[02.11.2020]

Rund 32 Prozent der Eltern in Deutschland lesen ihren Kindern selten oder nie vor – diese Zahl ist seit Jahren konstant. Erstmalig geht die Vorlesestudie 2020 der Frage nach, welche Gründe dahinterstecken.

Für die Vorlesestudie 2020 der Stiftung Lesen wurden zwischen dem 26. Mai 2020 und dem 25. Juni 2020 bundesweit 528 Eltern (358 Mütter, 170 Väter) mit 1- bis 6-jährigen Kindern, die maximal einmal pro Woche vorlesen, zu ihrem Vorleseverhalten befragt. Die Ergebnisse aus den persönlichen Befragungen sind repräsentativ für die Gruppe der selten und nie vorlesenden Eltern und geben Aufschluss über ihre Gründe.

Wenig Zeit

Häufig fehlt es an Zeit und Bereitschaft zum Vorlesen. Die Hälfte der befragten Eltern gibt an, dass es im Haushalt anderes zu tun gebe und sie zu erschöpft seien zum Vorlesen. Zudem sehen sich 48 Prozent der Eltern selbst gar nicht in der Rolle und Verantwortung für das Vorlesen. Sie gehen davon aus, dass ihren Kindern woanders schon genug vorgelesen wird, vor allem in der Kita. Dass gerade sie als Eltern wichtig sind, ist ihnen oftmals nicht bewusst.

"Vorlesen ist für viele der Befragten eine zusätzliche Belastung in ihrem Alltag", sagt Dr. Rainer Esser, Geschäftsführer der ZEIT Verlagsgruppe. Sie fühlen sich häufig nicht in der Lage, ihren Kindern vorzulesen, weil sie hierfür keine Zeit und Energie aufbringen können. Die befragten Eltern sehen sich mit einer Aufgabe konfrontiert, die sie überfordert. Vorlesen passt nicht in ihren stressigen Alltag.

Wenig Bücher

Auch mangelt es in vielen Haushalten an Vorlesestoff. 68 Prozent der befragten Haushalte geben an, dass ihre Kinder maximal zehn Bücher haben. Sie sehen diese Tatsache häufig nicht als Manko, allerdings fänden es 57 Prozent der befragten Eltern gut, wenn ihre Kinder regelmäßig Bücher geschenkt bekämen. Die Studie zeigt auf, dass Buchgeschenke die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Eltern häufiger vorlesen.

"Geschichten müssen zu den Familien kommen, egal ob als Buch oder digital", fordert daher Jürgen Kornmann, Leiter Marketing & PR der Deutschen Bahn AG und Beauftragter Leseförderung der Deutsche Bahn Stiftung. "Vorlesestoff sollte im Alltag überall verfügbar sein – attraktiv, unkompliziert, niedrigeschwellig und in möglichst vielen Sprachen."

Wenig Spaß

Neben Zeitproblemen und mangelndem Lesestoff gaben 49 Prozent der Eltern an, dass ihnen Vorlesen keinen Spaß mache. Damit gehen häufig sehr kritische Vorstellungen vom Vorlesen einher. Die Eltern glauben, schauspielern und ihre Kinder zum geduldigen Zuhören zwingen zu müssen. Für eine kleine Gruppe von Eltern ist auch die eigene Lesekompetenz eine Hürde und Grund dafür, dass sie keine Freude am Vorlesen empfinden: "Viele der befragten Eltern stehen dem Vorlesen kritisch gegenüber – es macht ihnen keinen Spaß, weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlen", sagt Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer Stiftung Lesen. "Die Hälfte hat in ihrer eigenen Kindheit zu Hause keine Vorleseerfahrungen gemacht. Ihnen fehlt das Vertrauen, dass Vorlesen jederzeit und überall ohne Übung möglich ist."

Wie wichtig das Vorlesen für die Entwicklung der Kinder ist, zeigen die Ergebnisse aus den zurückliegenden Vorlesestudien:

  • Vorlesen fördert die Lesemotivation und das Leseverhalten (2011/2018)
  • Vorlesen fördert die sprachliche Entwicklung (2018)
  • Vorlesen fördert die persönliche Entwicklung (2015)
  • Vorlesen fördert die sozialen Kompetenzen von Kindern (2015/2016)
  • 91 Prozent der Kinder in Deutschland lieben es, wenn ihnen vorgelesen wird und wünschen sich, dass dies noch viel öfter geschieht. (2016)

Das Potential des Vorlesens kennt auch Dr. Jörg F. Maas und plädiert dafür, Vorstellungen zu verändern und Hemmschwellen abzubauen:

Dennoch profitieren Kinder durch das Vorlesen für ihre persönliche Entwicklung und Eltern, die vorlesen, verbessern die Bildungschancen ihrer Kinder nachweislich.
Deshalb müssen und wollen wir die Hemmschwellen abbauen und den Eltern zeigen, dass Vorlesen in jeder Familie möglich ist. Wir wollen konkret zeigen, wie und was sie ihren Kindern vorlesen können; dass Vorlesen viel leichter ist als viele denken und allen – Eltern wie Kindern – eine Menge Spaß bereiten kann. Denn es geht um die Kinder und ihre Entwicklung. Also: Lesen Sie Kindern vor – regelmäßig, am besten jeden Tag!

Ein toller Anlass, den eigenen und auch anderen Kindern vorzulesen, ist der bundesweite Vorlesetag, der am 20. November 2020 stattfindet. Weitere Informationen und Hinweise zur Anmeldung finden Sie hier.

Alle Ergebnisse der Vorlesestudie 2020 sowie Vorleseempfehlungen für Kinder zwischen einem und acht Jahren finden Sie hier und unter www.stiftunglesen.de/vorlesestudie.

[Quelle: https://www.stiftunglesen.de/forschung/forschungsprojekte/vorlesestudie]


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