von Dr. phil. Susanne Blumesberger

In diesem 2012 mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis  ausgezeichneten Werk greift Renate Welsh ein sensibles Thema auf, nämlich die alltägliche Armut in der Großstadt, von der oft alleinerziehende Mütter und ihre Kinder betroffen sind. Die humorvollen Zeichnungen von Friederike Grünstich unterstreichen die spannende und tiefgründige Geschichte.

Welsh, Renate: Chickensoup.
143 S., 13,90 €
Nilpferd in Residenz, St. Pölten/Salzburg  2011 ISBN 978-3-7017-2099-6

Inhalt

Julia lebt alleine mit ihrer Mutter Melanie, die die Schule abgebrochen hat und unterbezahlt als Supermarktkassiererin arbeitet. Jede noch so geringe Ausgabe für die Schule wird zum Problem, da Julias Mutter oft nicht einmal genügend Geld zum Einkaufen  hat und Julia aus Scham die Armut in der Schule verschweigt. Geburtstagsfeiern besucht sie nicht, weil für die Geschenke kein Geld da ist, besorgten Fragen ihrer Lehrerin weicht sie aus. Thematisiert werden zudem vor allem der Schulabbruch der Mutter, die Tatsache, dass Julias Mutter ihrem Mann bei der Firmengründung ihr Sparbuch gegeben hat, dass sie kurz vor dem Konkurs noch für ihn gebürgt hat und die angebliche Vernachlässigung von Julia. Auch die ältere Nachbarin Frau Kronig, die oft als Großmutterersatz einspringt und Julia Geld borgt oder sie zum Abendessen einlädt, lebt in einfachen Verhältnissen und ist sensibilisiert für die versteckte Armut in Wien.

Die Beziehung zur eigenen Großmutter ist angespannt: Die Großmutter mischt sich in das Leben ihrer Tochter mehr ein, als diese ihr das zugestehen möchte. Wenn Julias Oma zu Besuch kommt, endet das Gespräch zwischen ihr und ihrer Tochter Melanie fast immer im Streit. Trotzdem hilft auch die Großmutter oft mit Geld oder Telefonwertkarten aus.  Der Vater hat die Familie verlassen, als Julia in der ersten Klasse der Volksschule war. Julia sehnt sich immer noch nach ihm, obwohl die Chance, dass er zurückkommt sehr gering ist.

Eines Tages lernt Julias Mutter Marcel kennen, der ebenfalls wenig Geld hat, der aber der Mutter Halt zu geben scheint. Julia ist zunächst nicht begeistert, dass ihre Mutter anscheinend einen neuen Freund gefunden hat, weil sie heimlich noch immer auf die Rückkehr ihres Vaters hofft. Zudem kommt es auch in der Schule zu einer Veränderung. Die neue Mitschülerin Leyla bringt Julia dazu, sich von ihren eigenen Problemen ein wenig  abzuwenden. Durch das  Lernen mit ihr wird Julia ihren Mitschülerinnen gegenüber aufgeschlossener.

Als sich Melanie mit dem Küchenmesser schneidet, eine Infektion bekommt und in den Krankenstand gehen muss, erhält sie die Kündigung von ihrer Chefin. Marcel  und die Oma kümmern sich beide um Melanie und Julia und auch Leyla versucht, ihrer neuen Freundin zu helfen, indem sie ihr für ihre Mutter Hühnersuppe bringt. Marcel unterstützt Melanie zudem bei der Suche nach einer Ausbildung. Melanie sträubt sich zwar zunächst, Altenpflegerin zu werden, aber es bleibt ihr kaum eine andere Wahl. Als Leylas Opa in Kaschmir stirbt, kocht Julias Großmutter ebenfalls Hühnersuppe, die Julia Leylas Familie bringt.

Schlussendlich gelingt Julia ein Durchbruch: In der Klasse gibt sie zu, dass ihre Mutter das Geld für die Landschulwoche nicht aufbringen kann. Nach diesem Geständnis berichten auch andere von ihren Sorgen und Nöten. Julia ist zumindest die Last ihres Geheimnisses los und das Leben der Familie scheint wieder in geordneteren Bahnen zu verlaufen.

 

Kritik

Renate Welsh verwendet eine sehr anschauliche Sprache und oft die direkte Rede. Das Buch ist zwar nicht aus der Perspektive von Julia geschrieben, durch die Verwendung von Mama und Oma statt Vor- oder Nachnamen, kann man sich als LeserIn sehr gut in die Rolle von Julia versetzen.  Die Sprache ist österreichisch gefärbt, zum Beispiel heißt es "Paradeissuppe" anstatt von "Tomatensuppe".
Renate Welsh greift in diesem mit Humor versetzten Buch mehrere Themen auf, die das Buch in den Bereich des problemorientierten Jugendromans rücken lassen.

Allen voran ist es das Thema der (verheimlichten) Armut, das die Geschichte prägt. In einer Umgebung, in der eigene Laptops, Markenkleidung und Geld für Vergnügungen selbstverständlich sind, fühlen sich Kinder beschämt, nicht mithalten zu können. In dieser Hinsicht greift der Roman ein hochaktuelles Thema auf, mit dem sich der kindlich-/jugendliche Leser identifizieren kann – und lernen kann, dass Ehrlichkeit und Offenheit oftmals über eigene Probleme hinweghelfen können, wenn man sich und seine Sorgen anderen anvertrauen kann.

Diese von Welsh beschriebene Armut wird verknüpft mit dem Job, der nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt der Familie zu finanzieren. Sie verschärft die Situation zusätzlich, indem sie die Mutter der Protagonistin zu einer Alleinerziehenden macht, die die Schule abgebrochen hat und so keine bessere Stelle annehmen kann, mitunter somit auf die Unterstützung der eigenen Mutter und sogar der Nachbarin angewiesen ist. Einen Ausblick eröffnet erst der neue Mann, der in das Leben der kleinen Familie tritt und Julias Mutter einen Ausweg aus der Misere aufzeigt und sie überzeugt, eine Ausbildung zu machen. Auch wenn Marcel vorerst abgelehnt wird, weil der eigene Vater idealisiert wieder herbeigewünscht wird, findet eine Akzeptanz des neuen Mannes zunehmend statt, da er sie so sieht, wie sie jetzt ist, während Julias Vater ihr ein Geburtstagsgeschenk schickt, das eigentlich für Kleinkinder gedacht ist. Durch dieses Moment erkennt Julia die Distanz zwischen sich und ihrem Vater und kann sich von dem Idealbild und ihren Wunschvorstellungen lösen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Die Ehrlichkeit, das Eingestehen, das sie arm ist, verringert auch die Distanz zwischen sich und ihren MitschülerInnen, denen sie arrogant erschienen ist. Eine der wesentlichsten Aussagen des Buches ist, dass Armut nicht nur in anderen Ländern oder in ganz speziellen Situationen vorkommt, wie beispielsweise bei Obdachlosen, mit denen sich Julia auf eine besondere Art verbunden fühlt und in ihrer Einsamkeit und Verzweiflung sogar glaubt ihren Vater in einem von ihnen zu erkennen. Armut wird aus Scham oft still ertragen, ist oft ein Tabuthema, denn arm zu sein heißt in unserer Gesellschaft oft nichts anderes als versagt zu haben. Zur Armut zu stehen, macht stark, das verdeutlicht Welsh in der Figur von Marcel, der gleich zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Julias Mutter frei zugibt , kaum etwas zu besitzen.

Zusätzlich bringt Welsh auch die Ausländerfeindlichkeit als Thema ins Spiel, wenn sie beschreibt, wie manche Menschen Julias neuer Freundin Leyla im Park begegnen und weist so auf eine anhaltende Problematik hin, der man nur mit Akzeptanz, aber auch Mut, zu seinen Freunden zu stehen, entgegenwirken kann. Welsh hat noch dazu interkulturelle Aspekte in das Buch gebracht, in dem sie die kulturverbindende Hühnersuppe als Trostmittel verwendet. Dass Kinder mit Migrationshintergrund durchaus bereichernd auf die MitschülerInnen wirken können, zeigt die Autorin dadurch, dass durch Leylas tastende Versuche mit der neuen Sprache auch den anderen Kindern so manche Bedeutung ihrer eigenen vertrauten Sprache deutlich werden, dass die selbstverständlich gewordenen Redewendungen in Frage stellen. Auch an der Figur Leyla zeigt Welsh  auf, dass die Tabuisierung der eigenen Gefühle, wie zum Beispiel der Trauer auf Dauer zu Einsamkeit führen.

Fazit

Renate Welsh ist es gelungen, ein Buch zu verfassen, das zum Nachdenken anregt, das aber auch als Hilfe für betroffene Kinder gesehen werden kann. Welsh zeigt, dass man im Leben keine Wunder erwarten kann und dass es Situationen im Leben gibt, in denen man Dinge tun muss, die vernünftig sind, nicht aber den eigenen Träumen und Wünschen entsprechen. So wird Julias Mutter Melanie als Altenpflegerin arbeiten müssen, um den Unterhalt zu verdienen, obwohl sie das eigentlich ablehnt.

Welsh zeigt aber auch – und das macht den Reiz der Geschichte aus –, dass Erwachsene keinesfalls vollkommen sind, nicht immer vernünftig reagieren und auch selbst oft unsicher agieren. Das vermittelt dem jugendlichen Leser die Probleme der Erwachsenen und zeigt, dass auch diese nach Lösungsstrategien im Leben suchen müssen.

Auch die titelgebende Hühnersuppe ist kein Wundermittel. Ihr Symbolgehalt ist es, der dem Buch zusätzlichen Reiz verleiht: Menschen denken aneinander und sind bereit, einander zu helfen.
Statt der großen Lösung bietet Welsh in diesem Buch, das laut Verlag ab neun Jahren geeignet ist, mehrere kleinere Strategien an, mit dem Leben besser zurechtzukommen.


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