von Susanne Blumesberger

Frau Lizzi findet in ihrem Vorhang einen kleinen Vampir, der fortan bei ihr lebt. Renate Welsh dreht hier das Konzept des Vampirs um und schafft einen liebenswerten Protagonisten, der den Menschen das Schlechte aussaugen will, um das Gute in die Welt zu bringen.

Welsh, Renate: Das große Buch vom Vamperl. 10. Auflage.
312 Seiten. 8,95 €.
dtv, München 2010.
ISBN 978-3-423-70730-5.

Inhalt

Der vorliegende Sammelband Das große Buch vom Vamperl beinhaltet die ersten drei Bände der von Renate Welsh geschaffenen Vamperl-Reihe.

Im ersten Band Vamperl entdeckt Frau Lizzi eines Tages einen kleinen Vampir in einem Spinnennetz in ihrer Wohnung. Der kleine Vampir ist alles andere als furchterregend und gewinnt sofort das Herz der 67-jährigen unverheirateten und kinderlosen Frau Lizzi. Sie zeigt den kleinen Vampir auch der Nachbarin, die jedoch völlig konträr reagiert: Entsetzt versucht sie Frau Lizzi dazu zu bringen, den Vampir so schnell wie möglich loszuwerden bzw. sogar zu vernichten.

Die Empörung der Nachbarin regt erst recht Frau Lizzis Widerstand an und sie beginnt den kleinen Vampir mit Milch aufzuziehen, um ihn vor möglichen vorhandenen Gelüsten nach Blut fernzuhalten. Schon bald wird jedoch deutlich, dass das kleine seltsame Tier, das rasch wächst und fliegen lernt, es gar nicht auf Blut abgesehen hat. Er entzieht aufgeregten Menschen die Gallenflüssigkeit, indem er sie einfach wie ein Insekt sticht und sie aussaugt. Die so von dem Gift befreiten Menschen werden von einem Augenblick zum anderen wieder ruhig und verständnisvoll. Und Vamperl hat in der Geschichte wahrlich viel zu tun: So muss er zum Beispiel Kindern, die einen Mitschüler verspotten, das Böse aus der Galle saugen. Er entfernt den schimpfenden Autofahrern auf der Kreuzung die Wut aus dem Bauch und verfolgt einen Mann, der bei einer alten Frau einbrechen wollte.

Das von Vamperl selbst vorgeschriebene Arbeitspensum wird jedoch immer größer: Er sticht etwa den wütenden Hausmeister, der den Kindern das Radfahren verbieten will, den strengen Lehrer verwandelt er in einen verständnisvollen Geschichtenerzähler, der Ehestreit in der Nachbarschaft ist nach Eingreifen Vamperls sofort beigelegt und sogar den Fabriksaufseher bringt er dazu eine Kündigung zurückzunehmen, die er gegen eine Arbeiterin ausgesprochen hatte, weil diese wegen Schnupfen zu langsam am Fließband gearbeitet hatte. Aber schon bald wird Vamperl deutlich, dass er es alleine nicht schaffen kann, die vielen Wutanfälle der Menschen zu stoppen. Frau Lizzi, die ihn wie ein eigenes Kind behandelt, verspricht ihm, nach einer Familie für ihn zu suchen. Beide machen sich gemeinsam auf den Weg, Vamperl wird unter dem Hut von Frau Lizzi versteckt. Doch auf der Straße wird das Vamperl, der er einen Streit beenden will, von Herrn Dr. Obermeier, dem Vorstand des Krankenhauses und Professor an der Universität, entdeckt. Der Wissenschaftler interessiert sich für das 'Insekt', wie er Vamperl zur Bestürzung von Frau Lizzi nennt.

Schließlich gibt Frau Lizzi nach und vertraut Obermeier Vamperl an. Doch zu ihrem Entsetzen sieht sie Vamperl am nächsten Tag im Krankenhaus unter einer Glasglocke liegen. Alle Werte und Äußerungen von Vamperl, der den Patienten auf Befehl von Prof. Obermeier verschiedene Gifte aussaugen muss, werden genau gemessen und aufgezeichnet. Dabei wird er immer unglücklicher und aggressiver gegen den Arzt und schrumpft täglich ein wenig. Frau Lizzi hält ihre Schuldgefühle nicht mehr aus und befreit ihren Vamperl schließlich vor dem Zugriff der Wissenschaft. Der Professor gerät in Wut und Vamperl gelingt es mit letzter Kraft, ihm den Ärger aus der Galle zu saugen. Wieder hat es Vamperl geschafft – Frau Lizzi und der Professor gehen als Freunde auseinander.

Der zweite Band mit dem Titel Vamperl soll nicht alleine bleiben schließt direkt an und beginnt beim Verlassen des Krankenhauses. Für alle Leserinnen und Leser, die den ersten Band nicht kennen, wendet Renate Welsh den Trick an, kurz die Geschichte vom Vamperl zu erzählen, in dem Frau Lizzi sie einer jungen Ärztin anvertraut, die sie zur Straßenbahn begleitet. Nach der Rückkehr in die Wohnung hat Vamperl wieder viel zu tun, um allen aufgebrachten und wütenden Leuten das Gift aus der Galle zu saugen. Dabei spricht Renate Welsh durchaus auch ernste  Probleme an, etwa wenn Vamperl einen Betrunkenen beobachtet, der anscheinend eben auf sein kleines Mädchen losgeht und es schlagen will, aber nach Vamperls Zustechen zahm wird und sich von dem Mädchen heimführen lässt. Die Ernsthaftigkeit solcher Szenen mildert Welsh, wenn sie zum Beispiel einen betrunkenen Vamperl schildert, der mit der Galle auch den Alkohol des Mannes abbekommen hat und sich dementsprechend benimmt. Frau Lizzi beschließt, dass es nicht so weitergehen kann, dass Vamperl endlich eine Familie braucht, die ihn unterstützt. Sie beginnt auf dem Dachboden und im Keller zu suchen, denn schließlich hatte sie ihren Vamperl auch in einem Spinnennetz gefunden, aber sie findet nichts. Sie bezahlt sogar den Nachbarsjungen Hannes mit Schokolade, damit er ihr hilft, sämtliche Spinnennetze auf Ungewöhnliches zu durchsuchen, aber auch diese Suche bleibt erfolglos. Im Museum wird sie ebenfalls nicht fündig. In einem Kapitel In der Zieglergasse bringt sich Renate Welsh selbst ins Spiel. Frau Lizzi beschließt, die zu besuchen, die sie erfunden hat und sie zu bitten auch noch eine Frau für Vamperl zu erfinden. Die Autorin tritt somit plötzlich als Ich-Erzählerin auf und beschreibt den Besuch von Frau Lizzi in ihrer Wohnung aus ihrer Perspektive. Dabei beschwert sich Frau Lizzi, dass sie in der Geschichte keine so schöne Wohnung wie die Autorin bekommen hat und moniert auch deren unleserliche Schrift. Vor allem will Frau Lizzi die Autorin aber dazu bringen, die Geschichte umzuschreiben. Daraufhin erklärt die Autorin, dass es gar nicht so einfach sein, die Geschichte umzuschreiben.

Renate Welsh zeigt damit nicht nur ihren Arbeitsstil, sondern nützt diese Passage auch um darauf hinzuweisen, dass die Kinder die Vamperl-Geschichten sehr mögen und neue Abenteuer erfinden und dabei aber auch von eigenem Leid erzählen – ein Grund für sie, die nie einen Folgenband für irgendetwas schreiben wollte, darauf mit weiteren Geschichten zu reagieren. Frau Lizzi erkennt, dass sie den Vorschlägen der Kinder folgen muss, damit Vamperl eine Frau bekommt: "Wir werden uns an die Kinder halten müssen". 

Frau Lizzi unternimmt mit Vamperl einen Ausflug zu einem Kinderfest auf die Donauinsel, wo sie auch ihre Taktik ändert, die Geheimhaltung aufgibt und den Kindern von Vamperl erzählt. Sie lässt sogar einen Luftballon steigen auf dem geschrieben steht "sehr lieber Vampir (kein Blutsauger) sucht ebensolche Frau!" Einige Tage später meldet sich per Post eine Vamperlina, die sehnsüchtig auf Vamperl wartet. Mit Hilfe eines 'Wetterkundlers' versuchen Frau Lizzi und Vamperl die Richtung zu bestimmen, in die der Brief geweht wurde, Vamperl will unbedingt möglichst rasch zu seiner Vamperlina und wird deshalb in einen Wetterballon gesetzt. Der band endet mit einer Karte auf der Vamperl und Vamperlina verkünden wie glücklich sie sind. Leider fehlt wieder die Adresse.

Im dritten Band Wiedersehen mit Vamperl vermisst Frau Lizzi Vamperl und beschließt, ihn und seine Familie suchen zu gehen. Sie vermutet ihn in Transilvanien und bucht deshalb eine 'Dracula-Tour'. Frau Lizzi wird nach langem erfolgreichen Suchen sogar in einen Kriminalfall verwickelt, bei dem schließlich Vamperl auftaucht und sie vor einem fanatischen Forscher rettet indem er wieder Gallensaft saugt. Auch Vamperlina und ihre zwei kleine Kinder sind gefunden. Alle vier kommen zunächst wieder mit nach Wien, damit Vamperl seiner Familie die Wohnung zeigen kann, in der er aufgewachsen ist. Zum Schluss bleibt jedoch nur ein Sohn Vamperls, Purzel, bei Frau Lizzi, die restliche Familie kehrt nach Transilvanien zurück.

Kritik

Innovativ ist die Vamperl-Reihe vor allem durch das erstmalige Auftreten eines Vampirs in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur – wenn sich die Figur letztendlich auch von den anderen Vampirgestalten abhebt. Neu ist aber auch zum Beispiel die Art und Weise, wie schon in den 1970er Jahren eine Frau im Großmutteralter selbstbewusst und durchaus Flirts nicht abgeneigt, dargestellt wird.

Der Erfolg der letzten dreißig Jahre, die zwischen dem ersten und dem vierten Band liegen, könnten auch jene These bestätigen, die Gabriele von Glasenapp kürzlich vorgestellt hat, nämlich das Phänomen des 'nostalgischen Lesens'. Erwachsene LeserInnen, die als potentielle KäuferInnen des Kinder- oder Jugendbuches auftreten und dies lesen, um zu prüfen, ob es für Kinder geeignet ist, also als Gatekeeper agieren, sind in der Forschung schon seit längerer Zeit bekannt. Wenig beachtet ist jedoch noch die Tatsache, dass Erwachsene vielfach ganz bewusst zu kinderliterarischen Werken greifen, die sie in ihrer eigenen Kindheit bereits gelesen haben. Für die Vamperl-Reihe könnte das 'nostalgische Lesen' jedoch einer der Gründe sein, warum die Bände bis heute so erfolgreich sind. Laut Renate Welsh, die der Meinung ist "mein Vamperl gehört gar nicht mehr mir, es gehört längst den Kindern", reagieren auch die Kinder heute noch sehr positiv auf die Figur des Vamperls – in diesem Fall decken sich anscheinend die Meinungen der erwachsenen KäuferInnen und zuweilen auch LeserInnen der Literatur mit denen der kindlichen RezipientInnen.

Die Vamperl-Reihe weist mehrere Besonderheiten auf. Die Sprache ist eindeutig dem Österreichischen, bzw. dem Wienerischen zuzuordnen, so ist das Wort 'Vamperl' durch das Diminuitivsuffix, eine typische süddeutsche bzw. österreichische Verkleinerungsform. Typisch österreichische Ausdrücke, wie zum Beispiel 'Gugelhupf' werden verwendet und auch die Handlung ist – leicht erkennbar – in Wien angesiedelt.

Frau Lizzi wird als eine Frau im Großmutteralter geschildert, die jedoch keine Kinder hat, nicht verheiratet ist und sich ganz und gar nicht wie eine in der Kinderliteratur der 1970er Jahre oft noch als 'typische' Frau in ihrem Alter beschrieben, verhält. So hält sich ihr Erstaunen in Grenzen, einen kleinen Vampir in ihrer Wohnung zu finden. Vamperl taucht aus dem Nichts, als deus ex machina, im Leben von Frau Lizzi auf und versteht sich auf Anhieb prächtig mit ihr. Er versteht die menschliche Sprache, kann selbst jedoch nur fiepen und nicht sprechen. Diese Konstruktion könnte – legt man die Figur des Vamperls auf Kinder um – als Hinweis auf die noch nicht entwickelte Ausdrucksmöglichkeit von Kindern interpretiert werden. Frau Lizzi bleibt im Laufe der vier Bände in ihrem Auftreten und Handeln fast gleich. Selbstbewusst wehrt sie sich gegen die Einflussnahme ihrer Nachbarinnen, gegen Betulichkeit und Ungerechtigkeit und bleibt ihrem Wesen stets treu. Allerdings veränderte sich die bildliche Darstellung sehr stark. Im ersten Band, von Siegfried Wagner illustriert, wird Frau Lizzi noch als so genannte 'typische' ältere Frau mit Haarknoten, Brille und altmodischer Kleidung gezeichnet. Renate Welsh hatte laut eigener Aussage  keinen Kontakt zum Illustrator und damit auch keine Möglichkeit Einfluss zu nehmen. Aus finanziellen Gründen wurde ab dem zweiten Band Heribert Schulmeyer, Comic-Zeichner und freier Künstler in Köln, für die Illustration beauftragt. Die Figuren wurden um einiges moderner gestaltet. Besonders Vamperl wird sehr verändert dargestellt. Er ist durch das gefällige Äußere noch weiter von der typischen Vampirgestalt abgerückt.

Auffallend sind bei dieser Reihe auch vor allem die zahlreichen Textstellen, die sich mit gesellschaftspolitischen Problemen befassen. Da ist zum Beispiel Hannes, der mit seiner allein erziehenden Mutter zusammenwohnt und mit ihr immer wieder durch ihre Überforderung in Streit gerät und selbst unter Druck steht, weil er von den schönen Wochenenderlebnisse mit seinem Vater und dessen neuer Freundin seiner Mutter nichts erzählt, um sie nicht zu kränken. Frau Lizzi wird ihm zur Freundin und dezidiert nicht zur Großmutter, bei ihr kann er so sein, wie er wirklich ist. Interessant ist an dem Punkt vielleicht auch, dass im Jahr 1979, als Das Vamperl zum ersten Mal erschien, die allein erziehende Mutter noch sehr negativ dargestellt wird, nämlich als pausenlos überfordert und deshalb auch sehr streng mit ihrem Kind, das seinerseits diese Aggression wieder weiter trägt und an schwächere Kinder auslässt. An mehreren Stellen quälen und beschimpfen Kinder einander, heute würde man wohl von Mobbing sprechen. So zum Beispiel in der Szene, in der mehrere Kinder Dieter, den Klassenschlechtesten, der immer gebückt geht und noch dazu bei der Großmutter wohnt, verhöhnen, bis Vamperl eingreift. Immer wieder sind es auch die rücksichtslosen Autofahrer, die von Renate Welsh als schimpfend und voll Aggressivität beschrieben werden oder der Dieb, der mit einem Nachschlüssel die Wohnung einer alten wehrlosen Frau aufsperrt und sie berauben will. Aber auch die fehlenden Spielareale in der Stadt werden von Welsh im Text aufgegriffen, man erinnere sich nur an die Szene, als der Hausmeister den Kindern das Radfahren verbietet. Die Überforderung der Kinder in der Schule war schon 1979 ein Thema für die Autorin, die dem gestressten und wütenden Lehrer und seinen ebenso überforderten und müden SchülerInnen Vamperl schickte.

Auffällig sind bei Welsh auch die Anspielungen auf die zum Teil menschenverachtende Wissenschaft, so zum Beispiel als Vamperl rücksichtslos unter eine Glasglocke gestellt wird und die junge Ärztin nicht mal auf die Idee kommt, dem Herrn Professor zu widersprechen. Oder bei dem Besuch im Museum, wo die Fledermäuse präpariert vorgezeigt werden.

Fazit

Obwohl Renate Welsh mit dem 1979 im Dortmunder Verlag Schaffstein erschienenen ersten Band Das Vamperl ihrer mittlerweile vierbändigen Vamperl-Reihe eines der ersten Kinderbücher über Vampire herausgab – zeitgleich erschien von Angela Sommer-Bodenburg Der kleine Vampir –, hat sie diese Figur zugleich parodiert. Denn der Vampir in den Büchern von Renate Welsh scheint sonstigen Beschreibungen von Vampiren in den Kinder- und Jugendmedien auf den ersten Blick völlig zu widersprechen. Dennoch hat Renate Welsh mit ihrer Figur etwas Innovatives geschaffen. Während eines Verkehrstaus und den bösen Kommentaren der Autorfahrer darüber dachte sie über eine Figur nach, die den Menschen die Galle aus dem Körper ziehen kann. Gleichzeitig wollte sie zeigen, dass man trotz angeblicher Abhängigkeit von Erbfaktoren immer noch die Freiheit hat, anders zu sein, als die anderen. Das von ihr geschaffene Vamperl ist zwar genetisch auf böse programmiert, hat jedoch das Bösesein nie gelernt und bleibt deshalb eben ein harmloses Vamperl.

Der anhaltende Erfolg der Vamperl-Reihe zeigt, dass es Welsh damit gelungen ist, etwas in die Kinder- und Jugendliteratur einzubringen, das einen gewissen Bedarf zu befriedigen scheint.
Toleranz, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft genügen, um mit anderen gut zusammenleben zu können – auch wenn gerade keine Superfigur zur Hand ist. Das Buch ist nicht nur eine leicht zu lesende und humorvolle Lektüre, sondern kann auch zu Diskussionen über das Miteinander anregen. Darüber, dass wir das Recht haben, anders zu sein als andere, wenn dies sogar bei Vampiren möglich ist.

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Die Rezension zum vierten Band finden Sie hier.

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