von Dr. phil. Tanja Lindauer

"Es gibt nur zwei Gründe, warum eine Nicht-Sehende am Vorabend des Markustags einen Geist erblickt, Blue. Entweder du bist seine wahre Liebe... oder du hast ihn getötet." Im Fall von Blue trifft beides zu. Bereits als Kind weiß sie um ihre Zukunft: Sie wird ihre wahre Liebe mit einem Kuss töten. Und ausgerechnet in diesem Jahr soll sie sich laut einer Prophezeiung verlieben.

Stiefvater, Maggie: Wen der Rabe ruft. Übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina.
script 5, Bindlach 2013.
464 S., 18,95 €
ISBN 978-3-8390-0153-0

Inhalt

Die 16-jährige Blue Sargent wächst in einem chaotischen Frauenhaushalt inmitten von Wahrsagern und Medien auf. Doch diese Begabung wurde ihr als Einzige in der Familie nicht in die Wiege gelegt. Sie kann lediglich die Stimmungen und Gaben der anderen intensivieren. Schon als kleines Mädchen wird sie mit ihrer Zukunft konfrontiert, die alles andere als rosig ist: Sie wird ihre wahre Liebe mit einem Kuss töten. Bis zu ihrem Dasein als Teenager war dies allerdings weniger ein Problem. Doch jetzt wurde ihr vorhergesagt, dass sie sich noch dieses Jahr verlieben wird. Als sie dann am Vorabend des Markustags auf dem Friedhof einem Geist begegnet, scheint die Weissagung sich bald zu bewahrheiten. Denn in dieser Nacht können die Seherinnen ausmachen, welche Personen, die in Geistergestalt auf dem Friedhof erscheinen, im nächsten Jahr sterben werden. Und da ist nun also auch dieser Junge, den Blue, trotz fehlender Gabe, sehen kann. Zwar ist er mehr eine schemenhafte Gestalt und sie kann seine Gesichtszüge nicht richtig erkennen, aber immerhin erfährt sie seinen Namen: Gansey. Ist er der Junge, in den sie sich verlieben wird? Wird sie tatsächlich Schuld an seinem Tod sein?

Kurze Zeit später erfährt sie dann auch, wer dieser Gansey ist: ausgerechnet ein Aglionby-Junge. Einer jenen, die auf die Eliteschule gehen und sich vermutlich für etwas Besseres halten. Doch sein Freund Adam, der so gar nicht in die Clique passen will, zieht Blue magisch an. Verliebt sie sich etwa in ihn (und nicht in Gansey)? Dabei hat sie doch zwei Grundsätze: "Nummer eins: Halte dich von Jungs fern – die machen nur Ärger. Und Nummer zwei: Halte dich von den Aglionby-Jungs fern – die sind alle Mistkerle." Aber die Wege der 16-Jährigen und der Clique um "Präsident Multitasking", wie sie Gansey nennt, kreuzen sich mehrmals. Und so schreibt Blue ihre Vorsätze schon bald in den Wind.

Und dann bittet der 17-jährige Gansey ihre Mutter, eine Wahrsagerin, auch noch um Hilfe bei seiner Suche nach der Ley-Linie und König Glendowers Grab, um dem sich einige Legenden ranken: Es heißt, dass derjenige, der den König weckt, ihm einen großen Gefallen erweisen werde. Doch Maura wehrt ab und wirft ihn recht unsanft aus dem Haus. Blue aber, die sich zum einen von Adam angezogen fühlt, und sich zum anderen Gansey gegenüber verpflichtet fühlt, schließlich wird er ihrer wegen sterben, beschließt sich der Gruppe anzuschließen. Vielleicht kann sie in Ganseys Näher sein Schicksal ändern und ihn vor dem Tod bewahren?

Mit ihrem Wissen kann sie der Gruppe – bestehend aus Gansey, Adam, der aus familiär schwierigen und armen Verhältnissen stammt, dem ständig wütenden und reichen Ronan und dem geheimnisvollen Noah – bei der Suche der Ley-Linie helfen und bald sind sie ihrem Ziel näher, als sie sich je erträumt haben, und begeben sich dabei in tödliche Gefahr. Denn nicht nur sie sind hinter Glendowers Grab her.

Kritik

Maggie Stiefvaters geplante Tetralogie beschäftigt sich – wie bereits in Rot wie das Meer – erneut mit der keltischen Mythologie. Und abermals gelingt es ihr, den Leser von Beginn an zu fesseln. Wortgewaltig erschafft sie eine Welt um Blue, ihre Familie und Ganseys Clique in den Weiten Virginias. Und verwebt dabei gekonnt die reale Welt des kleinen Städtchens Henrietta – Adams familiäres Umfeld in der Wohnwagensiedlung mit gewalttätigem Vater steht dabei im krassen Verhältnis zu Ganseys, Noahs und Ronans Welt – mit der phantastischen, geisterhaften. Der 17-jährige Gansey ist der keltischen Sage um Owain Glendower verfallen und hat sein Leben der Suche nach dessen Grab gewidmet. Er ist der Überzeugung, dass Glendower in seinem Grab, ähnlich König Artus, lediglich schlafe und auf seine Erweckung warte. Auch die Ley-Linie und die belebte Natur, wie etwa sprechende Bäume, sind dabei der Mythologie entnommen. Eine weitere Anspielung ist sicherlich das Emblem der Aglionby-Schule: ein Rabe. Mit diesem Symbol schafft die Autorin zum einen einen Bezug zur Artus-Sage, denn nach seinem Tod in der Schlacht von Camlann soll sich Artus in einen Raben verwandelt haben. Zum anderen gelten Raben als eine Verbindung zu den Toten, dass Ronan ausgerechnet einen jungen Raben findet und großzieht, ist somit äußerst bedeutungsschwanger. So kann der junge Rabe sowohl auf Ganseys bevorstehenden Tod hindeuten als auch zu einer Verbindung zu Glendower und anderen Geistern, die eine zentrale Rolle im ersten Band der Reihe spielen. Doch mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Fazit

Maggie Stiefvater ist mit Wen der Rabe ruft ein guter Auftakt gelungen, für den sie zu Recht vom Publisher's Weekly unter die Best Books 2012 gewählt wurde. Einziger Wermutstropfen: das Warten auf Band 2.

(ab 16, erscheint am 09. Oktober 2013)


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