Mohl, Nils: Stadtrandritter

von Anna Stemmann M.A.

"Ich sag mal: So bist du als Junge mit 18 einfach, oder? Eine merkwürdige Ansammlung widersprüchlicher Ichs." (S. 54) Stadtrandritter von Nils Mohl ist der zweite Teil seiner Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie. Es geht aber nicht nur um Glauben, sondern auch wieder um die Liebe: Mädchen und Junge treffen sich, es funkt auf den ersten Blick und es entspinnt sich eine unglückliche Liebesgeschichte am Stadtrand, inklusive Ritter, Helden, Drachen und den Wirrungen des Erwachsenwerdens.

Mohl, Nils: Stadtrandritter.
Reinbeck, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2013.
685 S., 14,99 €
ISBN 978-3499216145

Inhalt
Nach Es war einmal Indianerland (2011) legt Nils Mohl nun den Folgeband Stadtrandritter (2013) vor. Dieser knüpft lose an den ersten Teil an und ist in der gleichen tristen Stadtrandgegend zwischen Plattenbauten und Betonwüsten verortet. Zeitlich spielt die Geschichte etwa ein gutes Jahr nach den Ereignissen um den 17 Jahre alten Mauser. Zwei neue Hauptfiguren, die 17-jährige Merle und der 18-jährigen Silvester, aus deren jeweiliger Perspektive erzählt wird, betreten neben Mauser, seiner Freundin Edda und dem kleinkriminellen Kondor nun die Bühne. Ergänzt wird das Figurenensemble außerdem um den Verbrecherboss Brand III mit seinen Vasallen und den jugendlichen Gemeindepfarrer Kamp.

Merle wohnt mit ihren Eltern in einem Einfamilienhaus am Rande der Stadt, sie wächst behütet mit zwei älteren Brüdern auf und hat bis vor kurzem ein Austauschjahr im Ausland verbracht. Silvester lebt hingegen mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in den tristen Hochhäuserblocks  in einer Siedlung im selben Stadtteil wie Merle. Er ist mit Domino zusammen, der besten Freundin seiner Schwester Kitty, die vor drei Jahren unerwartet an einem Hirnschlag starb. Die Frage nach dem Warum ist seitdem Silvesters ständiger Begleiter. Von seiner Mutter erfährt er bei der Aufarbeitung des Todes seiner Schwester wenig Unterstützung, denn sie hat sich nach dem Verlust in ihre eigene Welt zurückgezogen.

Merle und Silvester kennen sich schon seit dem Konfirmandenalter, wo sie bereits kurz anbändelten, sich danach jedoch aus den Augen verloren. Als sie sich jetzt zufällig wieder treffen funkt es zwar sofort, dennoch finden sie nicht richtig zueinander. Die sich entwickelnde Liebesgeschichte ist gekennzeichnet durch ein beständiges Hin und Her, denn Silvester ist zunächst noch an Domino vergeben (die ihn auch nach der Trennung nicht recht aufgeben will) und steuert unausweichlich auf das bedrohliche Ende zu. Dies wird bereits zu Beginn der Geschichte enthüllt: ein großes Feuer, bei dem das Gemeindezentrum des Stadtteils in Flammen aufgeht.

Kritik
Den Inhalt der Geschichte knapp zusammenzufassen fällt schwer, denn Nils Mohl gelingt es auf hervorragende Art und Weise, unterschiedliche Erzählstränge, -perspektiven und Zeitebenen zu einem dichten Netz zu verweben. Die erzählte Zeit von August bis Ende Oktober wird nicht chronologisch aufgerollt, sondern in einem virtuosen Vor- und Zurück geschildert. Es überlagern sich sowohl die zeitlichen Ereignisse, als auch die Perspektiven, aus denen berichtet wird und erzeugen aus dem Plot eine stimmungsvolle und dichte Story. Dabei wird nicht nur die Geschichte um Silvester und Merle erzählt, sondern auch die Nebenfiguren gewinnen an Tiefe und dürfen sich entfalten.

Gelungen ist zudem die Anbindung an den Vorgängerroman, wenn kleinere Nebenhandlungen, Personen oder Ereignisse aufgegriffen, gestrafft und weitererzählt werden (dennoch kann man Stadtrandritter auch mit Freude lesen, wenn man den ersten Teil nicht kennt). Mohl kreiert hier einen plastischen Erzählkosmos, sein Bild vom Stadtrand. Das topographische Setting, respektive der erzählte Raum, spielt daher auch eine immense Rolle, denn der Roman schildert nicht nur die unglückliche Liebesgeschichte von Merle und Silvester, sondern ist gleichzeitig eine Milieustudie vom Stadtrand und zeigt ein marginalisiertes Gebiet mit ganz eigenen Strukturen, Hierarchien und sozialen Spannungen: "[…] bleibt besser weg, wenn ihr könnt, der Stadtrand ist eine Nummer zu groß für euch!" (S. 145)

Aufgeteilt ist das Buch in acht Kapitel, als Âventiure I-VIII betitelt. Deutlich wird, woran Mohl sich anlehnt, nämlich an mittelalterliche Ritter- und Heldengeschichten. Diese Epen und Sagen sind der Grundstock, aus dem sich die Erzählung schöpft. Silvester begibt sich auf seinen ureigenen Kreuzzug und trifft dabei auf Merle, das Burgfräulein (bezeichnenderweise mit Nachnamen von Aue), das es zu erobern gilt. Konsequent streut Mohl Rittermotive, Metaphern und Elemente ein, transponiert die Fragen nach Glaube und Moral dabei aber geschickt in die heutige Zeit. Er zeigt keine eindimensionalen Helden, sondern mit sich hadernde Jugendliche im aufreibenden und unbeständigen Prozess des Erwachsenwerdens. Die Suche nach der eigenen Identität, dem eigenen Platz verschaltet sich hier ausdrücklich mit dem umgebenden Raum. Dass die Liebe zwischen Merle und Silvester schließlich nicht gelingen kann, wird auch durch ihre räumliche Distanz untermauert. Denn sie wachsen zwar im selben Stadtteil auf, ihre Welten sind dennoch deutlich voneinander getrennt: "Und tatsächlich markiert diese Fußgängerbrücke die unsichtbare Grenzen, die den Stadtteil in zwei Hälften teilt." (S. 39)

Besonders hervorzuheben ist die Sprache des Romans: gewitzt, doppeldeutig und authentisch. Nils Mohl gelingt es, den Ton einer Jugendsprache zu treffen, ohne diese dabei aufgesetzt zu imitieren: "–Ach, Kondor! Kondor ist eine Flasche ohne Pfand, Junge, der hat nichts drauf außer jede Menge Zahnbelag und ein paar dummen Sprüchen. Typen wie der ticken anders als du. [...] Es gibt Leute, die behaupten, unter solchen Umständen kommst du einfach nicht ohne kleinen Sprung im Napf davon." (S. 229)

Verbunden wird dies mit einer geradezu filmischen Erzählweise, die zwar nicht mit der Rasanz aus Es war einmal Indianerland mithält, aber stimmige und beeindruckende Bilder erzeugen kann. Folgerichtig heißt der Prolog dann auch "Trailer" und zwischengeschaltet sind kurze "Making-ofs", in denen die eigentliche Geschichte kurz verlangsamt wird und in einer Art Zoom-Verfahren Innenansichten einzelner Protagonisten präsentiert. Bis zur typographischen Gestaltung der Nebentexte ist der Roman durchkonstruiert (und das nicht in einem negativen Sinne) und realisiert dabei verschiedene intermediale Anleihen. So verweist etwa das hashtag-Zeichen # auf eine Internet- und Jugendkultur, Symbole zum Vorwärts- und Rückwärtsspulen am Beginn der einzelnen Kapitel übernehmen eigene narrative Funktionen und markieren durch das jeweilige Icon die Bewegung auf der erzählten Zeitebene. 

Fazit
Stadtrandritter ist ein komplexer, ernster und mitreißender Roman, der vor allem durch seine Multiperspektivität und sprachliche Gestaltung überzeugt. Die Geschichte um eine unglückliche Liebe ist dabei natürlich nicht neu, wird aber in unsere Zeit übersetzt und unterfüttert mit Fragen nach Glaube und Moral. Angenehmerweise liefert der Roman dafür keine Patentrezepte, sondern zeigt vielmehr den Weg und den unabgeschlossenen Prozess ebendieser Lebensfragen, erlaubt auch Scheitern und entlässt den Leser mit einem offenen Ende.

Mit gut 680 Seiten der Mohl’schen Trilogie ist der zweite Teil zwar deutlich länger geraten, aber nur an ganz wenigen Stellen zum Schluss hätte man sich strafferes Erzählen gewünscht. Ansonsten hält das Buch ein konsequent spannendes Niveau und knüpft nahtlos an Es war einmal Indianerland an. Nils Mohl hat erneut einen hervorragenden Jugendroman geschrieben, der sich den unbeständigen Fragen des Erwachsenwerdens annähert und lässt gespannt auf den Abschluss der Trilogie warten.

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