von Sabine Planka

Lotte will vor Weihnachten ihr Sparschwein Frodo schlachten, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Doch sie stellt fest, dass das Schwein leer ist. Auch bei allen anderen Bewohnern von Schneeberg ist das Geld verschwunden. Die Erwachsenen sind außer sich: Weihnachten ist aus ihrer Sicht ernsthaft in Gefahr. Doch den Schneeberger Kindern fällt eine pfiffige Lösung ein, die zeigt, dass Weihnachten mehr sein kann als Kommerz und Konsum.

Geisler, Dagmar: Das Weihnachtswunder von Schneeberg
Mit Illustrationen von Dagmar Geisler.
159 S., 10,95 €
dtv, München 2013.
ISBN 978-3-423-76086-7

Inhalt
Als Lotte ihr Sparschwein Frodo schlachtet muss sie feststellen, dass es leer ist. Alles Geld ist verschwunden. Auch ihr Bruder Felix, den sie zunächst im Verdacht hat, das Geld genommen zu haben, zeigt ihr eine leere Geldbörse. Und als Lottes Mutter Carla auch den 'Notgroschen' aus dem Tiefkühlfach vermisst, ist klar, dass es in Schneeberg nicht mit rechten Dingen zugeht. Nach und nach stellen auch die anderen Bewohner fest, dass sie kein Geld haben. Es hat sich einfach in Luft aufgelöst. Zudem nimmt das Schneetreiben in Schneeberg, das in einem kleinen Tal liegt, immer mehr zu. Auf der einzigen Straße nach Schneeberg verunfallt ein LKW, so dass der Zufahrtsweg versperrt ist. Schneeberg ist von der Welt abgeschnitten, niemand kommt hinein, niemand kann hinausfahren.

Die Erwachsenen sind aufgelöst: Sie diskutieren, wie man das Problem des fehlenden Geldes lösen kann, sie sitzen vor ihren Radios und erfahren, dass im ganzen Land das Geld verschwunden ist und sie brechen in Tränen aus, weil sie Weihnachten in Gefahr sehen.

Auch Lotte macht sich so ihre Gedanken. Im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sich passiv verhalten, schmiedet sie mit ihren Klassenkameraden Ida, Paul und Hannes hingegen einen Plan: Um Weihnachten zu retten und ihren Geschwistern und Eltern ein schönes Fest mit Festessen und Geschenken zu bieten, planen sie, Waren einfach zu tauschen statt mit Geld zu bezahlen. Was sich anfänglich etwas schleppend unter den vier Kindern entwickelt und mit der getauschten Zuckerdose von Lottes Oma gegen eine Gürtelschnalle für Lottes Mutter beginnt, bekommt bald richtig Zulauf, als die Erwachsenen Wind von der Tauschaktion bekommen und sich ihrerseits beteiligen. Daraus entstehen nicht nur Zweckgemeinschaften, sondern echte Freundschaften: So richtet Lottes Mutter Carla, eine gelernte Schneiderin, ihr Atelier im Modegeschäft von Frau Kühlwein ein und peppt deren Kleidung, die vorher etwas altbacken daher kam, so richtig auf, so dass die Schneeberger das Geschäft als neuen Treffpunkt für einen Plausch und eine Tasse Tee auserkoren haben.

Der Erfolg der Tauschaktion bekommt zwar Risse, als Bauer Micke ein lebendes Schwein gegen alle Waren eintauschen will, die der Tauschmarkt hergibt und die Erwachsenen sich wieder zu Beratungen ins Rathaus zurückziehen. Doch Lotte überlegt sich zusammen mit dem Leiter der Bank Arthur Specht ein Punktesystem, bei dem den Waren ein Punktewert zugeordnet wird. Da man maximal 20 Punkte ansparen kann, besteht auch keine Gefahr, dass jemand alle Waren erhält und andere Menschen leer ausgehen. Mit der Lösung, die von den Ratsherren noch diskutiert wird, können alle leben und das Tauschen geht über Weihnachten hinaus weiter.

An Neujahr ist das Geld plötzlich wieder da – aber irgendwie scheint keiner glücklich darüber. Und Lotte hält fest: "Bloß weil das Geld wieder da ist, müssen wir doch nicht so weitermachen wie vorher […]." (S. 157)

Kritik
Dagmar Geisler hat mit Das Weihnachtswunder von Schneeberg eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte geschrieben, die zeigt, dass Weihnachten doch mehr ist als ein Fest von Kommerz und Geldausgeben. Ganz deutlich führt sie das dem Leser vor Augen, als sie Lottes Bruder Karlchen lieber mit dem Aufziehauto spielen lässt, das Lotte für ihn getauscht hat, statt mit der protzigen Ritterburg, die sich Karlchen eigentlich gewünscht und auch geschenkt bekommen hat.

Die Geschichte wird von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt, der allerdings an Lotte als Hauptfigur klebt. Dazwischen bedient sich Geisler immer wieder eines Kniffs, um Lotte direkt zu Wort kommen zu lassen – und der z.B. schon in Kate und Sarah Klises Friedhofstraße 43 zu finden ist: Geisler lässt Lotte Emails an ihre beste Freundin schicken, die aus Schneeberg weggezogen ist und von dem ganzen Trubel in Schneeberg gar nichts mitbekommt. Dadurch gewinnt v.a. Lotte an Profil, die auf den Leser wunderbar sympathisch und erfrischend wirkt und deren Emotionen glaubhaft vermittelt werden. Die anderen Figuren sind ebenfalls alles andere als farblos und gewinnen durch ihr Verhalten an Kontur – und zeigen sich im Laufe der Handlung als 'lernfähig': So tauscht letztlich auch der Supermarktbesitzer Herr Schnapp, der sich bisher beharrlich geweigert hat zu tauschen, seine eigenen gegen andere Waren. Die Figuren sind also keineswegs statisch konstruiert, sondern verändern sich, zeigen Emotionen und arrangieren sich mit der neuen Situation, die ihnen plötzlich gar nicht mehr so schlimm vorkommt. Die Handlung strebt, ohne sich in Belanglosigkeiten oder Klischees zu verlieren, voran und gibt den Figuren so genügend Raum zur Entwicklung.  

Zudem wird die Geschichte bebildert durch die Autorin selbst. Die Bilder bestechen durch ihren Detailreichtum und verleihen nicht nur der Stadt Schneeberg Individualität, sondern geben auch den Bewohnern individuelle Züge und lassen deren Emotionen deutlich zutage treten – und den Leser schmunzeln!

Das Gedankenexperiment, das Geisler hier anschlägt, ist zudem ein wunderbares Beispiel, das Weihnachten einen tieferen Sinn hat, als ausschließlich Geld auszugeben und die Geschäfte leer zu kaufen: Gemeinschaftliches Miteinander, Aufeinanderzugehen und freundschaftlicher Umgang miteinander machen Weihnachten zu einem wahren Fest der Nächstenliebe – jenseits von Kommerz und Konsum.

Innerhalb der Geschichte greift Geisler auch auf bekannte Aspekte der KJL zurück. So ist Lotte als Scheidungskind das mittlere von drei Geschwistern, der Vater – von Beruf Geologe – lebt zur Zeit mit seiner neuen Frau in Sydney, die Mutter verdient als Schneiderin und Kellnerin das Geld, um die vierköpfige Familie zu ernähren - und verliebt sich am Ende der Handlung in den Filialleiter der Bank Arthur Specht. Die Oma baut in ihrem Garten Gemüse, Obst und Kräuter an, bevorratet es nach der Ernte und lagert es im Keller ein. Die beste Freundin zieht weg und Lotte und sie halten Kontakt über Mails und Telefon. Das alles sind Aspekte, die die Geschichte glaubhaft werden lassen, trotz des phantastischen Moments des plötzlich verschwindenden Geldes. Dessen Verschwinden und plötzliches Wiederauftauchen wird zwar nicht aufgelöst, sondern bleibt als phantastisches Element unerklärt bestehen. Für die Narration ist das aber unproblematisch: Die Lösung des Problems steht in dieser Geschichte im Vordergrund zusammen mit der aus der Lösung resultierenden Nächstenliebe. Das Verschwinden des Geldes ist somit lediglich - aber glaubhaft - als Anstoß konzipiert, um die Bewohner von Schneeberg aufeinander zugehen zu lassen und Weihnachten wieder zu einem Fest der Besinnlichkeit werden zu lassen.

Fazit
Dagmar Geisler ist mit Das Weihnachtswunder von Schneeberg eine wunderbare Geschichte gelungen, die das Weihnachtsfest als das darstellt, was es eigentlich sein sollte: Als Fest der Nächstenliebe und des Zusammenseins. Es geht um Familie, um Beisammensein, um die kleinen Freuden im Alltag, um Kindheitserinnerungen. Vor allem geht es aber darum, dass ein schönes Weihnachtsfest nicht von Geld abhängig ist!

 

Einen Überblick über weitere Weihnachtsbuchrezensionen finden Sie hier.


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