von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Die Geschichte von Gonzo, die im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau in der DDR in der Dunkelzelle saß und nun mit ihrem Freund über die Prager Botschaft in die BRD flüchtet – nach Weggesperrt der zweite Jugendroman von Grit Poppe gegen das Vergessen und Verdrängen der Grauen, die in Torgau geschahen…

Poppe, Grit: Abgehauen.
Dressler, Hamburg 2012
335 Seiten, 9,95 Euro
ISBN 978-3-7915-1633-2

Inhalt
DDR, geschlossener Jugendwerkhof in Torgau im Wendeherbst 1989: Von den politischen Umbrüchen im Staat bekommen die in Torgau inhaftierten Jugendlichen, die sozialistisch umerzogen werden sollen, herzlich wenig mit. Im Mittelpunkt des Romans steht die rebellische Gonzo, eine Figur, die bereits aus dem Roman Weggesperrt von Grit Poppe bekannt ist und eigentlich Nicole Pätzoldt heißt. Ihr Name ist ihr aber verhasst, so dass sie beschlossen hat, sich Gonzo zu nennen, als sie einmal im Westfernsehen die gleichnamige Figur in der Muppetshow sah – denn mit deren Außenseiter-Charakter konnte sie sich spontan identifizieren.

Die Sechzehnjährige muss eine Isolationshaft in der Dunkelzelle unter unmenschlichen Bedingungen erdulden, nachdem sie schon mehrfach versucht hatte, durch Selbstverletzungen ins Krankenhaus zu kommen. Dies erscheint ihr der einzige Ausweg aus der "Torgauer Hölle" zu sein. Ihre Qualen steigen ins Unermessliche, als ein Erzieher versucht, sich ihr sexuell zu nähern. Sie entkommt nur knapp einer Vergewaltigung. In den darauffolgenden Tagen in der Dunkelzelle besucht sie der "Panik-Punk", eine Wahnvorstellung, die Anzeichen ihrer blanken Verzweiflung ist. Der Panik-Punk bleibt von nun an ihr ständiger Begleiter.

In Rückblicken erfährt der Leser dabei von Gonzos trauriger Lebensgeschichte: Verlassen von den Eltern, verbrachte sie ihre Kindheit in wechselnden Heimen der DDR. In jungen Jahren gab es nur kurzzeitig eine Tante, die das Kind manchmal besuchte.

Nachdem Gonzo aus der Dunkelhaft entlassen wird, geht ihre Torgauer Zeit bald zu Ende: Sie soll in ihren Stammwerkhof zurückgebracht werden. Bei dieser Gelegenheit gelingt ihr die Flucht, geduldet von einem ihr gegenüber wohlwollenden Erzieher. In einer Kleingartendatsche, wo sie sich versteckt, lernt sie den Ausreißer René kennen, zu dem sie nach und nach Vertrauen fasst. Gemeinsam mit ihm wagt sie die Flucht in den Westen. René, der sich mit seinen Eltern überworfen hat, ist hierbei die treibende Kraft. Gonzo agiert eher als Mitläuferin, zumal sie in Torgau von den Ausreisewellen der DDR-Bürger in den Westen nichts mitbekommen hat. Gemeinsam gelingt den beiden Jugendlichen, die sich langsam ineinander verlieben, der illegale Grenzübertritt in die Tschechoslowakei. Es folgen Tage des Ausharrens auf dem Gelände der Prager Botschaft, bis endlich der bundesdeutsche Außenminister Genscher die Ausreise für die DDR-Flüchtlinge verkündet. Mit dem ersten Ausreisezug gelangt Gonzo in den Westen. In Martha, die sie in der Prager Botschaft kennengelernt hat, findet sie eine Ersatzmutter.

Ende gut, alles gut? Wohl kaum, denn es kann nicht alles gut sein, wenn man die Inhaftierung in Torgau hinter sich hat. Gonzo bleibt wohl lebenslang traumatisiert. Zum Ende des Romans nimmt sie Kontakt zu ihrer Freundin Anja auf, der Protagonistin aus Weggesperrt. Gemeinsam erkennen die beiden, dass sie die Traumata nur ansatzweise überwinden können, wenn sie den Ort des Geschehens noch einmal aufsuchen. Nach dem Mauerfall wurde der Jugendwerkhof in Torgau geschlossen. Anja und Gonzo fahren in Begleitung von René an den "Ort des Schreckens". Erst hier schafft es Gonzo, mit ihrem Freund René über das Erlebte zu sprechen. Er kann nur noch weinen – und Gonzo kann lange nicht alles aussprechen, was ihr in Torgau widerfahren ist. Aber sie fügt hinzu: "Eines Tages werde ich dir alles erzählen." Mit diesem Satz endet der Roman. 

Kritik
Nach eigenen Angaben (vgl. www.grit.poppe.de/interview) wurde die Autorin bei Lesungen ihres erfolgreichen Romans Weggesperrt häufig nach dem Schicksal von Anjas Freundin Gonzo gefragt. Mit Abgehauen beantwortet sie diese Fragen und lässt den Leser nun teilhaben am Schicksal von Gonzo, die im ersten Roman nur als Nebenfigur auftaucht.

Ähnlich wie Weggesperrt zeichnet sich der Roman durch die schonungslose Offenheit aus, mit der die Autorin die unmenschlichen Bedingungen schildert, unter denen die Jugendlichen in Torgau leben mussten. Die Schilderungen von Gonzos Isolationshaft in der Dunkelzelle grenzen ans Unerträgliche. Die Lektüre ist kaum auszuhalten. Doch anders als Weggesperrt hat nicht der ganze Roman einen derart düsteren Charakter. Der zweite Teil, nachdem Gonzo geflohen ist, gestaltet sich deutlich dynamischer. Nun stehen die Ereignisse der Wende im Zentrum des Geschehens. Glaubhaft, authentisch und konsequent am historischen Wirklichkeitsmaterial orientierend, schildert Grit Poppe die Zustände, die im Herbst 1989 in der deutschen Botschaft in Prag herrschten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Roman als zeitgeschichtlicher Roman zum Mauerfall einstufen. Dem hybriden Charakter des Genres entsprechend (vgl. von Glasenapp 2005, S. 21f.) vermischt sich der Roman sowohl mit dem Liebes- als auch mit dem Adoleszenzroman: Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen Gonzo und René, verbunden mit der Entwicklung Gonzos. Aufgrund dessen, was die Protagonistin in Torgau erleben musste, handelt es sich jedoch um eine gestörte Adoleszenz: Sie ist tief verunsichert, hat Mühe zu vertrauen, kann sich René nur schwer, zuweilen auch gar nicht öffnen und ist deshalb in ihrer Entwicklung blockiert. Am Ende aber scheint eine Hoffnungsperspektive auf, da Gonzo es wagt, sich gemeinsam mit Anja der Vergangenheit zu stellen.

Zum zweiten Mal gelingt Grit Poppe mit Abgehauen ein authentischer, erschütternder literarischer Blick auf einen Teil verdrängter und tabuisierter DDR-Geschichte, hier aber nun gekoppelt mit der Geschichte von Flucht und Ausreise in den Westen.

Fazit
Mit Abgehauen kann die Potsdamer Autorin Grit Poppe an die authentische Erzählweise ihres ersten Jugendromans zum Thema anknüpfen. Sie legt hier eine dramatische und spannende Flucht-Geschichte vor, mit der sie sich eindrücklich an der Verarbeitung deutsch-deutscher Geschichte beteiligt und diese für Jugendliche literarisch angemessen aufarbeitet.

Literatur
von Glasenapp, Gabriele: "Was ist Historie? Mit Historie will man was". Geschichtsdarstellungen in der neueren Kinder – und Jugendliteratur. In: von Glasenapp, Gabriele/Wilkending, Gisela (Hrsg.): Geschichte und Geschichten. Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang 2005 S. 15-40.

Internet
www.grit.poppe.de/interview


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