von Prof. Dr. Julia Benner

Dem ein oder anderen dürfte aufgefallen sein, dass die Weihnachtszeit alljährlich von einem seltsamen Phänomen begleitet wird: Zuhauf verschwinden süße Leckereien und werden nie wieder gesehen. Es ist der Verdienst des Helgoländers James Krüss, aufgedeckt zu haben, dass es sich hierbei um das Machwerk eines dekadenten Nagetiers handelt: der Weihnachtsmaus. In dem vorliegenden Band, vertiefend illustriert von Annette Swoboda, kann der geneigte Leser viel über dieses seltene Tier, das entfernt mit der Loriot'schen Steinlaus verwandt zu sein scheint, erfahren. Nichtsdestotrotz bleibt die Weihnachtsmaus – wie es in dem Buche heißt – "sonderbar (sogar für die Gelehrten)".

Krüss, James (Text)/Swoboda, Annette (Ill.): Die Weihnachtsmaus.
Bastei Lübbe, Köln 2011.
32 S., 12,99 €
ISBN 978-3414822727

Inhalt

Die Weihnachtsmaus macht sich ausschließlich an Weihnachten bemerkbar. Vom Duft fein gewürzter saisonaler Süßigkeiten aus tiefen Schlummer geweckt, stibitzt sie allerlei Köstlichkeiten. Aus irgendeinem Grunde kann das listige Tier bei diesen räuberischen Aktivitäten jedoch nie dingfest gemacht werden. So verschwinden Festgebäck, Marzipan und ein Weihnachtsmann aus Eierschaum, während die Kinder der Familie, Nelly, Peter, Christian, Ernst und Hans, sowie auch der Vater jeweils ihre Unschuld beteuern:

"Da sagte jeder rundheraus:
Ich habe nichts genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen."

Sobald dann aber der ganze Naschkram restlos verschwunden ist, ist auch von der Maus keine Spur mehr zu entdecken, was ein Grund dafür ist, dass ihre Existenz nicht unangezweifelt bleibt.

Kritik

Das Gedicht von James Krüss gehört vielleicht nicht unbedingt zu seinem bekanntesten Werken, doch ist es sicherlich einer der lustigsten und schönsten weihnachtlichen Kindertexte für Kinder ab vier Jahren. Ähnlich wie zum Beispiel in Der Zauberer Korinthe, der immer etwas anderes schrieb, als was er schreiben wollte, wird hier mit einem Augenzwinkern von Missgeschicken berichtet, die einem übernatürlichen und dazu sehr kleinen Hausbewohner zugeschoben werden. In beiden Gedichten bleibt es dem/der RezipientIn selbst überlassen, ob er/sie an den winzigen Schelm glauben will oder nicht. So endet Der Zauber Korinthe mit dem Vers:

"Und wer das Lied nicht glauben will
Vom Schri, vom Schra, vom Schreiben,
der ist wahrscheinlich selber schuld
und läßt es eben bleiben."

Ähnlich klingt auch Die Weihnachtsmaus aus:

"Doch sag ich nichts, was jemand kränkt.
Das könnte euch so passen.
Was man von Weihnachtsmäusen denkt,
bleibt jedem überlassen."

Der – zumindest vorgetäuschte – Glaube an Zauberer und Maus ist wiederum in gewissen Rechtfertigungssituationen äußerst nützlich und verleitet zur praktischen Anwendung im eigenen Haushalt, da Schreibzauberer und Weihnachtsmaus aufgrund ihrer Nicht-Auffindbarkeit jeweils einen idealen Sündenbock darstellen.

Lange kann man sich an den farbenfrohen Bildern von Annette Swoboda erfreuen, in denen es viel zu entdecken gibt. Die Illustration des ersten Verses bildet beispielsweise einen fiktiven Lexikoneintrag über die Weihnachtsmaus ("Mus Musculus Natalis") ab und leitet damit das Geschehen wunderbar ein. Andere Bilder zeigen, wie sich die freche Maus einen Kringel angelt oder mit einem Einrad zirkusreif über eine Schnur balanciert. Dies wird mit der gebäcklosen Familie kontrastiert, die derweil vergeblich nach dem Verschwundenen sucht. Dabei macht vor allem die Mutter (das einzige Familienmitglied, das weder des Mundraubes bezichtigt wird noch sich über das Fehlen ihrer Süßigkeiten beklagt) einen müden Gesichtsausdruck. Eine Doppelseite später geht es im Mauseloch hingegen munter zu, denn dort wird mit dem eroberten Zuckerzeug und Maushausmusik zünftig gefeiert. Schön sind die Details, wie zum Beispiel der improvisierte Weihnachtsbaum , der in Ermangelung eines handelsüblichen Ständers in eine Mutter gestellt und mit ein paar Stöckchen fixiert wurde, oder die Dartscheibe, auf der ein Portrait einer Katze befestigt worden ist.

Fazit
Die Weihnachtmaus ist ein leicht 'bekömmliches' Buch für die Adventsplätzchenzeit, das einfach Spaß macht. Die Verse von James Krüss sind nicht nur witzig, sondern auch gut zu merken und nachzusprechen, die Illustrationen von Annette Swoboda bunt, aber nicht kitschig.  

Einen Überblick über weitere Weihnachtsbuchrezensionen finden Sie hier.


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