von Sabine Planka

Kasienka muss auswandern: Ihre Mutter will dem Vater nach England folgen , der die Familie verlassen hat. In einer Welt, die nicht die ihre ist, in der sie von Mitschülern gemobbt wird und feststellen muss, dass der Vater eine neue Familie gegründet hat, besinnt sie sich auf ihre Stärken – und schwimmt! Ein wunderbares stilles Buch, das durch leise Töne besticht und dabei mit Auswanderung und Mobbing aktuelle Themen eindringlich problematisiert.

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014, Sparte "Jugendbuch".

Crossan, Sarah: Die Sprache des Wassers.
A.d. Engl. v. Cordula Setsman.
mixtvision, München 2013.
228 S., 13,90 €
ISBN 978-3939435-84-6

 Inhalt
Kasienkas Vater, den sie selbst Tata nennt, hat die Familie verlassen und ist nach England ausgewandert. Kasienka und ihre Mutter folgen ihm, ohne zu wissen, wo genau sie den Vater finden können. Mit einem Koffer und einem Wäschesack reisen sie von Danzig nach Coventry, wo sie ein einzelnes Zimmer beziehen: "[…] das perfekte Heim […] – / für einen herrenlosen Wäschesack. / Ja. / Aber nicht für uns" (S. 13). In der neuen Schule stößt Kasienka, die dort von allen Cassie genannt wird, auf Ablehnung – weil sie Polin ist, und das selbst auch deutlich spürt: "Ich bin eine Polin in Coventry" (S. 49). Statt in die sechste Klasse wird die 13-jährige in die fünfte Klasse zu lauter Elfjährigen gesteckt, die sie gnadenlos mobben.

Auch die Wohnsituation gestaltet sich nicht einfach: Zusammen mit ihrer Mutter bewohnt sie ein Zimmer, ausgestattet mit einer Kochecke und einem einzigen Bett, in dem sie mit ihrer Mutter zusammen schlafen muss. Einzig der Nachbar Kanoro, ein Afrikaner, ist ein kleiner Lichtblick im tristen Alltag von Kasienka und ihrer Mutter, die beide nach dem Vater suchen, Kasienkas Mutter mehr als Kasienka. Straßenzug um Straßenzug laufen die beiden ab und klingeln an jeder Haustür, um den Vater zu finden. Kanoro ist es schließlich, der Kasienka einen Zettel mit der Adresse des Vaters in die Hand drückt und ihr rät, zunächst alleine dorthin zu gehen (vgl. S. 144f.). Kasienka macht sich auf den Weg und findet ihren Vater – zusammen mit einer neuen Frau und einem Baby, ihrer Halbschwester. Kasienka muss feststellen, dass ihr Vater eine neue Familie hat. Ihre Hoffnung, dass ihre Eltern wieder zusammenfinden, zerbricht. Gleichwohl erfährt sie dort "dieses Gefühl von Familie" (S. 156), das sie bei ihrer Mutter mehr und mehr vermisst.

Während dieser Zeit trifft Kasienka im Schwimmbad William, der in die siebte Klasse geht. Beide verlieben sich ineinander und William ist schließlich derjenige, der nicht nur ihr wahres Talent erkennt – er erzählt ihr von der Schwimmmannschaft, in der Kasienka schließlich aufgenommen wird (vgl. S. 168) –, sondern sie als einziger ermutigt, sich gegen das Mobbing zur Wehr zu setzen (vgl. S. 187). Er vertraut Kasienka und ihrer Stärke und steht bedingungslos hinter ihr. William integriert Kasienka zudem ganz selbstverständlich in seine Familie: Er lädt sie zum Geburtstag seiner Oma ein, die sich als ganz unkonventionell entpuppt und selbst auf dem Trampolin herum hüpft, das für Williams Geschwister aufgebaut wurde. Und auch Williams Vater – seine Mutter ist verstorben – steht Kasienka aufgeschlossen gegenüber: "Williams Vater schaut nicht finster drein, / als wir die Tür / von Williams Zimmer hinter uns / zumachen. / Er sagt nur: ‚Benehmt euch, Kinder‘" (S. 183). Auch Tatas neue Lebensgefährtin Melanie ist Kasienka gegenüber aufgeschlossen und nimmt sie als Mensch wahr: "Sie erkundigt sich nach mir: Nach der Schule, / dem Schwimmen, / Polen […]" (S. 158f.).

All das hilft Kasienka, sich dem Mobbing und ihrer 'Feindin' Clair zu stellen – mit Erfolg: "Ich trete an Clair heran und zische / in einer Sprache, die sie, wie ich denke, / verstehen wird: / ‚Warum verpisst du dich nicht einfach.‘ / […] / Clair steht mit offenem Mund da, / bereit zurückzuschlagen, / doch plötzlich erkennt sie / meine Freude, meinen Triumph, / und ihre Macht versiegt" (S. 215).

Doch nicht nur Kasienka verändert sich und wird stärker, auch Kasienkas Mutter verändert sich. Die verzweifelte Suche nach ihrem Mann, die Erkenntnis, dass er eine neue Familie hat, der sich steigernde Alkoholkonsum und der Wunsch, nach Danzig zurückzukehren: All das wird abgelöst durch ihre langsam aufkeimenden Gefühle für Kanoro, dem schließlich auch der Absprung aus dem Wohnheim gelingt und der endlich als Kinderarzt arbeiten kann.

Kritik
Sarah Crossan gelingt mit ihrem Roman Die Sprache des Wassers eine packende Geschichte: Im Gegensatz zu Breathe, das Jugendliche in einer dystopischen Gesellschaft zeigt und einen ökologischen Handlungsrahmen entwirft, sind es hier die leisen Töne, die dieses kleinformatige Buch zu etwas ganz Besonderem machen. Crossan verzichtet hier auf epische Breiten und setzt auf ihre autodiegetische Erzählerin Kasienka, die ihre Geschichte mit einer klaren, eindringlichen, geradezu intimen Sprache erzählt, die die ganze Gefühlswelt zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt die lyrische Form, die Crossan ihrer Geschichte übergestülpt hat und so eine ungewöhnliche Art des Erzählens angeschlagen hat, die aber wunderbar funktioniert und den Leser am Innenleben der Protagonistin teilhaben lässt, die als Außenseiterin etabliert wird, die kein Handy und keinen iPod besitzt und nur beim Schwimmen sie selbst sein kann.

Neben dem Thema des Außenseitertums und des Mobbings greift Crossan Themen auf, die mehr denn je vor aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen an Aktualität besitzen und rückt sie in den Fokus: Ihre moderne Auswanderergeschichte reichert sie an durch die zerbrechende Familie, aus der neue Familien hervorgehen (können), beginnende Alkoholsucht, aber auch mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Kernstück ist neben dem Mobbing wohl die sich entwickelnde Liebe zwischen Kasienka und William, die Kasienka bestärkt und ihr hilft, sich ihren Problemen zu stellen und das Mobbing zu beenden.

Die einzelnen Kapitel des Buches, die oftmals nicht mehr als eine halbe Seite umfassen, sind in drei Teile und einen Epilog unterteilt und erinnern so in groben Zügen an ein Drama. Der erste Teil, der über die Hälfte des Buches einnimmt, zeigt den Aufbruch in ein neues Land, verbunden mit der Suche nach dem Vater, und ist geprägt von Hoffnung, die angereichert wird durch Kasienkas Begegnung mit William, die aber auch geprägt ist durch das Mobbing in der Schule. Der zweite Teil zeigt die zerbrechenden Hoffnungen Kasienkas auf eine Zusammenführung ihrer Eltern, gleichzeitig aber auch die erstarkende Liebe zu William, die es ihr im dritten Teil ermöglicht, sich dem Mobbing zu entziehen und auch der neuen Klassenkameradin Dalilah, verschleiert mit dem Tschador, aufgeschlossen gegenüberzutreten und sie als Freundin zu gewinnen. Auch Schwimmerfolge tragen zur Stärke Kasienkas bei, was im Epilog dazu führt, dass Kasienka noch stärker trainiert und das Wasser als ihr Element anerkennt – und letztlich zu sich gefunden hat: "Ich stehe für mich allein, / und das / hat sich noch nie so gut angefühlt" (S. 228).

Fazit
Sarah Crossan ist ein komplexer Roman gelungen, der still und leise und mit erstaunlicher Leichtigkeit auf 228 Seiten eine unglaubliche Stärke entwickelt und dem Leser große Gefühle nahebringt. Effekthascherei sucht man vergeblich – und das ist auch gut so. Denn das hat dieser wunderbare Roman auch gar nicht nötig!

Zurecht wurde er von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in der Sparte "Jugendbuch" im März 2014 als Buch des Monats ausgezeichnet.

Literatur/Quellen
http://mobil.mixtvision-verlag.de/main_detail.php?bereich=programm_alle_buecher&id=920 (Stand 17.10.2013)


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