von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Das Attentat auf Hitler am 21. Juli 1944, beleuchtet aus der der Perspektive einer 14jährigen, in der sich Elemente von Fiktion und historischer Faktizität mischen – ein zeitgeschichtlicher Jugendroman über die Geschichte der Familie von Stauffenberg.

Voorhoeve, Anne C.: Einundzwanzigster Juli.
Ravensburger Buchverlag. Ravensburg 2008.
415 Seiten. 8,95 Euro.
ISBN 9783473583799.


Inhalt
21.7.1944: Das Datum ist durch das missglückte Attentat von Berthold von Stauffenberg auf Adolf Hitler in die Geschichte eingegangen. Dieses Ereignis arbeitet Anne C. Voorhoeve in ihrem Jugendroman auf, indem sie die Geschichte der Familie Stauffenberg aus der Perspektive der fiktiven Figur Philippa, genannt Fritzi, rekonstruiert. Die Stauffenbergs sind im Buch umbenannt in von Lautlitz (nach dem Familiensitz im Württembergischen), insgesamt aber versucht die Autorin sich weitgehend an die historischen Fakten zu halten.

Fritzi flieht aus der Kinderheimverschickung nach Ostpreußen heim nach Berlin. Ihre Motive dafür bleiben für den Leser bis zum Ende des Romans unklar und werden lediglich angedeutet. Es scheint, als ob sich die Protagonistin durch Verrat eines polnischen Fremdarbeiters schuldig gemacht hat. Die Ausführungen dazu aber bleiben bis zum Schluss vage, vielmehr konzentriert sich die (homodiegetische) Ich-Erzählerin auf die Schilderung der Ereignisse im Kreise ihrer Familie. Geprägt von der Erziehung durch die Hitlerjugend zeigt sich die 14jährige Fritzi als glühende Anhängerin Adolf Hitlers, der im ersten Teil des Buches somit weithin als ‛geliebter Führer‛ bezeichnet wird. Nach und nach aber muss sie erkennen, dass ihre Familienmitglieder nicht der NS-Ideologie verhaftet sind. Fritzi ist schockiert, als sie zu ahnen beginnt, dass ihre Mutter untergetauchte Juden unterstützt, und noch mehr, als sie vom geplanten Attentat hört. Besonderes Vertrauen fasst sie zu ihrer Tante Lexi, einer hochdekorierten Testpilotin (nachempfunden der Diplom-Ingenieurin Melitta von  Stauffenberg, Ehefrau von Alexander von Stauffenberg). Diese Tante bringt Fritzi mit dem Kleinflugzeug zum Familiensitz nach Württemberg, weil die Lage in Berlin, wo der Luftkrieg tobt, zu unsicher erscheint.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wird die ganze Familie in Sippenhaft genommen. Hitler will sie  „ausrotten bis ins letzte Glied“. In der Gefangenschaft beginnt Fritzi den Widerstand ihrer Familie gegen Hitler zu begreifen. Die Haft durchläuft mehrere Stationen: eine (fast idyllisch anmutende) Hotelhaft im Riesengebirge, die Konzentrationslager Stutthof und schließlich Buchenwald. Die Familienangehörigen werden als Sonderhäftlinge behandelt, denen es besser ging als den meisten anderen Inhaftierten, doch Entbehrungen und Hunger müssen auch sie erleben, bis Anfang April 1945 die Befreiung durch die Amerikaner erfolgt. Von da an vergehen noch sechs Wochen, bis sie in die Heimat zurückkehren können. Erst nach der Rückkehr des Vaters von der Front kann die Protagonistin über ihre Erlebnisse in Ostpreußen sprechen, die sie die ganze Zeit über so belastet haben.

Kritik
Es handelt sich bei Einundzwanzigster Juli um einen Roman, in dem die Autorin die historischen Ereignisse um das Stauffenberg-Attentat mit fiktiven Elementen anreichert. Diese Mischung wirkt nicht immer gelungen, da die Handlung vielfach überfrachtet scheint und die Lektüre durch die Häufung zahlreicher historischer Details manchmal langatmig wird. Weniger wäre mehr gewesen, an mancher Stelle wünscht man sich, die Autorin hätte sich entweder für die Darstellung von Fritzis Innenleben oder der historischen Details entschieden. Der grundsätzlich hybride Charakter der zeitgeschichtlichen KJL wird hier sehr deutlich: Adoleszenzroman und historischer Roman vermischen sich in Einundzwanzigster Juli. Hinzu kommt die geschichtsdidaktische Intention: Anne C. Voorhoeve will ihren jugendlichen Lesern (allzu deutlich) historische Fakten vermitteln. Ihr Anliegen, den jugendlichen Leser über die Hintergründe und die Familienverhältnisse der von Stauffenbergs aufzuklären, verdient Respekt. Mit diesem Buch erschließt sich die Jugendliteratur ein Thema, das in der zeitgeschichtlichen KJL bisher kaum in den Fokus rückte. Es überzeugt durch die sorgfältige Recherchearbeit der Autorin, über die sie im Nachwort Auskunft gibt. Unglaubwürdig und überflüssig erscheinen jedoch z.B.  solche Szenen, in denen Emmy Göring auftritt und von der Mutter, die ihr ein Kleid schneidert, als "Hohe Frau" angesprochen werden will (S. 53ff).

Fazit
Anne C. Voorhoeve kann mittlerweile als eine der wichtigsten Autorinnen von zeitgeschichtlicher KJL in der Gegenwart gelten (vgl. ihre Jugendromane  Lilly unter den Linden, Liverpool Street und Unterland), die sich der Aufgabe angenommen hat, Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte für jugendliche Leser aufzubereiten. Indem sie sich in Einundzwanzigster Juli dem Attentat auf Hitler durch von Stauffenberg widmet und das Thema mit den Entwicklungsprozessen einer jugendlichen Figur verbindet, arbeitet sie ihren komplexen Gegenstand adressatengerecht auf. Für den schulischen Einsatz eignet sich das Buch wegen seiner Längen eher nicht, könnte aber ggf. in Auszügen gelesen werden.
Empfohlen sei das Buch jenen (jugendlichen und erwachsenen) Lesern, die sich für die Geschichte der Familie von Stauffenberg und deren fiktionaler Aufbereitung interessieren.


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