[11.09.2018]

In einer "Hamburger Erklärung" fordern Hamburger Persönlichkeiten aus Bildung, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft die Politik auf, mehr in die Bildung zu investieren, damit alle Kinder das Lesen lernen. Unterstützt wird die Initiative etwa vom PEN-Zentrum Deutschland – auf change.org kann die Petition unterzeichnet werden.

Der Journalist, Autor und Mitinitiator, Ulrich Wickert, unterstreicht aktuell in einer Videobotschaft die Bedeutung der Petition: 

Quelle: Ulrich Wickert: Jedes Kind muss lesen lernen! - Hamburger Erklärung (11.09.2018)

Die Erklärung

Seit dem vergangenen Dezember wissen wir: Knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland kann nicht so lesen, dass der Text dabei auch verstanden wird (18,9%, Internationale IGLU-Studie 2016). Im internationalen Vergleich ist Deutschland damit seit 2001 von Platz 5 auf Platz 21 aller beteiligten Länder abgerutscht und liegt unter dem EU- wie dem OECD-Durchschnitt. Zudem ist Deutschland das Land, bei dem das Ergebnis am stärksten von der sozialen Herkunft abhängt. Wer nach der Grundschulzeit nicht sinnentnehmend lesen kann, wird es in den weiterführenden Schulen nicht lernen. Denn hier wird Lesen nicht mehr gelehrt, sondern vorausgesetzt.

Lesen ist noch immer DIE Schlüsselqualifikation für die Teilhabe an der Gesellschaft. Die betroffenen 18,9 % der Kinder werden einmal unsere Erwachsenen sein. Neben den Folgen, die eine fehlende Lesefähigkeit für jeden Einzelnen von ihnen haben wird, sind auch die Folgen für die Gesellschaft insgesamt erschreckend. Ohne die Möglichkeit, einen qualifizierten Beruf zu erlernen, werden die meisten dieser Menschen vermutlich jahrzehntelang auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Umso wichtiger, dass JETZT in die Bildungspolitk investiert wird.
Die 16 Länder, die Deutschland im Ranking seit 2001 überholt haben, beweisen, dass und wie es möglich ist, die Lesefähigkeit aller Kinder signifikant zu steigern. Ein Land wie Deutschland, dessen wichtigste wirtschaftliche Ressource ein hoher Bildungsstand seiner Bevölkerung ist, kann das Thema nicht länger marginalisieren. Der Verweis auf gewachsene Probleme in der Schülerschaft reicht nicht aus. Auf die Analyse muss die Lösung folgen, und diese Lösung darf nicht länger an Elternhäuser und Ehrenamtliche delegiert werden. Nur die Schule erreicht wirklich alle Kinder.

Die Unterzeichner fordern die Politik in allen Bundesländern, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, die Kultusministerkonferenz und die Bildungsminister aller Bundesländer daher dazu auf, für folgende Punkte Sorge zu tragen:

  • Das Lesenlernen und Lesen muss sehr viel stärker in den Fokus der Bildungspolitik rücken.
  • An den Grundschulen müssen frühzeitig Fördermaßnahmen in Kleingruppen eingeführt werden, die sich auf die reichlich vorliegenden Erkenntnisse der Leseforschung und die Erfahrungen der Lehrer stützen.
  • Diese Förderstunden dürfen nicht für Vertretungsunterricht zweckentfremdet werden.
  • Es müssen ausreichend Grundschullehrer eingestellt werden, um dieses Ziel umzusetzen. Das heißt: An den Hochschulen müssen deutlich mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung geschaffen werden.
  • Es muss Schulbibliotheken, Lesungen und Lektüreprogramme gerade auch an solchen Schulen geben, deren Schülerschaft eher bildungsfern ist. Die Lektüre altersgerechter Bücher vermittelt die Fähigkeit, komplexere Zusammenhänge aus längeren Texten zu entnehmen. So kann man später zum Beispiel Zeitungsartikel lesen und verstehen.
    Für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden. Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.

Unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus. Deutsche Grundschulen müssen es schaffen, alle Kinder das Lesen zu lehren!

Erstunterzeichner

  • Christian Berg, Kindermusicalproduzent und Autor
  • Dr. Kirsten Boie, Kinderbuchautorin
  • Prof. Birgit Dankert, Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin
  • Dr. Klaus von Dohnanyi, ehem. Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg
  • Dr. Dagmar Gausmann-Läpple, Gründerin und Geschäftsführerin Kinderbuchhaus im Altonaer Museum
  • Prof. Dr. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender ZEIT-Stiftung und Autor
  • Dr. Ulla Hahn, Autorin
  • Nikolaus Hansen, Harbourfront Literaturfestival Hamburg, Festivalleitung
  • Thomas Helfer, Vorsitzender Mentor. Die Leselernhelfer, Hamburg
  • Prof. Dr. Petra Hüttis-Graff, Universität Hamburg, Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
  • Prof. Dr. Ute Krauß-Leichert, Professorin für Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW Hamburg
  • Nina Kuhn-Moritz, Vorsitzende Seiteneinsteiger e.V. Hamburg
  • Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg
  • Dr. Stephan Loos, Direktor Katholische Akademie Hamburg
  • Prof. Dr. Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, Autor
  • Prof. Dr. Astrid Müller, Universität Hamburg, Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
  • Kent Nagano, Hamburgischer Generalmusikdirektor, Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
  • Alexander Röder, Hauptpastor St. Michaelis
  • Sybil Gräfin Schönfeldt, Autorin und Journalistin
  • Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Leiter Zentrum für Psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; Ärztlicher Direktor Klinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik
  • Hella Schwemer-Martienßen, Bibliotheksdirektorin
  • Saša Stanišić, Autor
  • Bettina Tietjen, Moderatorin
  • Dr. Regula Venske, Schriftstellerin, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland
  • Ulrich Wickert, Journalist und Autor
  • Prof. Dr. Thomas Zabka, Universität Hamburg, Didaktik der deutschen Sprache und Literatur
  • Rolf Zuckowski, Komponist, Textdichter, Sänger

Zur Petition

[Quelle: Petition und Börsenblatt.net]


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