Gerd Scherm im Gespräch mit Michael Stierstorfer

Gerd Scherm (*1950) ist einer der aktivsten Autoren und Kulturschaffenden der Bundesrepublik. Einem großen Publikum wurde er mit seiner in der All-Age-Fantasy verorteten "Nomadengott-Saga" bekannt, für deren ersten Band er 2004 auf der Leipziger Buchmesse mit dem "Autoren Award" ausgezeichnet wurde. Im Rahmen der Tagung "Verjünge Antike" führte Michael Stierstorfer mit ihm ein Interview, das hier erstmals veröffentlicht wird.

 Gerd Scherm im Gespräch mit Michael Stierstorfer. Foto: Michael Stierstorfer

Michael Stierstorfer: Lieber Herr Scherm, Sie haben lange Zeit als Kreativdirektor für die Rosenthal AG gearbeitet, haben die Literaturzeitschrift UmDruck mitherausgegeben und sind als bildender Künstler tätig. Wie sind Sie zur Schriftstellerei gekommen?

Gerd Scherm: Ich fing mit 16 Jahren mit Gedichten und kleinen Erzählungen an, und habe mit dem literarischen Schreiben nie aufgehört. Mit 21 Jahren habe ich für meinen Drama-Erstling Der Clan zwar einen Preis bekommen, aber das ist keine Basis für den Lebensunterhalt. Mein Schreibtalent habe ich dann als Werbetexter genutzt und das bildnerische Talent  in der Grafik. So konnte ich es mir leisten, Literatur zu machen. 

Ihren ersten Roman aus der prämierten Reihe um den Propheten Seshmosis  (Der Nomadengott, 2003), der mit seinem Volk der Tajarim verschiedene reale und mythische Welten erkundet, haben Sie im Eigenverlag herausgebracht. Wie haben Sie es geschafft, dass der Roman so populär wurde und schließlich von dem bekannten Heyne-Verlag ins Programm aufgenommen wurde?

Der Nomadengott wurde in mehr als 50 Zeitungen, Magazinen und Webseiten rezensiert und als erstes selbstverlegtes Buch für den renommierten Phantastikpreis der Stadt Wetzlar nominiert. Er kam hinter Corneia Funkes Tintenherz auf Platz 2. Das machte den Roman auch für einen großen Verlag interessant.

Diesem Erfolg ist es sicher auch zu verdanken, dass Sie die Reihe fortgesetzt haben. Im zweiten Band der Nomadengott-Reihe Die Irrfahrer (2007) nehmen Sie die griechische Mythologie auf die Schippe. Warum haben sie sich für die antiken Sagen als Stoffgrundlage entschieden?

Zum einen liebe ich Sagen und Mythen, zum anderen reizen sie mich, sie genauer zu betrachten. Ich empfinde viele antike Sagen als parteiische Siegergeschichten – glorreiche strahlende Helden, deren dunkle Seiten meist verschwiegen werden.  Aber genau diese möglichen dunklen Seiten finde ich spannend, daraus mache ich meine Geschichten. Es ist für mich ein Spiel auf einem Schachbrett, das gleich viele helle und dunkle Felder hat.

Ihnen macht es offensichtlich Spaß, Heroenbilder zu dekonstruieren. Wollen Sie dadurch Ihre LeserInnen zur Akzeptanz eines ambivalenten, differenzierten Menschenbildes bewegen, fernab der "weichgespülten" Mainstream-Superhelden?

Ja. Das wäre sehr schön, wenn ich das erreichen könnte.

Neben der griechischen Mythologie funktionalisieren Sie in Die Irrfahrer auch Elemente und Motive aus der biblischen Mythologie, wie z.B. den Propheten Moses und den christlichen Gottvater. Zudem setzen Sie beide Mythologien in Konkurrenz zueinander. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen diesen beiden doch sehr unterschiedlichen Mythologien?

Der Zusammenhang ist ganz einfach: Es gibt Mächte, die größer sind als der Mensch, wie immer man diese Mächte benennen mag – ein Gott, viele Götter, Dämonen, Engel, das Schicksal, den Kosmos usw. Sogar der kleine, nur 30 cm große Gott ohne Namen GON meiner Romane ist mächtiger als jeder Mensch. Mich faszinierte die Idee, was passieren könnte, wenn konkurrierende Gottesvorstellungen aufeinander treffen. Und zwar nicht in Form von Religionskriegen, sondern in Streit und Intrigen untereinander von "denen da oben". Natürlich wird dabei der Mensch immer zum Werkzeug – und Opfer.

In ihrem gerade thematisierten Roman Die Irrfahrer erzählen Sie die Standardversionen eines Mythos kurz nach und etablieren dann ihre eigene parodistische Version des Mythos. So inszenieren Sie den Minotaurus als Vegetarier und Theseus als herrschsüchtigen Bösewicht. Worin liegt für Sie der Reiz dieser "Mythenkorrektur"?

Der Reiz liegt im humoristischen Potenzial, vertraute Inhalte auf den Kopf zu stellen und dann gegen die Wand zu fahren. Das bricht Wahrnehmungsgewohnheiten auf. Theseus, der strahlende Held kehrt nach Athen zurück. Dabei vergisst er rein zufällig, das vereinbarte Signal, das schwarze Segel gegen ein weißes auszutauschen und treibt so seinen Vater in den Selbstmord. Daraufhin wird er selbst König von Athen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dass Theseus anschließend mehr als fünfzig Verwandte  aus dem Weg räumte, die ihm die Herrschaft hätten streitig machen können, spricht ebenfalls für seinen stark ausgeprägten Willen zur Macht.

Von Alexander dem Großen bis zu Generälen des 2. Weltkriegs schliefen Feldherren mit der Ilias unter dem Kopfkissen. Für mich Grund genug, diese strahlenden heldischen Vorbilder ein wenig abzuklopfen und eine alternative Lesart anzubieten.

Der Roman Die Irrfahrer mündet nicht wie viele mythopoetische Werke des amerikanischen Mainstreams in einem traditionellen Familienmodell. Der "Stubengelehrte" Seshmosis bleibt auch am Ende des Romans allein. Jedoch hatte er einen aufregenden One-Night-Stand mit der Amazone Cleite, woraus ein Sohn hervorgeht, der jedoch vom Vater getrennt aufwächst. Damit sind beide Protagonisten glücklich. Ist dieses Ende als Plädoyer dafür anzusehen,  dass in der (Kinder- und Jugend-) Literatur mehr solche alternative Modelle abgebildet werden sollten, um Akzeptanz für Pluralismus zu schaffen?  

Ja, durchaus. Ich selbst habe einen Sohn aus einer kurzen Ehe mit einer Amerikanerin, der getrennt von mir aufgewachsen ist. Überhaupt hat Seshmosis einige Wesensmerkmale mit mir gemeinsam.

Welche weiteren Wesensmerkmale meinen Sie damit?

Nun, ich bin Schreiber wie Seshmosis und wie er bin ich ein Stubenhocker. Ich habe nicht das Bedürfnis, jedes Abenteuer selbst zu erleben, mich durch unwegsames Gelände zu quälen und in unbequemen Betten zu schlafen. 

Nach dieser sehr persönlichen Frage wollen wir nun zur Leserschaft der Nomadengott-Reihe übergehen. Werke der Phantastik werden in der Regel sowohl von Kindern als auch Jugendlichen bis hin zu Erwachsenen gelesen (All-Age-Literatur). Welche Leserschaft intendieren sie und weshalb?

Möglichst viele. Ich habe auch an der Resonanz gemerkt, dass das Altersspektrum für meine Romane ziemlich groß ist. 

Lassen Sie uns ein wenig hinter die Kulissen Ihres Schaffens blicken. Prominente antike Autoren für weit verbreitete Standardversionen von Mythen sind u.a. Homer, Hesiod und Ovid. Als moderne Nacherzählungen haben sich die Kompendien von Gustav Schwab und Dimiter Inkiow etabliert. Welche antiken oder modernen Vorlagen haben Sie bei der Arbeit an Ihrem Roman Die Irrfahrer inspiriert? 

Ich habe für alle meine Romane der Saga intensiv recherchiert. Bei den Irrfahrern waren für mich Ovids Metamorphosen sehr inspirierend, denn was ich mache, ist ja nichts anderes als Metamorphosen der bekannten Geschichten und ihrer Akteure.

Zu dem gerade von Ihnen genannten Epos habe ich eine typisch altphilologische Frage: Haben Sie die Metamorphosen im lateinischen Original oder in Übersetzung gelesen? Welche Ausgabe haben Sie für Ihre Recherchearbeit verwendet?

In Deutsch. Die Ausgabe von dtv/Artemis in der Übersetzung von Erich Rösch.

Auch aus Amerika stammen prominente Werke, die antike Mythen parodieren. Dazu gehören der Zweiteiler Schwein, gehabt Zeus! (2005-2006) und  die Percy-Jackson-Reihe (2006-2009). Wie stehen Sie zu diesen Werken?

Ich muss gestehen, Schwein gehabt, Zeus! habe ich immer noch nicht gelesen. Von der Percy-Jackson-Reihe habe ich nur Diebe im Olymp im TV gesehen, aber das war lange nachdem ich die drei bisherigen Romane meiner Saga geschrieben hatte. Bei Percy Jackson finde ich den Ansatzpunkt ganz reizvoll, dass die antiken Götter immer noch agieren und es nach wie vor Kreuzungspunkte zur Menschenwelt gibt.

Die Percy-Jackson-Reihe hat unbestritten dafür gesorgt, dass antike Mythen auch bei Jugendlichen abseits des Schulunterrichts wieder populärer werden. Immer wieder wird in der Öffentlichkeit über den Nutzen des Lateinunterrichts und den darin inbegriffenen antiken Mythen diskutiert. Worin sehen Sie die Aktualität von antiken Mythen für unsere Zeit?

Die Mythen gehören zu den Grundlagen unserer Kultur. Sie erzählen uns von Menschen und wie sie sich verhalten. Sie vermitteln Grundstrukturen unseres DenkFühlens – von Hybris und Selbstopfer, von Vatermord und Liebesrausch, von Verrat und Loyalität, von Hass und Freundschaft.

Herr Scherm, Sie haben in Ihrer Karriere zahlreiche Preise und Auszeichnungen, wie z.B. den "Autoren Award" auf der Leipziger Buchmesse und den "Friedrich-Baur-Preis" für Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste erhalten. Welche Bedeutung messen Sie derartigen Preisen bei? 

Ich denke, Anerkennung tut jedem Menschen gut. Der Schriftsteller braucht sehr viel Ausdauer, um die Langstrecke eines Romans zu bewältigen, vor allem wenn die Arbeit, wie bei mir, mit viel Recherche verknüpft ist. Wenn man nicht gerade ein Bestseller-Autor ist, liegen die Honorare auf die Arbeitszeit umgerechnet nicht einmal beim Mindestlohn. Da hilft dann das Preisgeld für die Haushaltskasse und die Anerkennung hebt die Motivation.

Preise schaffen sicherlich auch Motivation für das Verfassen von neuen Romanen. Gerade arbeiten Sie an einem vierten Teil der Reihe um den Nomadengott GON. Das Problem an Reihen ist bekanntermaßen, dass sie häufig dasselbe lediglich in neues Gewand gehüllt präsentieren. Noch dazu ist der Phantastik-Markt mit Reihen ziemlich übersättigt. Was unterscheidet Ihr Werk von der Masse? 

Der Unterschied liegt wohl im Konzept meiner Reihe. Es geht mir nicht um irgendeinen fantastischen Abenteuer-Plot, sondern um die mythologischen Säulen des Abendlands. 

Im Nomadengott ist die ägyptisch-jüdische Mythologie, in den Irrfahrern die Mythologie der Antike und bei den Weltenbaumlern die Mythologie der Germanen als Schwerpunkt gesetzt . Im vierten Teil der Die Trickster heißen wird, steht dann die keltische Mythologie mit einer Querverbindung zur Artussage im Mittelpunkt.

Das Gewand, sprich der Rahmen meiner Romane, ist allein schon deshalb unüblich, weil sie sich immer auf vorhandene und mehr oder weniger weit verbreitete Literatur stützen – die Bibel, die Ilias und die Odyssee, die Edda und das Nibelungenlied, das Mabinogi und die Artussage.

Die Konzeption dieses vierten Bandes hört sich wirklich interessant und vielversprechend an. Haben Sie darüber hinaus weitere Buchprojekte?

Neben dem vierten Band der Nomadengott-Saga arbeite ich an den imaginären, sehr skurrilen Tagebuchaufzeichnungen eines fiktiven Prager Schriftstellers aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein buntes Kaleidoskop der untergehenden KuK-Monarchie und der explosiven Dynamik der neuen Zeit. Ein weiteres Projekt, bei dem ich Historie und Fiktion miteinander verwebe.

Lieber Herr Scherm, vielen Dank für das Interview. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen viele weitere einschlägige, literarische Erfolge, die auf antike oder andere Mythen Bezug nehmen! 

 

Gerd Scherm wurde 1950 in Fürth geboren. Bereits mit 16 Jahren verfasste er erste überregionale Veröffentlichungen. In den 70er Jahren gründete er das Fürther Kulturkollektiv Kukoll und gab die Literaturzeitschrift Umdruck heraus. 1972 wurde sein erstes Drama „Der Clan“ in Fürth uraufgeführt. Des weiteren arbeitete Scherm als Kreativdirektor der Rosenthal AG und organisierte zusammen mit seiner Frau Friederike Gollwitzer regelmäßig Literatur- und Künstlertage. Zudem ist Scherm Gastdozent für Kultur- und Religionssoziologie an der Freien Universität Berlin und der Universität St. Gallen. Sein Oevre umfasst Gedichte, Erzählungen, experimentelle Texte, Satiren, Essays, Romane, Libretti und Dramen. 2004 wurde er für seinen All-Age-Fantasy-Roman „Der Nomadengott“ auf der Leipziger Buchmesse mit dem „Autoren Award“ ausgezeichnet und zusätzlich für mehrere Literaturpreise nominiert. Durch diese „Nomadengott-Saga“ wurde Scherm überregional bekannt und belegte auf Bestseller-Listen obere Plätze. 2006 erhielt er schließlich für sein Gesamtwerk den Friedrich-Baur-Preis für Literatur von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (München).

Ein Interview Michael Stierstorfers mit Daniela Ohms finden Sie hier.

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