von Karolin Behre

Es war einmal Indianerland beschreibt die verwirrende Suche eines Siebzehnjährigen nach sich selbst, seinem Ich und seiner Zukunft.

Mohl, Nils: Es war einmal Indianerland.
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012.
3. Aufl. 352 Seiten. 12,99 €
ISBN 978-3-499-21552-0.

Inhalt

Im Hamburger Sommer durchlebt der siebzehnjährige Mauser/Grünhorn, dessen 'Doppelname' auf seine gespaltene Persönlichkeit verweist, zwei Wochen, die sein Leben verändern. In einem Randbezirk der schwülen Großstadt zieht er als Einzelgänger seine Bahnen und bereitet sich auf einen Boxkampf vor. Ein Baustellenjob soll den neuen Boxsack finanzieren, der schon gekauft ist. Die Hochhaussiedlung, in der sowohl seine spärlich eingerichtete Wohnung als auch die des Vaters und dessen jüngerer Frau liegt, steht inmitten einer Betonwüste.

Als Mauser/Grünhorn bei einer nächtlichen Badeaktion im öffentlichen Schwimmbad Jackie kennenlernt, ist er fasziniert von der schlanken Schönheit aus einer ihm unbekannten Welt voller Geld, Freizeit und drogenaffinen Freunden. Jackie ist unwiderstehlich und zieht Mauser/Grünhorn magisch an, der ihr fast schon hinterherläuft. Die Treffen der beiden hinterlassen demzufolge einen schalen Nachgeschmack bei Mauser/Grünhorn, zumal er von einer ihm unbekannten Frau rätselhafte Postkarten erhält. Die Unbekannte will ihn treffen, sie mag ihn. Zu diesem Zeitpunkt weiß Mauser/Grünhorn noch nicht, dass es sich dabei um Edda handelt, die in der Videothek arbeitet, wo er sich einmal in der Woche einen Film ausleiht. Nach einem ersten flüchtigen, geheimnisvollen Treffen auf der Straße erkennt Mauser/Grünhorn Edda bei seinem nächsten Besuch in der Videothek wieder und lernt sie näher kennen. Dann geht diese ungewöhnliche junge Frau ihm nicht mehr aus dem Kopf, je öfter sie sich begegnen, je intensiver sie reden. Sie scheint ihn zu kennen, besser als er sich selbst. Sie ist es auch, die Mauser/Grünhorn bei der Bewältigung seiner Vergangenheit hilft.

Denn die ist nicht ganz einfach: Der Vater von Mauser/Grünhorn, einfach nur Zöllner genannt, hat nach heftigem Streit seine Frau erwürgt und zwei Tage alleine mit der Toten in der Wohnung verbracht. Als Mauser/Grünhorn seinen Vater besuchen kommt und mit der Situation konfrontiert wird, muss er erkennen, dass sein Leben, wie es bisher war, vorbei sein wird. Zöllner flüchtet, Mauser/Grünhorn ruft die Polizei. Aber es ist alles zu viel für den vorbelasteten Jugendlichen, der die früheren Auseinandersetzungen und Sorgen nur mit Abstand aushalten konnte. Die Behörden ermitteln und Mauser/Grünhorn ist nun allein mit nagender Ungewissheit über den Verbleib seines Vaters und um seine eigene, vorbelastete Zukunft.

In einer roadtrip-ähnlichen Reise begibt sich Grünhorn - ab hier nur noch ohne die Stimme Mausers, den Grünhorn aber immer wieder erwartet und sich (ebenso wie der Leser) über dessen Ausbleiben wundert, was Mohl aber nicht näher erklärt – zusammen mit Edda auf ein Festival. Einerseits macht er sich auf die Suche nach seinem Vater, den er dort vermutet, andererseits will er Jackie wiedersehen, die dort bis zum Umfallen feiern will. Durch einen Umweg gelangen Grünhorn und Edda an die Küste, wo sich plötzlich alle Figuren treffen und Grünhorn die Antworten auf Fragen findet, von denen er sich nicht einmal bewusst war, dass er sie gesucht hat.

Es gelingt Grünhorn, sein Leben neu zu sortieren: Er verabschiedet sich sowohl von Jackie und damit verbunden von der anderen Welt, er verabschiedet sich aber auch von seinem Vater, indem er erkennt, dass er für dessen Taten keine Verantwortung trägt. Und er findet zu Edda, die ihn so nimmt, wie er ist und ihm durch ihre Liebe ein Gefühl von Sorglosigkeit schenken kann.

Kritik

Der Roman Es war einmal Indianerland zeigt deutlich die Zerrissenheit eines Protagonisten in einem problematischen sozialen Umfeld, das geprägt ist von Gewalt, Liebe und einer nicht bewältigten Vergangenheit, der der Protagonist allein gegenübersteht. Diese Zerrissenheit überträgt Mohl auch auf den Protagonisten – der seine Geschichte aus einer autodiegetischen Perspektive erzählt – und zeigt ihn als eine zunächst gespaltene, geradezu schizophrene Persönlichkeit: Zwei Stimmen in seinem Kopf, nämlich Mauser und Grünhorn, melden sich immer wieder zu Wort und beeinflussen den Protagonisten, bis Mauser sich 'verabschiedet' aus Grünhorns Kopf. Damit scheint die Zerrissenheit des Protagonisten überwunden, der sich endlich entschließt, sein Leben selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Die Perspektive des Romans ist intelligent, anspruchsvoll und abwechselnd mit Rück- und Vorausblicken gestaltet, bis zwei Wochen um sind. Zuerst folgt man im Fokus eine Woche lang Mauser und Jackie, die zweite Woche Grünhorn und Edda. Beiden Sequenzen ist ein Überblick vorangestellt, in dem stichwortartig die nun folgenden Ereignisse festgehalten sind.

Besonders hervorzuheben ist der von Mohl technisch gekonnt umgesetzte Wechsel von Vor und Zurück in einer anachronistischen Erzählweise: je innerhalb einer der zwei Wochen, die strukturell klar ersichtlich getrennt sind, springen die einzelnen Kapitel tageweise hin und her, sodass nur nach und nach ein vollständiges Bild der beschriebenen Situationen, Figuren und Handlungsabläufe entsteht. Diese Sprünge sind, dem Tastenfeld eines Abspielgeräts nachempfunden, graphisch an Anfang und Ende eines jeden Kapitels gesetzt. Eingestreute Zeitungsartikel und offizielle Berichte zu dem Fall Zöllner oder einem Unwetter fügen Faktenwissen ein, auf das in Andeutungen im Fließtext eingegangen wird. Mohl vermittelt somit eine Ebene des außenstehenden Wissens, das in klarem Kontrast zu der Ich-Perspektive Mausers/Grünhorns steht.

Auch sprachlich und orthographisch löst sich Mohl von einer klassischen, korrekten Erzählweise, wenn er die Satzzeichen der wörtlichen Rede weglässt – somit den Leser fordert, zwischen dialogischen und beschreibenden Elementen zu unterscheiden - und immer wieder Dreifachreihungen ohne Trennungszeichen stehen lässt (Vater Mutter Kind, S. 144). Häufig unterstreicht Mohl weiterführende Eindrücke durch Einschübe, die, in Klammern abgesetzt, einzelne Momente und Beschreibungen näher beleuchten.
 
Fazit 

Durch seine Technik und seinen authentischen Blick für die Bedürfnisse seiner Figuren schafft Mohl einen Text, der den Leser ganz nah an das Geschehen heranholt und immer wieder neu eintauchen lässt. Dabei nähert sich der Leser dem Kern der Geschichte und den Figuren nur langsam. Besonders die Protagonisten gewinnen an Tiefe, je mehr Leerstellen Mohl ihnen einräumt durch das, was nicht gesagt wird.

Mohl umkreist seine Figuren geradezu und nähert sich ihnen behutsam. Gemachte Andeutungen werden auch mal nicht aufgelöst und eröffnen so eine Vielfalt von Interpretationen, ebenso wie die implizite Erzählweise dem Leser immer weitere Themen, Eindrücke und vielschichtige Blicke auf die Figuren ermöglicht. Und dieser unorthodoxe Stil erhebt Es war einmal Indianerland zu einem der lesenswertesten und  lesbarsten deutschsprachigen Jugendbücher dieser Zeit, das 2012 auch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.


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