von Sabine Planka

Nach der Zerstörung des Rebellenhains sind Bea und Quinn zusammen mit der verletzten Jazz auf der Flucht im Ödland und auf der Suche nach Sequoia, einem weiteren Rückzugsort für Rebellen, der Rettung verspricht. Auch die anderen überlebenden Rebellen, darunter Alina und Silas, sind auf der Suche nach Sequoia und finden es schließlich. Doch Sequoia ist nicht das Paradies, das sich die Überlebenden erhofft haben, sondern birgt erneut Angst und Schrecken. Die dystopische Fortsetzung von Crossans Breathe – Gefangen unter Glas, die die Frage nach dem Umgang mit Leben und den Schutz des selbigen in den Fokus rückt.

Crossan, Sarah: Breathe. Flucht nach Sequoia.
A.d. Engl. v. Nina Frey.
dtv, München 2013.
368 S., 16,95 €
ISBN 978-3423760799

Inhalt
Auch im zweiten Band von Breathe konstruiert Sarah Crossan eine komplexe Handlung.

Nachdem die Regierung den Rebellenhain niedergebrannt, die Bäume vernichtet und die Rebellen fast alle getötet hat, sind die übrigen Rebellen in zwei Gruppen auf der Flucht und auf der Suche nach dem sagenhaften Sequoia, das als Paradies gilt und Schutz bieten soll für alle Flüchtlinge. Alina und Silas reisen zusammen mit anderen Überlebenden zunächst per Boot, dann zu Fuß nach Sequoia. Bea und Quinn machen sich zusammen mit Jazz auf den Weg. Doch Jazz verletzt sich unterwegs und Quinn beschließt, die Suche nach Sequoia allein fortzusetzen. Bea und Jazz bleiben zurück und warten auf Quinn. Doch nicht Quinn rettet Bea und Jazz, sondern Oscar, dessen Vater – Präsident in der Kuppel – bei den Tumulten in der Kuppel ums Leben gekommen ist (siehe Band 1). Vom neuen Präsidenten hat er den Auftrag bekommen, außerhalb der Kuppel nach Rebellen zu suchen und ihren Aufenthaltsort an das Militär weiterzugeben, damit auch die letzten Rebellen getötet werden können. Doch in Quinns Vater, der seinen Sohn sucht, findet er einen Verbündeten, der zunächst die verletzte Jazz und schließlich auch ihn und Bea zurück in die Kuppel bringt. Er lässt sich von Bea und Oscar überzeugen, dass für neue militärische Angriffe auf die Rebellen, die außerhalb der Kuppel leben, Rebellen rekrutiert werden sollen, die in der Kuppel leben und heimlich zu Soldaten ausgebildet werden sollen, damit sie der Regierung beim Kampf in den Rücken fallen und so stürzen können.

Währenddessen haben die Überlebenden Sequoia erreicht – und müssen feststellen, dass hier alles andere als Hilfe zu erwarten ist. Vanya, die in Sequoia herrscht, entpuppt sich als Tyrannin: Sie hat ein System erschaffen, von dem sie selbst sagt: "Hier kommt keiner mehr raus" (S. 157) und in dem Menschen nach genetischen Plänen zum Nutzen des Systems gezielt gezüchtet werden, um später außerhalb der Kuppel perfekt leben können. Zudem lässt sie an Menschen, die für ihr System nutzlos erscheinen, Versuche und Experimente durchführen, bis sie sterben. Um ihre Herrschaft zu sichern, geht sie sogar so weit, mit ihren Sequoianern die Kuppel anzugreifen, um die dortigen Menschen dem Tod auszusetzen.

Quinn, der inzwischen auch in Sequoia angekommen ist, Alina und Silas decken jedoch die Pläne Vanyas auf und flüchten mit einigen Menschen aus Sequoia zurück in Richtung Kuppel. Doch sie kommen zu spät, die Angriffe Vanyas sind bereits in vollem Gange. In den Kriegswirren findet Quinn Bea wieder und auch die gerettete Jazz stößt zu ihnen. Die Ereignisse überschlagen sind und Opfer, darunter auch Alina, sind auf beiden Seiten zu beklagen. Während die Regierung versagt, sind es schließlich die Rebellen, die gegen die Sequoianer erfolgreich sind und den Angriff niederschlagen können, zumal sich ihnen viele andere Seconds, die Menschen zweiter Klasse innerhalb der Kuppel, angeschlossen haben.

Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel, das den Aufbau einer neuen Siedlung außerhalb der Kuppel zeigt: Eine Grenze zwischen der Kuppel und der Außenwelt gibt es nicht mehr, die Rebellen, darunter Bea und Quinn sowie Oscar und andere Überlebenden, bauen kleine Häuser und machen so das Leben außerhalb der Kuppel möglich, dem sich immer mehr Menschen anschließen wollen.

Kritik
Die komplex konstruierte Handlung des ersten Teils setzt sich im zweiten Band fort. Sarah Crossan knüpft auch hier die einzelnen Handlungsstränge an ausgewählte Personen und schildert das Geschehen somit einerseits multiperspektivisch, andererseits gelingt es ihr so auch wieder, Handlungsorte und damit parallel stattfindendes Geschehen simultan darzustellen und die Handlung linear voranzutreiben.

Auch im zweiten Band greift Crossan Macht- und Profitgier auf, die aber hier nicht nur mit der Regierung verknüpft werden, sondern zusätzlich mit einer neu eingeführten Tyrannin verbunden werden. Diese neue Tyrannin ist Vanya, die mit ihren eigenen Methoden eine neue Menschheit schaffen will, letztlich aber auch aus Machtgier an ihren sinnlosen Plänen scheitert. Die Vernichtung der Natur wird zwar in diesem Band noch thematisiert und spielt auch noch eine große Rolle – schließlich kämpfen Bea, Quinn, Alina, Silas und die anderen für die Natur und die Urbanisierung des Ödlandes –, jedoch wird im zweiten Band die Rolle und der damit verbundene Wert des Menschen in den Fokus gerückt. Vanya, die im zweiten Band die Position Petras eingenommen hat – Petra wurde als Herrscherin über den Rebellenhain am Ende des ersten Bandes von der Regierung getötet – und auch noch Petras Schwester und Jazz‘ Mutter ist, ist auf ihre Art eine 'Züchterin': Im Gegensatz zu Petra, die Pflanzen züchtete, ist Vanya allerdings eine Menschenzüchterin. Alle Menschen, die sich in ihrem Sequoia aufhalten, werden hinsichtlich ihrer Fortpflanzungsfähigkeit untersucht und mittels Gentests mit idealen Partnern 'verpaart', um schließlich perfekte Kinder zu zeugen, die die Basis einer neuen Menschheit bilden sollen. Der Mensch wird als Ware und Objekt gesehen, als Mittel zum Zweck, um auch hier wieder eigene Interessen durchzusetzen und die eigene Macht zu festigen. Somit steht der Mensch als natürliches Objekt im Fokus, der gezielt perfektioniert werden soll, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

An diesen Herausforderungen, die sich ergeben durch Vanyas Pläne, müssen die Protagonisten wachsen und reifen, die durch ihre Darstellung genügend Identifikationspotential für den Leser bieten. Und das gelingt auch, so dass sich hier anteilig Elemente eines Adoleszensromans finden lassen. Die Protagonisten werden sukzessive erwachsen und lernen, Verantwortung für sich, aber auch für andere zu übernehmen und Fehler einzugestehen. Als Beispiel kann Quinn herangezogen werden, der "sich […] nicht im Entferntesten an[hört] wie der Junge, den ich vor zwei Wochen kennengelernt habe. Er hat Rückgrat entwickelt. Und ein Lebensziel.", wie Alina erstaunt auf der Flucht aus Sequoia in Richtung Kuppel feststellt. Auch wenn die Vorhaben der Regierung noch relevant sind, sind es doch die Ziele einzelner, die vermehrt in den Fokus gerückt werden.

Der fünfte Teil der Geschichte "Der Frühling" – die anderen Kapitel sind 1. Die Reise, 2. Die Entscheidung, 3. Der Verrat, 4. Die Rückkehr – zeigt die Lebenssituation aller Beteiligten nach dem Krieg um die Kuppel, bleibt dabei im Gegensatz zur restlichen Geschichte, die lebendig und unterhaltsam spannend geschrieben ist und überraschende Wendungen beinhaltet, allerdings erstaunlich farblos. Aus der Sicht Beas dargestellt wird deutlich, das die Überlebenden ihr Leben selbst in die Hand genommen und angefangen haben, eine neue Siedlung außerhalb der Kuppel zu bauen. Regen begießt die angepflanzten Bäume und Sträucher und alle leben friedlich miteinander. "Uns bleibt jede Menge zu tun. Jede Menge zu lernen. Und jede Menge zu fürchten. Aber heute freue ich mich an dem Regen [sic!] auf meiner Hand und meinem eigenen flachen Atem. Die Elemente gehören endlich uns allen. Und das genügt erst mal.", stellt Bea am Ende fest. Auch wenn hier das Kernproblem der bisherigen beiden Bände angesprochen wird – Unabhängigkeit, Freiheit, eigenbestimmt zu handeln, die Natur zu schützen etc. –, so lässt das Ende, das die Gemeinschaft in den Vordergrund rückt und eine friedliche Stimmung erzeugen soll, den Leser unbefriedigt zurück. Wichtige Fragen,  wie der Umgang mit der gestürzten Regierung und der Verbleib Vanyas, werden nicht beantwortet. Das ist bedauerlich, da sich mit dem Sieg über die Regierung die Probleme, die Crossan im Laufe der beiden Bände aufgebaut hat, sicherlich nicht so einfach lösen lassen. Das letzte Kapitel, das hier als eine Art Ausblick interpretiert werden kann, wird der Komplexität der beiden Romane nicht wirklich gerecht und scheint das Leben nach dem erfolgreichen Kampf und dem Sieg ein Stück weit zu idealisieren.

Fazit
Sarah Crossan gelingt es, an Breathe – Gefangen unter Glas anzuknüpfen und die Handlung spannend weiterzuführen. Die Darstellung der Protagonisten und deren Entwicklungen ist überzeugend und bietet Identifikationspotential für den Leser. Zudem rückt der Mensch als solcher als Geschöpf der Natur in den Mittelpunkt, der zu einer Ware und damit zu einem züchtbaren Produkt degradiert wird. Jedoch enttäuscht das Ende, dass mit 3 ½ Seiten der Komplexität der spannend aufgebauten Handlung nicht gerecht wird.


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