, muss sie darum fürchten, ebenfalls in den Katalog aufgenommen zu werden. Doch das will ihr Bruder für nichts auf der Welt zulassen. Zusammen mit seinem besten Freund Pontus beschließt er, die "Rettungsmannschaft für die Opfer der Liebe" (S. 64) zu gründen und Joachims Ausverkaufskatalog zu klauen.

So kommt es, dass sich die "zwei Rächer in blauen Leinenhosen und Turnschuhen" (S. 79) des Nachts auf den Weg machen. "Zur Freude aller Mücken und Rächer in der Nacht" (S. 79) steht im oberen Stock von Baron von Renckens Haus das Fenster offen. In dieser Nacht haben allerdings nicht nur die zwei Rächer beschlossen, sich in Baron von Renckens Villa einzuschleichen. Auch Alfredo, der weltberühmte Schwertschlucker und sein Komplize Ernst schleichen durchs Haus. Sie haben es jedoch nicht auf Joachims Katalog, sondern auf die Silbersammlung seines Vaters abgesehen. Die beiden Verbrecher werden von Rasmus und Pontus beobachtet, die fürchten, von ihnen entdeckt zu werden.

Zunächst scheint auch alles gut zu gehen: Alfredo und Ernst ahnen nicht, dass ihnen die zwei "Rächer" bis zu ihrem Wohnwagen folgen. Und es wäre auch alles gut gegangen, wenn nicht plötzlich Toker aufgetaucht wäre und durch sein lautes, eifriges Hundegebell zu verstehen gegeben hätte, wie vergnügt er ist, sein Herrchen gefunden zu haben.

Von nun an erfährt Rasmus' Leben eine höchst dramatische Wende: Nun heißt es Toker, der von den Einbrechern als Geisel genommen wird, mit der Hilfe seines besten Freundes Pontus zu befreien, die Silberdiebe zur Strecke zu bringen und damit den "schlimmsten Kriminalfall in der Geschichte von Västanvik" (S. 151) aufzuklären. Natürlich gelingt es den beiden "kleinen Lümmeljungs [, denn] der Rasmus, der ist ein hübschen und klugen Kind, der!" (S. 208), wie Alfredo selbst zugeben musste. Rasmus bekommt nicht nur seinen heißgeliebten Dackel wieder und überführt die Diebe, sondern führt am Ende sogar die beiden zerstrittenen Verliebten wieder zusammen.

  

Kritik

Astrid Lindgren gelingt es, mit diesem Roman eine vollends glaubwürdige Geschichte aus der Sichtweise eines elfjährigen Jungen zu schildern. Dabei konstruiert sie eine Welt, in die jedes Kind (und auch jeder Erwachsene) mit Freuden eintauchen wird, um dem Alltag zu entfliehen und den Träumen vom Leben nachzugeben. Die 'Träume vom Leben' sind all die Sehnsüchte, die Kinder und nicht selten auch Jugendliche und Erwachsene in ihrem Herzen tragen. Da ist zum einen die glückliche, sich liebende Familie. Der schönste Moment am Tag der Familie Persson ist, wenn alle beim Essen zusammensitzen und sich unterhalten.

Aus den zahlreichen Szenen, die sich in der Familie abspielen, wird ersichtlich, wie sehr sich alle lieben und gegenseitig respektieren. Zum anderen ist die große Freundschaft zwischen Rasmus und Pontus etwas, nach der sich jedes Kind sehnt: Alles durchleben die beiden Jungen zusammen, ob es nun vergnügliche Stunden auf dem Jahrmarkt sind oder ob es sich um das gemeinsame Erleben von Abenteuern handelt. Der Roman lässt sich somit in die Tradition des literarisch komplexen Abenteuerromans einreihen, in dem der Protagonist immer neuen Bewährungsproben bestehen muss und in deren Bewältigung seine innere Entwicklung deutlich wird. Rasmus wird aus seiner Alltagswelt, in der er nur Probleme kannte, die mit Schule, gutem Benehmen und einer sich seltsam verhaltenden älteren Schwester zu tun hatten,  herausgerissen und mit einer ihm bisher unbekannten Gaunerwelt konfrontiert. Es gelingt ihm, die Probleme und Hindernisse trotz seiner Ängste und ohne Zuhilfenahme der Erwachsenen, perfekt zu meistern. 

Auch den Traum von einem eigenen Hund verhandelt Astrid Lindgren, nicht jedoch ohne darauf hinzuweisen, dass mit einem Hund Verantwortung und Pflichterfüllung verbunden sind: "Ehe [Rasmus] Toker bekam, in dem halben Jahr, als er ständig darum bettelte, hatte er die großartigsten Gelübde getan: Niemand in der Familie sollte mit seinem Hund irgendwelche Last haben. Er würde ihn ganz und gar allein versorgen." (S. 54) Und dieses Versprechen hält er auch, denn Toker ist sein "heißgeliebter Hund" (S. 14).

Fazit

Astrid Lindgren hat mit Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker einen Roman geschaffen, der den Leser zum Lachen bringt, wenn die Figuren lachen, dass der Leser weint, wenn sie weinen, nervös an den Nägeln kaut, wenn sie nervös sind und mitfiebert, wenn sie in eine gefährliche Situation geraten. Aus jeder Zeile des Romans springt uns unübertreffbarer Humor entgegen: Ob nun Alfredo eine von seinen Anekdoten von seiner "Mammi" zum Besten gibt oder Rasmus wieder einen seiner Einfälle hat, alles wird so erzählt, dass Gefühle wachgerüttelt werden und der Leser auch auf einer emotionalen Ebene erreicht wird. Ein erwachsener Leser wird an seine Kindheit erinnert, der kindliche Leser wird hingegen in die Geschichte hineingezogen, die er aufgrund Lindgrens Schilderungen so nachempfinden kann: "Wie abwechslungsreich ist doch das Leben, wenn man elf Jahre alt ist! Heute ist man 'Vereinigte Alteisen-AG', morgen 'Rettungsmannschaft für die Opfer der Liebe'. Wer hier hinter den Eichen auf der Lauer liegt, das ist keinesfalls 'Vereinigte Alteisen-AG', falls jemand das vielleicht vermuten sollte, nein, es ist die 'Rettungsmannschaft für die Opfer der Liebe' […]" (S. 223).

Bibliografie

Lindgren, Astrid: Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker. Hamburg: Oetinger Verlag 1990.

Erstveröffentlichung: 22.01.2013


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